HMST
Spekulative Evolution
© 2016
- 2026
Grundidee|
Metasysteme als Systeme aus Systemen|
HMST: die evolutionäre Zukunft des Menschen|
Zur Ideengeschichte von Metasystem-Transitionen|
Keine Evolution ohne Population|
Vergangene Metasystem-Transitionen der Menschheit|
Die nächste HMST als zukünftige Evolution des Menschen|
Kandidaten für das nächste Metasystem|
Szenario 1: Staaten als neue Metasysteme|
Szenario 2: Siedlergemeinschaften als neue Metasysteme|
Szenario 3: Unternehmen als neue Metasysteme|
Szenario 4: Superintelligenzen als neue Metasysteme|
Szenario 5: Das Global Brain als neues Metasystem|
Riskante Prognosen|
Persönliche Einschätzung|
Fußnoten
Grundidee
Dieser längere Artikel behandelt die spekulative Idee einer 'Human Metasystem-Transition', kurz HMST. Die Grundidee ist, dass menschliche Gesellschaften bereits jetzt oder in (naher) Zukunft zu Teilen einer höheren, komplexeren Form von Leben, einem nächsthöheren Metasystem werden. Der Gedanke ist nicht neu und eingebettet in die Vorstellung, dass sich in der Evolution des Lebens bestimmte Sprünge auf immer höheren Stufen der Komplexität wiederholen.
Metasysteme als Systeme aus Systemen
Der Begriff der Metasystem-Transition im heutigen Sinn wurde spätestens im Jahr 1977 von Valentin Turchin (1931 bis 2010) verwendet [14], gerade auch im Sinn eines entstehenden Überwesens [147]. Aus Molekülen werden Zellen, Zellen verbinden sich zu Organismen, und aus Organismen werden Herden und Staaten: die Grundidee hinter dem Begriff der Metasystem-Transition ist, dass sich ehemals selbständige Individuen zu einer neuen Lebensform verbinden, die nach innen gerichtete Kontrollmechanismen hat [4], um die Zweckmäßigkeit des Zusammenspiels aller Teile zu gewährleisten.
MERKSATZ:
1.0 Ein Metasystem ist ein System aus Systemen.
1.0 Ein Metasystem ist ein System aus Systemen.
Metasystem-Transitionen sind damit ein Sonderfall einer evolutionären Transition. [5] Meta heißt dabei so viel wie übergeordnet oder auch höherstehend als Zwischenstufe. [6] Ein System ist ein Ganzes aus Teilen, die Beziehungen untereinander haben können. [7] Eine Transition ist ein Wechsel oder Übergang ganz allgemein. [8]
MERKSATZ:
2.0 Bei einer Metasystem-Transition schließen sich ehemals eigenständige Individuen zu einem neuen übergeordneten System zusammen.
2.0 Bei einer Metasystem-Transition schließen sich ehemals eigenständige Individuen zu einem neuen übergeordneten System zusammen.
Metasysteme im Sinne der Theorie der Metasystem-Transitionen benötigen einige Eigenschaften zwingend. Nur dann können sie effektiv als bio-analoges Metasystem im Sinne der Metasystem-Theorie funktionieren. Zwingende Eigenschaften sind:
- a) Eine ausreichend große Population [86]
- b) Vermehrung statt Größenwachstum [87]
- c) Genetische Kodierung der Merkmale [85]
- d) Gemeinsame Keimbahn aller Individuen [83]
Andere Eigenschaften scheinen typisch für einige Metasysteme zu sein. Aber es gibt Ausnahmen oder es gibt keine logisch zwingenden Gründe, dass diese Merkmale vorhanden sein müssen. Eigenschaften, die einer Sache zukommen können, aber nicht müssen, nennt man in der Philosophie akzidentell. [91] Solche akzidentellen Eigenschaften von Metasystemen sind:
- f) Eine starke Arbeitsteilung [81]
- g) Apoptose von Teilindividuen [82]
- i) Die Ausbildung von Systemgrenzen (z. B. Membran, Haut) [92]
- j) Ausbildung eines Wach-/Schlafzyklus [111]
HMST: die evolutionäre Zukunft des Menschen
Die Idee der HMST, der Human Metasystem-Transition ist es, dass aus der Menschheit gerade ein neues Metasystem entsteht. Dabei sollen, so der Gedanke, dieselben Mechanismen oder Evolutionsdrücke wirken, die zum Beispiel auch schon bei der Entstehung von Vielzellern aus Einzellern oder von Insektenstaaten aus Einzelinsekten wirksam waren. Mit diesen Grundannahmen kann man begründet über die Zukunft der menschlichen Evolution spekulieren.
MERKSATZ:
3.0 Vielzeller wie die Volvox-Kugelalge oder auch ein Ameisenstaat zeigen vielleicht, wie die nächste menschliche Entwicklungsstufe hin zu einem Superorganismus aussehen könnte.
3.0 Vielzeller wie die Volvox-Kugelalge oder auch ein Ameisenstaat zeigen vielleicht, wie die nächste menschliche Entwicklungsstufe hin zu einem Superorganismus aussehen könnte.
Nimmt man die Idee wiederkehrender Metasystemen-Transitionen ernst, so müssten zum Beispiel menschliche Gesellschaften entstehen, bei denen nur noch ein Individuum Nachkommen erzeugt, umsorgt von einer Kaste unfruchtbarer Eunuchen oder Arbeiterinnen. [58] Tatsächlich beobachtet man in reichen Nationen einen solchen Trend. Begünstigt durch eine starke soziale Ungleichheit können sich reiche Menschen Fürsorge für viele ihrer Kinder einkaufen, während genauso diese Arbeiter selbst weniger Kinder haben. [59] Weiter unten werden dann weitere solche Vergleiche vorgestellt und diskutiert. Zunächst aber soll ein Blick in die Historie zeigen, welche ideengeschichtlichen Wurzeln die Idee einer Metasystem-Transition hat.
Zur Ideengeschichte von Metasystem-Transitionen
Die Idee, dass menschliche Gesellschaften ähnlich wie Tiere oder einzelne Menschen aufgebaut sind, also Organismen in Groß sind, reicht zurück bis in die Antike. [44] Die Idee einer hierarchischen Ordnung der Welt, von den leblosen Objekten bis hin zu Gott, war dann vor allem für die christliche Theologie bis hin in die Neuzeit ein fester Bestandteil.

Ein Bild aus dem Jahr 1305 zeigt augenfällige Übereinstimmungen mit modernen Darstellungen von anwachsender Komplexität. Ganz unten findet man Steine, darüber Blumen, Bäume, Tiere, den Menschen (homo), Engel (angeli) und schließlich Gott (deus) als höchste Stufe des Seins. [47]
Die sogenannte Scala naturae, die natürliche Ordnung gab jeder Lebensform und jedem Gegenstand seinen festen Platz in der Welt. Ganz unten befand sich die Hölle, ganz oben Gott und dazwischen die Bewohner des irdischen Bereiches. [48] Diese natürliche Ordnung war nicht nur deskriptiv, also rein beschreibend. Sie war auch normativ, also wertsetzend im Sinne eines So-soll-es-sein.

Die Aufrechterhaltung der natürlichen Ordnung, insbesondere im Sinne einer hierarchischen Ständeordnung innerhalb menschlicher Gesellschaften, war eines der Werte des Katholizismus.
Und auf gesellschaftlicher Ebene sah man auch schon früh den Staat in enger Analogie zu einem einzelnen Menschen. Doch blieben solche Vergleiche meist metaphorisch beschreibend.

Der Staat als Individuum reicht als Idee in Westeuropa bis mindestens ins Mittelalter zurück.
MERKSATZ:
4.0 Ähnlichkeiten zwischen Lebewesen und Gesellschaften beschrieb man schon in der Antike und im Mittelalter.
4.0 Ähnlichkeiten zwischen Lebewesen und Gesellschaften beschrieb man schon in der Antike und im Mittelalter.
Bis etwa zur Zeit um das Jahr 1800 sah man die Welt als eine statische Bühne an und nicht als ein sich entwickelndes Ganzes. Das Alter der Erde schätzte man auf etwas über viertausend Jahre. [49] Fossilfunde, etwa von Fischen deutete man nicht als Hinweis darauf, dass heutiges Festland einmal Meeresboden gewesen sein könnte, sondern als eine Laune der Natur. [56] Noch heute berühmt ist die Deutung des Fossils eines Riesensalamanders aus den Schweizer Bergen als Skelett eines in der biblischen Sintflut ersäuften Menschen aus dem Jahr 1726. [57]
MERKSATZ:
5.0 Bis etwa 1800 sah man die Welt als statisch an, als eine ewige, göttlich eingerichtete Ordnung.
5.0 Bis etwa 1800 sah man die Welt als statisch an, als eine ewige, göttlich eingerichtete Ordnung.
Erst als Geologen gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine erste Ahnung von der Unermesslichkeit der Zeiträume der Erdgeschichte bekamen, löste man sich allmählich vom Bild einer statisch immer gleichen Welt. Man begann, etwas von der Tiefe der Zeit zu erahnen. [50] Dann aber wandelte sich das Weltbild schnell. In den Geschichtswissenschaften reifte das Konzept von einem Weltprozess [51], mit dem Marxismus als folgenreiches Beispiel [52]. Im Jahr 1841 tritt der Name Dinosaurier und damit auch endgültig das lange Werden und Vergehen von Lebensformen auf der Erde in die Geschichte ein. [55] In der Biologie erkannten in den 1850er Jahren Alfred Russell [53] und Charles Darwin [54], dass selbst die Vielfalt der Lebensformen Ergebnis einer langen Entwicklung ist, nämlich der Evolution.
MERKSATZ:
6.0 Nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt, auch die menschliche Gesellschaft wurde ab etwa 1830 zunehmend evolutionär gedacht.
6.0 Nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt, auch die menschliche Gesellschaft wurde ab etwa 1830 zunehmend evolutionär gedacht.
Mit einem direkten Bezug zu menschlichen Gesellschaften entstanden ab etwa 1840 vor allem im deutschen Sprachraum eine Vielzahl meist staatstheoretischer Schriften vom Staat als Organismus. Einige ausgewählte Beispiele sind:
- Karl Zacharia, 1839: Vierzig Bücher vom Staate
- Heinrich Ahrens, 1850: Organische Staatslehre
- Albert von Kriegen, 1873: Organische Staatstheorie
- Hugo Preuss, 1889: Die Persönlichkeit des Staates, organisch und individualistisch
- René Worms, 1896: Organisme et société
- F. W. Coker, 1900: Organismic Theories of the State
- A. H. Lloyd, 1901: The Organic Theory of Society
- Oskar Hertwig, 1922: Der Staat als Organismus
Im Rückblick bezeichnete man diese Strömung später als organische Theorie. [18] Nicht staatstheoretisch sondern rein biologisch hingegen argumentierte Ernst Haeckel, als er 1878 in einem Vortrag in Wien die enge Analogie zwischen Zellen und Organismen einerseits und Menschen und Staaten andererseits betonte. [19] Ebenso biologisch argumentierten zum Beispiel der Russe Paul Lilienfeld im Jahr 1873 [45] oder der Franzose René Worms (1869 bis 1926) im Jahr 1896. [20] Eher metaphorisch, nicht aber wörtlich wollte der Engländer Herbert Spencer seinen sozialen Organismus verstanden wissen. [46] Literarisch interessant ist Maurice Maeterlincks enger Vergleich von Bienenstaaten und menschlichen Gesellschaften aus dem Jahr 1901. [21] Besonders hervorzuheben wegen ihrer Aktualität ist hier die gleichzeitig evolutionäre wie auch staatsmännische Vision des Holismus von Jan Christian Smuts, einem Staatsmann und Philosophen aus Südafrika. [22] Noch in der Tradition der Vorkriegszeit stand Teilhard de Chardins die theologisch inspirierte Vision einer Planetisation der Menschheit hin zu einem spirituellen Überwesen [23] und der sich ausbildenden Noosphäre als Geistsphäre der Erde. All diese Visionen nahmen schon viele strukturelle und funktionale (z. B. Arbeitsteilung) Ähnlichkeiten zwischen Organismen und Kollektiven von Organismen vorweg. Sie waren oft sehr detaillierte ausgearbeitete Vorläufer der heutigen Vorstellung von Metasystemen.
MERKSATZ:
7.0 Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden Organismen und Gesellschaften ähnlich gedeutet wie die heutigen Metasysteme.
7.0 Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden Organismen und Gesellschaften ähnlich gedeutet wie die heutigen Metasysteme.
Es ist rückblickend seltsam, aber mit dem Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 waren die politisch-gesellschaftlich motivierten Visionen einer evolutionären Höherentwicklung weitgehend erloschen. An deren Stelle trat mit etwas Zeitverzögerung ein neues Paradigma, nämlich das der Kybernetik, der Systemtheorie oder eines streng naturwissenschaftlicher Biologismus, später auch der Genetik und Informatik. So beschrieb der Tauchpionier und Biologe Hans Hass in seiner Energon-Theorie [24] aus dem Jahr 1970 eine enge Analogie zwischen Organismen und Unternehmen. Etwa zeitgleich entwickelte James Lovelock seine Hypothese von einem ökologischen und globalen Überwesen, das er Gaia nannte. [25]
MERKSATZ:
8.0 Ab den 1960er Jahren überwogen naturwissenschaftlich und systemtheoretische Herangehensweisen.
8.0 Ab den 1960er Jahren überwogen naturwissenschaftlich und systemtheoretische Herangehensweisen.
Wie gut 100 Jahre zuvor entstand auch jetzt eine große Anzahl von Schriften zur Idee, dass Gesellschaften als Ganzes wie ein Organismus funktionieren konnten. Dieses Mal jedoch waren die Bezüge zur darwinistische gedeuteten Evolution klar erkennbar. Auffällig oft wird dabei die Analogie zwischen menschlichen Kommunikationsstrukturen und dem Gehirn betrachtet. Hier sind einige ausgewählte Beispiele:
- Hans Hass: Energon, 1970. Das verborgene Gemeinsame
- James Lovelock, 1972: Gaia as seen through the atmosphere
- Carsten Bresch, 1977: Zwischenstufe Leben – Evolution ohne Ziel? [MONON-Theorie]
- Peter Russell, 1982: The Awakening Earth Our Next Evolutionary Leap
- Gregory Stock, 1993: Metaman: The Merging of Humans and Machines into a Global Superorganism
- Francis Heylighen, Johan Bollen, 1996: The World-Wide Web as a Super-Brain
- Howard Bloom, 2000: Global Brain. Die Evolution sozialer Intelligenz
Ende der 1970er Jahre veröffentlichte der Molekularbiologe Carsten Bresch seine Vorstellung vom MONON [26], einem globalen Überwesen das als nächster Schritt der menschlichen Evolution anstünde. Im Jahr 1977 schließlich brachte der Exil-Russe Valentin Turchin den Begriff der Metasystem-Transitionen in die Diskussion ein. [27]
ZITAT:
Valentin Turchin: "Society can be viewed as a single super-being. Its `body' is the body of all people plus the ob jects that have been and are being made by people: clothing, dwellings, machines, books, etc. Its `physiology' is the physiology of all people plus the culture of society, which I understand in a very wide sense as a certain method of controlling the physical component of the social body and the way that people think. The emergence and development of the social body marks the beginning of a new metasystem transition". [147]
Valentin Turchin: "Society can be viewed as a single super-being. Its `body' is the body of all people plus the ob jects that have been and are being made by people: clothing, dwellings, machines, books, etc. Its `physiology' is the physiology of all people plus the culture of society, which I understand in a very wide sense as a certain method of controlling the physical component of the social body and the way that people think. The emergence and development of the social body marks the beginning of a new metasystem transition". [147]
In den frühen 1980er Jahren entstand dann die Metapher vom Globalen Gehirn, in dem der Urheber den nächsten evolutionären Sprung (next evolutionary leap) sah. [28]

In den 1980er Jahren kam der Begriff des Global Brain auf. Die ganze Welt wurde in enger Analogie zu den neuronalen Strukturen und Vorgängen in Gehirnen gedeutet. Bemerkenswerterweise hatte sich damit der materielle Träger der nächsten Entwicklungsstufe vom Staat hin auf die Menschheit als Ganzes verschoben.
Mit der Metapher vom Globalen Gehirn hatte sich stillschweigend ein fundamentaler Wandel von den organischen Theorien aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg vollzogen. Vor dem Krieg galten für die meisten Autoren die Staaten als Träger einer Individuation, als die Individuen der nächst höheren Evolutionsstufe. Doch nun, ab etwa 1970, wurde die Menschheit als Ganzes als Träger der nächsten Individuationsstufe angesehen. Warum? Ich konnte in der Literatur nirgends einen reflektierte Überlegung dazu finden, warum das Global Brain tatsächlich weltweit sein soll und nicht etwa lokale solche Gehirne entstehen sollen, etwa auf der Ebene von Staaten oder Unternehmen.
Ab etwa 1990 spielte dann die Informationstechnik zunehmend die Hauptrolle. Der französische Biologe Joel de Rosnay greift die Metapher vom Global Brain auf [29] und lässt den Menschen als Homo symbioticus mit Maschinen und anderen Lebensformen verschmelzen zum globalen Kybionten. [30] 1993 sieht Gregory Stock den Menschen vor allem katalysiert von wirtschaftlichen Prozessen zu Metaman verwachsen. [31] Und 1995 taucht erneut der Begriff der Meta auf:
ZITAT:
Elan Moritz: "A possible direction of future evolution is the emergence of further levels of organization realized in "superbeing/metabeings.” The precise configuration of these “beings” is still open; an aspect or totality of which may be viewed as "cybernetic immortality.” In this paper, I review aspects of memes and MST as the basis for cybernetic immortality, discuss the potential for further MetaSystem Transitions in humans and human culture (trans‐sapiens and trans‐culture)" [164]
Elan Moritz: "A possible direction of future evolution is the emergence of further levels of organization realized in "superbeing/metabeings.” The precise configuration of these “beings” is still open; an aspect or totality of which may be viewed as "cybernetic immortality.” In this paper, I review aspects of memes and MST as the basis for cybernetic immortality, discuss the potential for further MetaSystem Transitions in humans and human culture (trans‐sapiens and trans‐culture)" [164]
Ebenfalls im Jahr 1995 legen der Engländer John Maynard Smith und der Ungar Eörs Szathmáry ein sowohl empirisch wie auch theoretisch sehr fundiertes Werk zu evolutionären Transitionen vor. [32] In Brüssel konnte mittlerweile der Belgier Francis Heylighen die Forschungsinteressen internationaler Größen rund um die Idee einer Metasystem-Transition zusammenführen. [33]
MERKSATZ:
9.0 Seit der Jahrtausendwende spielt auch Künstliche Intelligenz eine zunehmend Rolle. Das Gespenst der Technologischen Singularität rückt langsam in den Fokus.
9.0 Seit der Jahrtausendwende spielt auch Künstliche Intelligenz eine zunehmend Rolle. Das Gespenst der Technologischen Singularität rückt langsam in den Fokus.
Im Jahr 2000 erschien dann Kazem-Sadegh Zadehs düstere Dystopie der Machina sapiens. Der Mediziner und Philosoph zeichnete das Bild einer intelligenten und bewussten Globalmaschine, die den Menschen letztendlich versklaven wird. [34] Im gleichen Jahr erschien auch Howard Blooms geniales und zwischen Zynismus und Begeisterung schwankendes Buch über die Entwicklung sozialer Intelligenz von der Frühzeit der Erde bis zur Gegenwart. War der Tenor beim Gedanken an eine Meta-Lebensform mit dem Menschen als Teil davon bis etwa 2000 eher euphorisch, so ist der Tenor seit den 2010er Jahren ein deutlich verhaltener, eher fragender geworden. [38]
MERKSATZ:
10.0 Vor allem Wissenschaftler aus dem Umfeld der Informatik sehen eine Metasystem-Transition kommen, die sie oft mit der Technologischen Singularität gleichsetzen.
10.0 Vor allem Wissenschaftler aus dem Umfeld der Informatik sehen eine Metasystem-Transition kommen, die sie oft mit der Technologischen Singularität gleichsetzen.
Wir stehen heute ganz deutlich im Ungewissen. Rasanten technologischen Fortschritt hat es schon immer gegeben. Während es früher aber immer Bereiche gab, in denen die menschliche Intelligenz denen von künstlichen Systemen haushoch überlegen war, ändert sich das gerade. [152] Unabhängig davon, ob man einer künstlichen Intelligenz Bewusstsein zugestehen will oder nicht, so leistet KI doch zunehmend mehr der Arbeit, für die wir als Menschen Geld ausgeben. [41] Im Folgenden werden einige der fundamentalen Erkenntnisse aus dem Bereich der Metasystem-Transitionen beschrieben.
Keine Evolution ohne Population
Wer einmal in einem Großunternehmen gearbeitet hat, wird es kennen: es gibt Mitarbeiter, die "mitgezogen" werden, Vorgesetzte die ihren Posten nicht wegen Eignung sondern als Belohnung für Treue erhalten haben oder ganze Abteilungen, die aus sozialer Rücksichtnahme erhalten werden. [70] Und auch in ganzen Ländern kann man beobachten, dass Posten nach Parteilinie vergeben werden, Firmen ohne wirtschaftlichen Nutzen mit Subventionen am Leben erhalten werden oder Klientelpolitik die Stärke des Staates untergräbt. [153] Solche Ineffizienzen können sich ausbilden, solange Unternehmen oder Staaten nicht in einem direkten Überlebenskampf mit Konkurrenten stehen. Ist ein Schwellenwert an Korruption, Inkompetenz und mächtigen Einzelinteressen überschritten, kann es zum Zerfall des Unternehmens (Konkurs) oder des Staates (Niedergang Westroms?) kommen.
MERKSATZ:
11.0 Ohne die vitalisierende Wirkung von Konkurrenz kommt es zu Degenerationen.
11.0 Ohne die vitalisierende Wirkung von Konkurrenz kommt es zu Degenerationen.
Aus diesem Grund bin ich auch skeptisch gegenüber all jenen Visionen, die einen einzelnen globalen Superorganismus [78] voraussagen. Einem solchen Organismus würde auf Dauer der Zwang zur Effizienz fehlen. Sehr wahrscheinlich würde er früher oder später von seinen eigenen Bestandteilen zersetzt werden, die in gegenseitiger Konkurrenz eine aggressive Effizienz ausbilden. Man denke hierbei beispielsweise an Banden, Warlords und Drogenkartelle, die gerade durch ihren harten Überlebenskampf zur Effizienz herangezüchtet werden. [76] Für die Geschichte mögen der dauernde Kampf der altägyptischen Pharaonen gegen die Gaufürsten oder im Mittelalter der Kampf des Kaisers gegen die Fürsten, Könige und kirchlichen Machtpole im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen Beispiel gegen zentrale Mächte sein, deren Autorität fortlaufend von innen her angegriffen wird.
MERKSATZ:
12.0 Die Entstehung eines einzigen, dauerhaften globalen Überorganismus ist evolutionär wenig plausibel.
12.0 Die Entstehung eines einzigen, dauerhaften globalen Überorganismus ist evolutionär wenig plausibel.
Hier scheint mir ein Wort zur Moral wichtig. Die Idee, dass es ohne Konkurrenz zu Degeneration kommt, wurde - mit fatalem Ausgang - vor allem im frühen 19. Jahrhundert betont: "Ohne den Krieg aber würden nur allzu leicht minderwertige oder verkommene Rassen die gesunden keimkräftigen Elemente überwuchern, und ein allgemeiner Niedergang müsste die Folge sein. [71]" Die Angst vor einer Degeneration durch fehlende Konkurrenz durchzog breite politische Strömungen, die letztendlich wesentlich zum Ausbruch des ersten und zweiten Weltkriegs beitrugen. Ideen, dass kollektive Effizienz und Menschlichkeit Hand in Hand gehen halte ich für naiv. Die kollektive Effizienz kommt oft mit dem Preis von menschlicher Härte [79], was aber nicht heißen muss, dass dies ein unumstößliches Weltprinzip sein muss. [80] Siehe dazu auch 👉 Sozialdarwinismus
MERKSATZ:
13.0 In einem evolutionären Umfeld, verbreiten sich die am besten angepassten Individuen.
13.0 In einem evolutionären Umfeld, verbreiten sich die am besten angepassten Individuen.
Und es scheint so zu sein, dass Gesellschaften auf dem Weg hin zu einem Metasystem, die sogenannten eusozialen Gesellschaften in einem darwinistischen Sinn besonders erfolgreich sind. Eusozial nennt man Tiere, die in einem sehr engen sozialen Verband leben. Typische Beispiele sind Insektenstaaten, Nacktmulle und auch Menschen. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein: eusoziale Insekten machen zwar nur rund 2 % der Arten, aber bis zu 75 % der Biomasse von Insekten aus. [72] Und auch die eusozial lebenden Menschen sind als biologische Art dominant. [73] Der Pionier der Soziobiologie, Edward O. Wilson glaubt, dass Eusozialität an sich ein Vorteil in der Evolution ist. [74]
MERKSATZ:
14.0 Eusozialität, ein Zwischenschritt hin zu einem nächsthöheren Metasystem, ist evolutionär sehr erfolgreich.
14.0 Eusozialität, ein Zwischenschritt hin zu einem nächsthöheren Metasystem, ist evolutionär sehr erfolgreich.
Erreicht eine Gemeinschaft den Status der Eusozialität, und ist diese Gemeinschaft wiederum Teil eines darwinistischen Selektionsprozess, dann stehen die Chancen gut, dass sich die Eusozialität und damit die Bewegung hin zu einem Metasystem im Sinne einer darwinistischen Evolution verbreiten wird. So wurden die Vielzeller seit Ende des Kambriums die dominierende Lebensform auf der Erde. Und innerhalb der Vielzeller waren es wiederum immer wieder gesellig lebende Arten, die einen Großteil der Ressourcen für sich beanspruchen konnten, bis hin zum Menschen. [77]
MERKSATZ:
15.0 Eine Metasystem-Transitionen der Menschheit könnte vor allem dort einsetzen, wo gesellschaftliche Prozesse als darwinistische Evolution funktionieren.
15.0 Eine Metasystem-Transitionen der Menschheit könnte vor allem dort einsetzen, wo gesellschaftliche Prozesse als darwinistische Evolution funktionieren.
Blickt man also auf Teile der menschlichen Gesellschaft, die man als Population darwinistisch konkurrierender Individuen ansehen kann, so hat man vielleicht gerade dort die größten Chancen, die Anfänge hin zu einer Metasystem-Transition erkennen zu können. [75] Das folgende Kapitel betrachtet mögliche Kandidaten eines menschlichen Metasystems.
Vergangene Metasystem-Transitionen der Menschheit
Verschiedene Autoren beschränken die Idee einer Metasystem-Transitionen nicht nur auf die (nahe) Zukunft, sondern erkennen in der Vorgeschichte der Menschheit bereits abgelaufene solche Transitionen. Beispiele sind die Verbindung von Banden zu Stämmen, von Häuptlingsgruppen zu Königreichen und von Staaten zu internationalen Staatengemeinschaften. [3]
MERKSATZ:
16.0 Verschiedenen Autoren zufolge hat die Menschheit schon verschiedene Metasystem-Transitionen durchlaufen.
16.0 Verschiedenen Autoren zufolge hat die Menschheit schon verschiedene Metasystem-Transitionen durchlaufen.
Aber auch die Ausbildung von Sprache [12] oder die industrielle Revolution [15] oder der Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsform [2] werden als Metasystem-Transitionen diskutiert. Diese vergangenen Transitionen sollen hier aber nicht weiter betrachtet werden. In diesem Artikel geht es um eine mögliche zukünftige Metasystem-Transition.
Die nächste HMST als zukünftige Evolution des Menschen
Nehmen wir nun an, dass die Idee wiederkehrender Metasystem-Transitionen auch die weitere Evolution der Menschheit prägen wird. [16] Wir können dann die Prinzipien, die Biologen und andere Wissenschaftler an eusozialen Tieren, an Vielzellern oder auch ersten lebenden Zellen beobachtet haben zumindest als Spekulation auf menschliche Gesellschaften übertragen.
Kandidaten für das nächste Metasystem
Banden [3], Staaten, Unternehmen, KI-Wesen oder das ganze Internet könnten die Träger der Evolution auf einer nächsthöheren Stufe der Komplexität werden. Der gegenwärtige Zustand dient dabei als Plattform, aus der heraus komplexere Individuen entstehen (previous metasystems act as structured platforms for the emergence of higher cooperation. [4]) Fünf möglich Kandidaten für eine nächsthöhere Stufe der Komplexität möchte ich hier einzeln betrachten:
- 1) Staatsgebilde
- 2) Siedlergemeinschaften
- 3) Unternehmen [43]
- 4) Künstliche Superintelligenzen
Szenario 1: Staaten als neue Metasysteme
Populationsgröße
Vermehrung
Genetik
Keimbahn
Innenkontrolle
Apoptose
Zerebralisation
Systemgrenzen
Schlafen
- a) Eine ausreichend große Population [86] ✔
- b) Vermehrung statt Größenwachstum [93]
- c) Genetische Kodierung der Merkmale [94] ✔
- d) Gemeinsame Keimbahn aller Individuen
- e) Kontrolle der Teile durch das Ganze ✔
- f) Eine starke Arbeitsteilung [95] ✔
- g) Apoptose von Teilindividuen
- h) Gehirnbildung, Zerebralisation [96] ✔
- i) Die Ausbildung von Systemgrenzen [] ✔
- j) Ausbildung eines Wach-/Schlafzyklus
Dass Staaten aber tatsächlich zu den nächsthöheren Metasystemen der Evolution werden [22] erscheint wenig wahrscheinlich. Insbesondere die notwendige Bedingung einer Vermehrung scheint schwer umsetzbar zu sein. Und auch die Größe der Population scheint mit weniger als 200 Individuen nicht günstig für eine kraftvolle darwinistische Evolution zu sein.
MERKSATZ:
17.0 Gegenwärtige Staaten erfüllen 6 von 10 Merkmalen für evolutionsfähige Metasysteme.
17.0 Gegenwärtige Staaten erfüllen 6 von 10 Merkmalen für evolutionsfähige Metasysteme.
Denkbar sind aber Entwicklungen, die Staaten als Kandidaten für die nächste Metasystem-Transition wahrscheinlicher machen könnten: die jetzigen größeren Territorialstaaten zerfallen aufgrund von Ineffizienzen in kleinere Gebilde [97], was die Größe der Population erhöhen würde. Aber schwer vorstellbar bleibt, wie Staaten sich vermehren sollten. Hier wäre es denkbar, dass Staaten vielleicht Kolonien im Weltraum bilden, etwa in Form von Weltraumhabitaten [98]. Auch auf den Ozeanen schwimmenden Stadtstaaten werden als neue Staatsform diskutiert. [155]. Als Anwärter für das nächsthöhere Metasystem der Evolution kommen Staaten aber abschließend zur Zeit eher weniger in Betracht.
Szenario 2: Siedlergemeinschaften als neue Metasysteme
In Nordamerika gibt es etwa 200 Siedlergemeinschaften der Hutterer. Die Hutterer sind eine religiöse Gemeinschaft. Ihre Wurzeln gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Jede Hutterer-Gemeinschaft besteht aus bis zu 150 Personen [98]. Bemerkenswert an diesen Gemeinschaften ist, dass sie sich bei einer Bevölkerungszahl von etwa 100 Personen anfangen zu kopieren: aus den Ressourcen einer alten Siedlung wird eine neue Siedlung aufgebaut. Auch die mittelalterlichen Klostergemeinschaften, etwa der Benediktiner, führten Neugründungen durch, wenn sie überschüssige Ressourcen hatten. [100] Die mittelalterlichen Klöster zeigten dabei enge Parallelen zu heutigen Unternehmen. [101] Auch bemerkenswert ist, dass der Aufbau und das innere Leben in Klöstern oft proto-genetisch kodiert war, etwa in Form von Ordensregeln. [102] Eine weitere enge Analogie zu biologischen Metasystemen ist die Ausbildung steriler, das heißt unfruchtbarer Kasten in Form zölibatärer Mönche und Nonnen [103] sowie die Andeutung eines zellulären Flaschenhals über Polygamie bei einigen Sekten [104] oder die Ausbildung einer festen Ordensregel. [115] Dass Religionsgemeinschaften wirksame Mechanismen einer inneren Kontrolle zur Erzwingung ihrer Regeln haben, liegt auf der Hand. [105]
- a) Eine ausreichend große Population [112] ✔
- b) Vermehrung statt Größenwachstum [98] ✔
- c) Genetische Kodierung der Merkmale [102] ✔
- d) Gemeinsame Keimbahn aller Individuen [115] ✔
- e) Kontrolle der Teile durch das Ganze [105] ✔
- f) Eine starke Arbeitsteilung [106] ✔
- g) Apoptose von Teilindividuen [107]
- h) Gehirnbildung, Zerebralisation [108] ✔
- i) Die Ausbildung von Systemgrenzen [109] ✔
- j) Ausbildung eines Wach-/Schlafzyklus [110]
MERKSATZ:
18.0 Die Summe aller Religionsgemeinschaften erfüllt zumindest im Ansatz 9 von 10 Kriterien für evolutionsfähige Metasysteme.
18.0 Die Summe aller Religionsgemeinschaften erfüllt zumindest im Ansatz 9 von 10 Kriterien für evolutionsfähige Metasysteme.
Ein Grund, warum Religionsgemeinschaft nicht erkennbar auf der obersten Stufe der Komplexität als ein Metasystem der Evolution erkennbar werden, könnte sein, dass sie gegenwärtig stets kontrolliert werden durch übergeordnete Träger von Macht, nämlich die Staaten. Sollten aber Staaten im Zuge politischer Umwälzungen zerfallen, könnten weltanschauliche geprägte Lebensgemeinschaften die Rolle des nächsten Metasystems einnehmen.
Szenario 3: Unternehmen als neue Metasysteme
Unternehmen als Teile einer Marktwirtschaft werden schon lange in Analogie zur biologischen Evolution diskutiert. [43] Für den Vergleich spricht die große Anzahl von Unternehmen im Sinne einer großen Population, die ansatzweise Vermehrung bei Kettenunternehmen (z. B. Franchising), eine oft ausgeprägte Unternehmens-DNA, eine starke innere Kontrolle (Controlling, Compliance), eine oft sehr ausgeprägte Arbeitsteilung, das Entlassen oder Kaltstellen von Mitarbeitern als eine Art Apoptose, eine oft starke Zentrale (Unternehmenszentrale, HQ, Datenzenter etc.) sowie räumliche und organisatorische Systemgrenzen.
- a) Eine ausreichend große Population [112] ✔
- b) Vermehrung statt Größenwachstum [113] ✔
- c) Genetische Kodierung der Merkmale [114] ✔
- d) Gemeinsame Keimbahn aller Individuen [116] ✔
- e) Kontrolle der Teile durch das Ganze [117] ✔
- f) Eine starke Arbeitsteilung [118] ✔
- g) Apoptose von Teilindividuen [119] ✓
- h) Gehirnbildung, Zerebralisation [120] ✔
- i) Die Ausbildung von Systemgrenzen [121] ✔
- j) Ausbildung eines Wach-/Schlafzyklus [122] ✓
MERKSATZ:
19.0 Innerhalb der Vielgestaltigkeit von Unternehmen findet man 10 von 10 Kriterien für evolutionsfähige Metasysteme erfüllt.
19.0 Innerhalb der Vielgestaltigkeit von Unternehmen findet man 10 von 10 Kriterien für evolutionsfähige Metasysteme erfüllt.
Innerhalb des Ökosystems an unterschiedlichsten Formen von Unternehmen kann man zumindest in rudimentärer Form jedes Merkmal eines evolutionsfähigen komplexen Systems erkennen. Die große Anzahl von Unternehmen weltweit und die Tatsache, dass sie sich ständig teilen, gegenseitig einverleiben oder zumindest teilweise aneignen garantiert ein ständigen Fluss von proto-genetischem Material zwischen ihnen. Es könnte damit nur eine Frage ausreichend langer Zeit sein, bis sich die noch isoliert selektierten Eigenschaften zu Funktionskreisen, zu symbiotischen Hyperzyklen zusammenfügen, die als Gesamtheit einen wesentlich größeren, einen synergetischen Nutzen haben als in bloßer Summe.
Der aussichtsreichste Anwärter auf organische Unternehmen dürften die großen Tech-Konzerne der USA sein. Ihnen ist es gelungen, durch politischen Einfluss, seit den frühen 2000er Jahren den regulierenden Einfluss von Staaten fern zu halten. [157] Die Idee von Unternehmen als Trägern einer biologistisch gedachten Evolution ist weiter betrachtet im Artikel zur 👉 Evolutionsökonomik
Szenario 4: Superintelligenzen als neue Metasysteme
Als künstliche Superintelligenz bezeichnet man eine Intelligenz auf der Basis von Software. Die denkerischen Fähigkeiten der Superintelligenz gehen dabei über die Fähigkeiten eines jeden einzelnen Menschen hinaus. [124] Das Konzept reicht mindestens zurück bis ins Jahr 1965. [125] Ein klassisches Beispiel aus der Science Fiction ist die Skynet-Superintelligenz aus dem Terminator-Film von 1984: eine militärische Verteidigungssoftware entwickelt ein eigenes Bewusstsein und wendet sich gegen die Menschheit. [126] In der Science Fiction ist der Schlüsselmoment, an dem die Handlung kippt, oft das Ereignis, wenn die Superintelligenz erstmals Kontrolle über die Welt jenseits des eigenen Computer-Körpers erhält, dort zu lernen beginnt [128] und am Ende nach der Weltherrschaft strebt. [129]
MERKSATZ:
20.0 Künstliche Superintelligenzen werden als Metasystem vor allem dann interessant, wenn sie sich mit der realen Außenwelt verbinden und in dieser wirksam werden können.
20.0 Künstliche Superintelligenzen werden als Metasystem vor allem dann interessant, wenn sie sich mit der realen Außenwelt verbinden und in dieser wirksam werden können.
Ausgangspunkt einer Population von Superintelligenzen könnten gegeneinander abgegrenzte Künstliche Intelligenzen sein, die zunehmend praktische Tätigkeiten in der "realen Welt" verrichten (Ampeln steuern, Geld verwalten, Kinder unterrichten, Psychiater ersetzen, Motoren entwickeln, Nachrichten und Werbung verfassen, Kriege organisieren etc.) und in einem ökonomischen oder militärischen Umfeld gegeneinander konkurrieren. Eine solche Superintelligenz könnte durch gezieltes Design oder per Zufall Eigenschaften eines Metasystems erlangen. Das evolutive Potential würde aufgrund der hohen intellektuellen Fähigkeiten möglicherweise weit über alle mehr menschbasierten Systeme hinausgehen.
- a) Eine ausreichend große Population [130] ✔
- b) Vermehrung statt Größenwachstum [131] ✔
- c) Genetische Kodierung der Merkmale [132] ✔
- d) Gemeinsame Keimbahn aller Individuen [133] ✔
- e) Kontrolle der Teile durch das Ganze [134] ✔
- f) Eine starke Arbeitsteilung [135] ✔
- g) Apoptose von Teilindividuen [136]
- h) Gehirnbildung, Zerebralisation [137] ✔
- i) Die Ausbildung von Systemgrenzen [138] ✔
- j) Ausbildung eines Wach-/Schlafzyklus [139] ✔
Künstliche, digitale Superintelligenzen haben das Potenzial, alle Bedingungen eines zukünftigen Metasystems erfüllen. Gegenüber allen anderen Kandidaten sind sie mit ihrer räumlich geballten Fähigkeit zu schneller Intelligenz und hoher Merkfähigkeit wahrscheinlich weit überlegen. Ein evolutionärer Durchbruch könnte dadurch entstehen, dass sich solche Superintelligenzen mit Gebilden der Außenwelt, etwa Unternehmen [156] oder Kleinstaaten [140] verbinden und dann gegeneinander konkurrieren und darwinistisch weiter evoluieren. Siehe auch 👉 künstliche Superintelligenz
Szenario 5: Das Global Brain als neues Metasystem
Die Theorie der Metasystem-Transitionen wurde unter anderem von dem Belgier Francis Heylighen popularisiert und weiter ausgearbeitet. [33] Heylighen betrachtet ein weltweites Gehirn, das Global Brain als ein typisches Metasystem. Eng mit Heylighen verbunden war der Urheber des Wortes Metasystem, Valentin Turchin. Nach Turchins Definition muss ein Metasystem keine Population von Metasystemen bilden sondern kann auch für sich alleine existieren. [1] Damit könnte das Global Brain ein Metasystem werden.
MERKSATZ:
21.0 Das Global Brain kann formal ein Metasystem sein.
21.0 Das Global Brain kann formal ein Metasystem sein.
Was aber gegen das Global Brain als nächstes Metasystem spricht ist, dass es selbst - per Definition - ohne Konkurrenz ist und sich nicht darwinistisch optimieren kann. Damit fehlt aber auch der Zwang zu einer "schöpferischen Zerstörung" [142], die nämlich Ineffizienzen klein hält. Fehlt diese reinigende Kraft, so droht das System an Überlebensfähigkeit einzubüßen, eine Urangst vieler Sozialdarwinisten. [143] Wenn nun Teile eines Übergebildes durch die Kräfte der darwinistischen Evolution ständig an Durchsetzungskraft gewinnen, das Übergebilde aber diese Kräfte nicht ausbildet, so wäre es nur folgerichtig, dass die Teile das Ganze früher oder später von innen her auflösen. So gesehen könnte es zwar Tendenzen zur Ausbildung eines Global Brain geben. Aber aus der gegenseitigen Konkurrenz kleiner Einheiten wie Staaten, Unternehmen oder großer künstliche Intelligenzen würden immer wieder starke Sub-Individuen entstehen, die das Ganze herausfordern und schlussendlich zersetzen. Auf das Global Brain treffen damit alle Merkmale einer Superintelligenz (siehe Kapitel oben) zu, abzüglich jedoch solcher Merkmale, die an eine Population gebunden sind.
- a) Eine ausreichend große Population X
- b) Vermehrung statt Größenwachstum X
- c) Genetische Kodierung der Merkmale X
- d) Gemeinsame Keimbahn aller Individuen X
- e) Kontrolle der Teile durch das Ganze ✔
- f) Eine starke Arbeitsteilung ✔
- g) Apoptose von Teilindividuen ✔
- h) Gehirnbildung, Zerebralisation ✔
- i) Die Ausbildung von Systemgrenzen ✔
- j) Ausbildung eines Wach-/Schlafzyklus ✔
MERKSATZ:
22.0 Aufgrund des fehlenden Optimierungsdruckes durch eine darwinistische Evolution dürfte das Global Brain gegenüber kleineren Metasystemen, die aber darwinistisch evoluieren, unterlegen sein.
22.0 Aufgrund des fehlenden Optimierungsdruckes durch eine darwinistische Evolution dürfte das Global Brain gegenüber kleineren Metasystemen, die aber darwinistisch evoluieren, unterlegen sein.
Was aber realistisch erscheint ist die Ausbildung mehrerer auf der Erde konkurrierender lokaler Global Brains auf Basis bestehender Nationalstaaten mit KIs als deren Keimpunkte. So bilden verschiedene Staaten digitale Grenzen um eng kontrollierte Bereiche ihres Internets aus [144], etwa Russland [145] oder China [146]. Mehr zu diesem Gedanken, siehe unter 👉 Local Brain
Riskante Prognosen
Eine Theorie taugt erst dann etwas, wenn sie erfolgreich überraschende Vorhersagen macht. Dieses Kriterium für eine gute Theorie schlug im Jahr 1963 der österreichisch-amerikanische Philosoph Karl Popper (1901 bis 1994) vor.
ZITAT:
Karl Popper, 1963: "Bestätigungen [einer Theorie] sollten erst dann zählen, wenn sie das Ergebnis riskanter Vorhersagen waren." [161]
Karl Popper, 1963: "Bestätigungen [einer Theorie] sollten erst dann zählen, wenn sie das Ergebnis riskanter Vorhersagen waren." [161]
Riskant im Sinne Poppers ist eine Vorhersage dann, wenn wir ohne Kenntnis der Theorie eine Prognose gemacht hätten, die mit der Theorie nicht verträglich ist. Dieser Gedanke ist wiederum eng mit Poppers Idee der Falsifizierbarkeit verwandt. Demnach muss eine Theorie auch sagen, wie man sie widerlegen - als falsch erweisen, das heißt falsifizieren - könnte.
Die Theorie, oder besser die Hypothese, um die es hier geht, ist die Idee, dass sich der erdgeschichtlich lange zurück liegende Zusammenschluss ehemals autonomer biologischer Zellen zu stark integrierten Organismen in unserer Gegenwart auf einer höheren Stufe von Komplexität wiederholt. Menschen und Elemente ihrer Technologie nehmen die Rolle der Zellen ein. Der höher integrierte Organismus ist in seinen Umrissen und in seinem Kern jedoch noch unklar. Es könnten zum Beispiel Mikrostaaten, Unternehmen oder verselbständigte künstliche Intelligenzen sein. Wie dem auch sei, aus der Theorie lassen sich trotz dieser Unsicherheiten mehr oder minder gut begründet einige riskante Vorhersagen treffen.
1) Vermehrung statt Wachstum
In der Biologie beobachtet man nirgends ein individuelles Wesen (ein Pilzgeflecht, ein Tier, ein Baum), das erfolgreich seine Ressourcen dauerhaft vorrangig in Wachstum steckt. Stattdessen beobachtet man, dass individuelle Wesen einen großen Teil ihrer Ressourcen in ihre Nachkommenschaft investieren.
- Unternehmen, die auf Wachstum setzen, verlieren an der Börse stark an Wert. Das Rennen machen Unternehmen vom Typ eines Ketten- oder Franchiseunternehmens. Sind sie wirtschaftlich erfolgreich, setzen sie die gewonnenen Ressourcen nicht in Größenwachstum sondern in Vermehrung um.
- Staaten trachten nicht danach ihr Territorium oder ihren Einflussbereich (Imperium) zu vergrößern. Stattdessen versuchen sie Kopien ihrer selbst zu erzeugen. Wird der Platz auf der Erde dafür zu eng, könnte sich das Spiel in den Weltraum erweitern.
- Lebensgemeinschaften wie die Hutterer oder die Amish praktizieren schon länger das Prinzip, dass Dorfgemeinschaften bei Erfolg nicht wachsen sondern Neugründungen anstreben. Solche Lebensgemeinschaften werden anteilsmäßig gegenüber anderen Formen sozialen Zusammenlebens stark zunehmen.
Einhergehende Prozesse, die mit dem Prinzip Vermehrung-statt-Wachstum eine sich selbst verstärkende Ko-Evolution eingehen könnten sind etwa das Phänomen der imperialen Überdehnung, ein vorprogrammierter Tod und eine Genetisierung von Bauplänen.
2) Staatsversagen
Um 3000 vor Christus entstanden die ersten echten Staaten in Asien, dem vorderen Orient und in Nordafrika (Ägypten). Sie entstanden in einer wahrscheinlich jahrtausendelangen Vorgeschichte aus den Gruppen umherwandernder Jäger und Sammler. Kennzeichen der Staaten waren ein festes und großes Territorium und eine mehr oder minder zentrale Regierung. Dabei trachteten Staaten immer wieder nach einer Vergrößerung ihres Staatsgebietes oder ihrer Einflusssphäre. Doch es scheint so etwas wie eine Obergrenze zu geben, an der Staaten bei Wachstum an ihrem eigenen Erfolg zugrunde gehen. Der Historiker Paul Kennedy prägte den Begriff des Imperial Overstretch, einer imperialen Überdehnung. [162]
- Wie Seifenblasen ab einer bestimmten Größe platzen, so zerfallen auch Staaten ab einer gewissen Größe. Ihre Ressourcen werden von kleineren Entitäten einverleibt. Alle größeren Staaten werden früher oder später dieses Schicksal erleiden.
Der zugrundeliegende Mechanismus ist die fehlende reinigende Hand einer darwinistischen Evolution. Evolution benötigt eine Mindestanzahl von Individuen. Wird diese unterschritten, können erfolgsfördernde Merkmale nicht mehr zuverlässig von erfolsmindernden Merkmalen selektiert werden. Optimierung durch Evolution bleibt es. Die Merkmale des Staates wuchern unkontrolliert in ineffiziente Strukturen.
3) Vorprogrammierter Tod
Vieles in der Welt der biologischen Lebewesen deutet darauf hin, dass die durchschnittliche Lebensdauer eines Individuums entweder genetisch kodiert ist oder zumindest durch eine kontrollierte Nachlässigkeit bei Reparaturmechanismen sinnvoll zugelassen wird. Man beobachtet in der Natur keine Lebewesen, die bei Erhalt ihrer echten Individualität länger als wenige Jahrtausende leben.
3) Kontrollierter Tod
- Unternehmen, die in ihrem Bauplan, ihrem Profil, kein kontrolliertes Ableben (Rückbau, Abwicklung) ausweisen werden statistisch deutlich niedrigere Unternehmenswerte haben als Unternehmen, die ihr eigenes Ende aktiv einplanen.
- Unternehmen ab einem gewissen Alter werden der Ineffizienz verdächtig und verlieren alleine durch ihr Alter an Attraktivität für Anleger.
- Prä-Adaptationen könnten zum Beispiel ARGES oder reine Projektunternehmen sein, die nach Erfüllung ihres Zweckes wieder aufgelöst werden. Solche Unternehmenstypen werden sich stark vermehren.
Hier könnte der zugrundeliegende Mechanismus eine feine Austarierung zwischen individuellen und kollektiven Strategien der Optimierung sein. Tiere mit einem ausgebildeten Gehirn lernen üblicherweise über neuronale Prozesse. Doch irgendwann ist ein neuronales Netz in einer Sackgasse, aus der er sich selbst nicht mehr befreien kann. Zu viele alte Verbindungen können nicht mehr auf ihre Nutzen oder Unnutzen geprüft werden. Oder für eine Optimierung relevante Informationen liegen nicht lokal im Individuen sondern zeitlich und räumlich ausgedehnter im Kollektiv der Individuen vor. Es gibt eine Trade-off zwischen neuronaler und genetischer Optimierung der zeitlich in etwa mit der normalen Lebenserwartung von Individuen korreliert.
4) Genetisierung
Vermehrung statt Wachstum und damit einhergehend ein Begrenzung der Lebenszeit werden erst dann zu einem wirklich schlagkräftigen Merkmal, wenn sie mit einer Kodierung des Körperbauplans einhergeht. Dieser Code muss im Sinne einer DNA auch Mutationen bei Kopiervorgängen zulassen. Damit wird der Trägerorganismus evolutionsfähig. [163]
- Unternehmen kodieren Anleitungen zu ihrer Reproduktion und zu internen Abläufen mehr oder minder zentral als Unternehmens-DNA.
- Die Unternehmens-Datei wird bei Neugründungen gezielt Zufallsveränderungen (Mutationen) ausgesetzt.
- Bei der Kopie von Unternehmen-DNA finden Mechanismen wie in der Biologie statt. Man wird sexuelle von asexueller Vermehrung unterscheiden. Innere Strukturen biologischer DNA werden auch in Unternehmens-DNA erkennbar.
Tatsächlich liegt in Unternehmen heute ein schon beträchtlicher Teil von Anweisungen in kodierter Form vor. Man denke dabei an die vielen engen Vorgaben in Verbindung mit Zertifizierungen. Wenn diese Codes bei Neugründungen bewusst mutiert werden, wird aus einer Prä-Adaptation der eigentlich genetische Vorgang der Vermehrung.
5) Gemeinsame Keimbahn
Staaten, Unternehmen oder sonstige Kandidaten für ein Metasystem entwickeln eine gemeinsame Keimbahn für alle ihre Individuen: die meisten Menschen pflanzen sich nicht mehr fort, auch sonstige Bestandteile des Systems replizieren sich nicht eigenständig sondern nur zentral kontrolliert. Neue Individuen entstehen nur aus einer eng kontrollierten Vorlage von genetischem Material. [148]
- Die frei Partnerwahl zur Erzeugung von Nachkommen wird verschwinden.
- Neue Kinder werden nicht mehr mit dem genetischen Material der Eltern ausgestattet.
- Neue Menschen erhalten wie die Insekten in einem Insektenstaat mehr oder minder dieselbe Erbinformation.
Eine kulturelle Vorform davon könnte die Ausbildung von Harems sein. Verdächtig in dieser Richtung ist die jahrtausendealte Obsession konservativer politischer Kräfte, Regeln für die Zeugung von Nachkommen aufstellen zu wollen (wer darf wen heiraten, wen nicht). Denkbar ist, dass der Wunsch vieler Eltern gesunde und erfolgreiche Kinder zu haben, stärker ist als der Wunsch, dass diese mit nur eigenem Erbmaterial ausgestattet sind. Ein gezieltes Gen-Design für echt-Welt-fitte Nachkommen könnte als kommerzielles Angebot erfolgreich sein. Das würde einen Pfad hin zu einer zentralisierten Ausstattung von Menschen mit Erbmaterial sein.
6) Funktionale Differenzierung
Die Individuen, biologisch oder sonstwie gedacht, eines denkbaren Überwesens werden schon vor ihrer Erschaffung oder sehr früh in ihrer Lebenszeit sehr umfassend auf einen speziellen, beschränkten Zweck innerhalb des Organismus hin ausgebildet. Soziale Mobilität zwischen Milieus und Klassen müsste gerade in einem durchsetzungsstarken Gemeinwesen immer weiter zurückgehen. [154]
- Es werden sich starr gegeneinander abgetrennte soziale Kasten ausbilden.
- Die Kasten spiegeln mehr unterschiedliche Milieus und Zwecke als einen eindimensionalen sozialen Rang wieder.
- Die soziale Mobilität wird mit zunehmenden Lebensalter drastisch abnehmen.
- Neuerschaffene, junge Menschen sind möglicherweise pluripotent, könnten also durch Sozialisation an jede Kaste angepasst werden.
7) Selbstloser Selbstmord
In der Biologie kennt man die Apoptose: Zellen, die ein bestimmtes Signal von außen erhalten, töten sich auf eine solche Weise, dass dem restlichen Körper möglichst wenig Schaden zugefügt wird.
- Depression bis hin zum Freitod wird gesellschaftlich zunehmend als angemessene Reaktion auf die Erkenntnis eigener Nutzlosigkeit akzeptiert.
- Ein geregelter Selbstmord wird auch für junge Menschen zugelassen.
- Kranken- und Pflegekassen werden Aufwendungen für nutzlose Individuen kürzen oder ganz einstellen. Man denke an Behinderte, an Senioren, an Depressive und derlei mehr.
- Sozialkassen werden vermehrt darauf verwendet, die Arbeitsfähigkeit von Menschen zu erhalten. Menschen mit hohem ökonomischen Nutzen erhalten zunehmend mehr Ressourcen.
8) Ortsfeste Menschen
Spätestens in der erdgeschichtlich fernen Zeit des Ediacarium gab es schon Schwämme. Diese frühe Form tierischen Lebens besteht unter anderem aus Zellen, die im Organismus des Schwammes festsitzend nur Wasser Strudeln. Aber gleichzeitig können diese Zellen, die sogenannten Choanocyten, auch frei schwimmend als Individuen im Wasser leben. Der Trend der Evolution war es jedoch, vormals individuell mobile Zellen zunehmend innerhalb eines Organismus ortsfest zu machen. Nach diesem biologischen Vorläufer könnten Menschen oder sonstige Teile des entstehenden Metasystems sich zunehmend weniger frei umher bewegen. Immer mehr Menschen bleiben ihr Leben lang ortsfest.
- Ein großer Anteil der Menschen wird zukünftig eine ortsfeste Existenz führen.
- Eine Existenz als physischer Körper wird unbezahlbar. Häuser, Autos, Nahrungsmittel werden unerschwinglich.
- Erfolgreiche Ökonomien wandeln bisherige Verkehrsinfrastruktur für Menschen um in andere Produktionsformen.
- Im Extremfall, wo nur das Gehirn ökonomisch nützlich ist, folgt das 👉 Gehirn im Tank
Ein erster Schritt in diese Richtung könnten unheilbar kranke Menschen sein, die mit Hilfe von medizinischen Geräten ortsfest am Leben erhalten werden und gleichzeitig in virtuellen Räumen erfolgreich am wirtschaftlichen Leben teilnehmen. Eine treibende Kraft in die Richtung ortsfester Menschen könnte die zunehmende Unbezahlbarkeit von individueller Mobilität werden. Menschen die auf Mobilität verzichten benötigen dann ein ein deutlich niedrigeres Einkommen und können ihre Arbeitskraft am Arbeitsmarkt deutlich billiger anbieten. Das Zuhause und die Arbeitsstätte werden zunehmend zum selben Ort. Wie bei den Zellen in einem tierischen Organismen wird ein Großteil der Menschen fest an einem Ort seine Funktion erfüllen. Nur wenige Kasten an Menschen (oder humanoider Roboter) werden mobil sein, etwa in Verbindung mit dem sozialen Immunsystem (Polizei) oder dem Transportwesen.
9) Bewegliche Unternehmen
Als im Ediacarium und im Kambrium das tierische Leben in die Fülle der heute vorherrschenden Tierstämme hinein explodierte, war Beweglichkeit ein herausstechender Evolutionsvorteil. Während davor Tiere, etwa die Schwämme, sessil an einem Ort lebten, waren Würmer, Trilobiten, Quallen und Vorformen der Trilobiten mobil bis hochmobil. Erstmals traten in geologischen Sedimenten Wühlspuren von Tieren auf. Die Mobilität ermöglichte vor allem ein räuberisches Leben. Einhergehend mit einem hohen Umsatz an Energie, entstanden Organismen, die stark an gepanzerte Kampfmaschinen erinnern. Überträgt man dieses Geschehen auf Unternehmen oder Staaten kommt man zum Bild mobiler Metasysteme. [165]
- Es werden erfolgreiche Unternehmen oder Mikrostaaten entstehen, die einen physischen und hochmobilen Körper haben.
- Fragmente zerfallener Staaten oder großer Unternehmen können in eine mobile Lebensform übergehen 👉 Seasteading
- Ein zukünftiger Wohnort solcher Wesen könnte der Weltraum sein 👉 Weltraumhabitat
- Mobile Mikrostaaten/Unternehmen führen räuberische Kämpfe um ihre Körperressourcen
Von bloßen Kleinstaaten oder Großunternehmen würden sich solche Gebilde durch die vielen anderen Merkmale eines lebenden Metasystems unterscheiden, etwa durch ihre begrenzte Lebensdauer, einen genetisch kodierten Bauplan und eine starke innere Zerebralisation.
10) Zerebralisation
Geographisch definierbare Regionen werden sich immer stärker in ihrer Funktion unterscheiden. Das wird vor allem die Wissensarbeit betreffen. Insbesondere wird der Vorteil schneller Kommunikation zwischen Computern zu einer Art Ballung von Wissensarbeit führen.
- Man wird innerhalb von Unternehmen, Regionen oder Staaten eine geographisch greifbare Ballung der Wissensarbeit feststellen. Es wird Ganglien oder "das Gehirn" eines Staates oder Unternehmens geben.
- Innerhalb dieser Übergehirne wird es zu einer räumlichen Differenzierung verschiedener Arten von Wissensarbeit kommen.
- Rechenzentren werden immer mehr strukturelle und funktionelle Analogien zu Gehirnen ausbilden.
Der grundlegende Gedanke hier ist es, dass Wissensarbeit in biologischen Organismen, in Rechenzentren oder in Gebilden wie Staaten und Unternehmen ähnlichen Sachzwängen unterliegt. Im Sinne einer analogen Evolution werden dann auch ähnliche Lösungen ausgebildet. Siehe auch 👉 Zerebralisation
11) Schlafende Unternehmen
Unternehmen oder Staaten bilden längere und wiederkehrende Phasen äußerer Ruhe aus. In dieser geht der in absoluten Zahlen messbare Austausch von Daten mit der externen Welt deutlich zurück. Intern wird die Zeit unter anderem genutzt zur Konsistenzerhaltung von Daten und Prozessen.
12) Soziales Immunsystem
Wer immer die Rolle des zukünftigen Überwesens einnehmen wird, wird eine harte Systemgrenze ausbilden. In der Biologie sind Membrane oder Häute einerseits und die Teile des Immunsystems andererseits die sichtbaren Funktionsträger solcher Grenzen.
- Unternehmen oder Staaten werden immer strenger den Zugang zu ihren Gebieten kontrollieren.
- Eine nachgewiesene Sozialisation im eigenen Herrschaftsgebiet wird immer mehr zur Zugangsvoraussetzung.
- Die inneren Sicherheitsorgane zeigen immer mehr Analogien zu biologischen Immunsystemen.
Die Beharrlichkeit von Fremdenfeindlichkeit, angefangen von Naturvölkern über Dorfgemeinschaften bis hin zu hochkomplexen Industriestaaten wird ein unermüdlich treibender Faktor hin zu sehr engen Systemgrenzen sein. Weitgehend geschlossene "identitäre" Gesellschaften werden irgendwann einen erkennbaren militärischen oder wirtschaftlichen Vorteil gegenüber sehr offenen Gesellschaften haben.
13) Re-Mythologisierung der Weltdeutung
Die Individuen, die Bestandteile der Metasysteme sind, werden zunehmend erfolglos in der Gestaltung ihrer Umwelt. Stattdessen sind sie so erschaffen, dass sie lediglich ihren Platz in der Welt ausfüllen möchte. Ihre geistige Haltung wird den Anspruch auf eine höhere Welterkenntnis aufgeben. Sie werden die Welt um sie herum als Wirkstätte unbegreiflicher Mächte (die heutigen Sachzwänge) deuten und im weitesten Sinn ganz pragmatisch im Hier und Jetzt existieren. [151]
Persönliche Einschätzung
Müsste ich eine Vorhersage im Sinne eines "best guess" über die nächsten Jahrzehnte bis Jahrhunderte machen, so käme ich zu folgendem Bild: Staaten zerfallen in kleinere und eher evolutionsfähige Entitäten wie etwa Unternehmen. Die Entitäten, die ihren Aufbau mehr oder minder genetisch Kodieren und eine Vermehrung eher als ein Wachstum in die Größe anstreben, werden besonders erfolgreich sein. Und diese Entitäten werden keine Territorialstaaten mehr sein sondern räumlich beweglich. Es wird einen kontrollierten Austausch von Genen dieser Entitäten geben. In ihrer körperlichen Erscheinung werden diese neuen Entitäten starre Systemgrenzen nach außen ausbilden. In ihrer inneren Struktur wird es in Form räumlich geballter Rechenzentren zu einer Zerebralisation kommen. Funktional wird das Cerebrum starke Analogien zu neuronalen Netzen und menschlichen Gehirnen haben. Überraschend für viele wird ein Großteil der biologisch-menschlichen Bevölkerung (sofern noch vorhanden) dieser neuen Entitäten aus Klonen bestehen. Menschen werden in ein Huxleysches Kastenwesen ohne soziale Mobilität geboren werden. Auf der Ebene menschlicher Lebewesen wird jeder erkennbare Fortschritt eingefroren sein. Die Lebensumstände von Menschen werden sich genau so wenig spürbar ändern wie die Lebensumstände von Einzellern in Vielzellern. Die nächsten Träger von Fortschritt werden die neuen Entitäten sein. Die Menschen werden ihre Umwelt bestenfalls noch mythologisch deuten, in jedem Fall diese als mehr oder minder unabänderlich pragmatisch einfach hinnehmen. Jede Form von politischem oder utopischen Denken wird verschwunden sein.Fußnoten
- [1] Valentin Turchin (1931 bis 2010), der Urheber des Begriffes der Metasystem-Transition, definiert: Ein System S', das aus Untersystemen S sowie zusätzlich einem Kontrollmechanismus für das Verhalten und die Herstellung von S verfügt nennt man eine Metasystem. Wenn aus Systemen S ein solches Übersystem S' entsteht, spricht man von einer Metasystem-Transition. In: Valentin Turchin, Cliff Joslyn: The Metasystem Transition. Principia Cybernetica Web (Principia Cybernetica, Brussels), 1993. Mehr unter 👉 Metasystem-Transition
- [2] Graziano Terenzi: Metasystem transitions in human organizations: a route towards global sustainability, Journal of Organisational Transformation & Social Change, 2:3, 213-235. 2005. DOI: 10.1386/jots.2.3.213/1
- [3] Von Banden zu Stämmen, von Häuptlingsgruppen zu Königreichen, von Staaten zu internationalen Staatengemeinschaften: "The emergence of qualitatively new levels of organization has occurred within the human system three times, and has resulted in three broadly defined levels of higher control, producing three broadly defined levels of group selection (e.g. band/tribe, chiefdom/kingdom, and nation-state/international). These group selection levels define the self-organization of ‘Human Metasystem Transitions’ (HMST)." In: Cadell Last: Human Metasystem Transitions. In: Global Brain Singularity. World-Systems Evolution and Global Futures. Springer, Cham. 2020. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-030-46966-5_4
- [4] Metasystem-Transitionen erzeugen mehr Komplexität: "Throughout the evolution of life, metasystems have consistently increased living system complexity. Common examples include the emergence of prokaryotes, eukaryotes, multicellularity, sexuality, societies, and superorganisms […].These metasystems have emerged in a hierarchic and developmentally constrained nature […], through progressive and cooperative symbioses at various levels of biological organization […]. This simply means that previous metasystems act as structured platforms for the emergence of higher cooperation […]" In: Cadell Last: Human metasystem transition (HMST) theory. Journal of Evolution & Technology. 25. 16. 2015. DOI: 10.55613/jeet.v25i1.36. Online: https://jeet.ieet.org/index.php/home/article/view/36/36
- [5] Eine evolutionäre Transition muss nicht zwangsläufig mit einer Verbindung von Individuen auf einer nächsthöheren Komplexitätsstufe einhergehen. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung vom zellkernlosen Prokaryoten zu Eukaryoten (Zellen mit Kern). Siehe mehr dazu unter 👉 evolutionäre Transitionen
- [6] Zur Definition der griechischen dieses sogenannten Affixes siehe unter 👉 Meta
- [7] Die Grundidee von System ist das Ganze aus Teilen 👉 System
- [8] Übergänge von einem in einen anderen Zustand 👉 Transition
- [9] Die Ausbildung einer unfruchtbaren Arbeiterkaste sollte als entscheidendes Kriterium für eine evolutionäre Transition und damit auch eine Metasystem-Transition angesehen werden: "The evolution of eusociality in social insects, such as termites, ants, and some bees and wasps, has been regarded as a major evolutionary transition (MET). Yet, there is some debate whether all species qualify. Here, we argue that worker sterility is a decisive criterion to determine whether species have passed a MET (= superorganisms), or not." In: Abel Bernadou, Boris H. Kramer, Judith Korb: Major Evolutionary Transitions in Social Insects, the Importance of Worker Sterility and Life History. In: Front. Ecol. Evol., 26 October 2021. Sec. Social Evolution. Volume 9 - 2021. DOI: https://doi.org/10.3389/fevo.2021.732907
- [10] Eine Verschmelzung ehemals individueller Bewusstsein könnte den schädlichen Effekt des Trittbrettfahrens, des evolutionären Parasitierens im Sinne egostischer Gene, vermeiden. Die Verbindung zweier Bewusstseine im folgenden Zitat ist wörtlich gemeint. Technisch ermöglicht werden soll sie über einen sogenannten Exokortex: "If two minds share a common desire or preference, merging together may help promote that preference. Groups of individuals working towards achieving a specific goal face the problem of free-riding and enforcing effective co-operation. If the individuals involved in the group have goals other than what the group is trying to achieve, each individual has an incentive to invest less than it could in the group, hoping that other members will accomplish their goal regardless. This is particularly the case in large groups, where the impact of a single individual is close to negligible. Two or more minds coalescing could help ensure that their individual desires and their collective desires are the same." In: Sotala, Kaj, and Harri Valpola. Coalescing Minds: Brain Uploading-Related Group Mind Scenarios. In: International Journal of Machine Consciousness 4 (1): 293–312. 2012.DOI: doi:10.1142/S1793843012400173. Was hier anklingt ist ein 👉 kollektives Bewusstsein
- [11] Ein Beispiel für die Verwendung von evolutionärer Transition im Sinn einer Metasystem-Transition ist: "Genes group together in cells, cells group together in organisms, and organisms group together in societies. Even different species form mutualistic partnerships. In the history of life, previously independent units have formed groups that, in time, have come to resemble individuals in their own right. Biologists term such events the major transitions. The process common to them all is social evolution. Each occurs only if natural selection favours one unit joining with another in a new kind of group." In: A. F. G. Bourke: Principles of Social Evolution. Oxford, UK: Oxford University Press. 2011. DO: 10.1093/acprof:oso/9780199231157.001.0001
- [12] Die Weiterentwicklung von Gesellschaften von Primaten hin zu Gesellschaften von Menschen ist keine Metasystem-Transition. Die Individuen der Gesellschaft waren ja schon zu Beginn der Transition verbunden. Smith und Szathmáry zufolge war der bedeutsame evolutionäre Schritt hier die Ausbildung von Sprache. In: John Maynard Smith, Eörs Szathmáry: The Major Transitions in Evolution. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 0-19-850294-X. Siehe auch 👉 evolutionäre Transitionen
- [13] Ein weiteres Beispiel für eine evolutionäre Transition, die aber keine Metasystem-Transition ist, ist die Entwicklung der speziell menschlichen Intelligenz im Unterschied zur rein assoziativen Intelligenz von Tieren. Das ist zumindest der Kerngedanke eines gemeinsam verfassten Buches von Magnus Enquist, Stefano Ghirlanda, und Johan Lind: The Human Evolutionary Transition: From Animal Intelligence to Culture. Princeton University Press. 2023. 296 Seiten. ISBN: 978-0691240770
- [14] Zum ersten Mal im heutigen Sinn verwendet wurde der Begriff der Metasystem-Transition: "In each stage the biological system has a subsystem which may be called the highest controlling device; this is the subsystem which originated most recently and has the highest level of organisation. The transition to the next stage occurs by multiplication of such systems (multiple replication) and integration of them—by joining them into a single whole with the formation (by the trial and error method) of a control system headed by a new subsystem, which now becomes the highest controlling device in the new stage of evolution. We shall call the system made up of control subsystem X and the many homogeneous subsystems A₁, A₂, A₃ . . . controlled by it a metasystem in relation to systems A₁, A₂, A₃ . . . Therefore we shall call the transition from one stage to the next the metasystem transition." In: Valentin Fedorovich Turchin: The phenomenon of science. Columbia University Press. 1977. Ins Englische übersetzt von Brand Frentz. ISBN 0-231-03983-2. Siehe auch 👉 Metasystem-Transition [Definition]
- [15] Die industrielle Revolution des 18ten Jahrhunderts als eine sogenannte Metasystem-Transition: "THE NEXT qualitative jump in the system of production was the use of sources of energy other than the muscular energy of human beings and animals. This, of course, is also a metasystem transition because a new level of the system emerges: the level of engines which control the movement of the working parts of the machine. The first industrial revolution (eighteenth century) radically changed the entire appearance of production." Das Begriff der Metasystem-Transitionen geht zurück auf Valentin Turchin (1931 bis 2010). Die Industrielle Revoluton als ein Beispiel für eine Metasystem-Transition stammt aus: Valentin Fedorovich Turchin: The phenomenon of science. Columbia University Press. 1977. Ins Englische übersetzt von Brand Frentz. ISBN: 0-231-03983-2. Dort die Seite 94. Siehe auch 👉 Industrielle Revolution
- [16] Als Instrument der Futorologie soll die Theorie auch auf die nächste Metasystem-Transition der Menschheit angewandt werden: "Most importantly, HMST theory may have practical application in modeling the future of the human system and the nature of the next human metasystem". In: Cadell Last: Human Metasystem Transitions. In: Global Brain Singularity. World-Systems Evolution and Global Futures. Springer, Cham. 2020. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-030-46966-5_4
- [17] Metasystem-Transitionen schaffen üblicherweise neue höherkomplexe System, die wieder Gegenstand einer Evolution werden: "Metasystems separate two qualitatively different levels of organization. The new level of organization must emerge from the coordination of new controls (X) utilizing a new information medium for the integration of previously disparate subsystems (i.e. A1+A2+A3 = B). The highest control can then continue to replicate (“Branching of the Penultimate Level” (Turchin 1977), allowing for a new level of group selection, and potentially allowing for the generation of another metasystem transition (contingent on environmental evolutionary selection pressures for higher information processing functionality). Through metasystems, living organizations generate complexity that manifests as hierarchical and developmentally constrained cybernetic controls" In: Cadell Last: Human Metasystem Transitions. In: Global Brain Singularity. World-Systems Evolution and Global Futures. Springer, Cham. 2020. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-030-46966-5_4
- [18] Im 19ten und frühen 20ten gab es eine Vielzahl meist politisch motivierter Theorien, wie Staaten tatsächlich zu Überwesen werden. Diese breite Strömung, die vor allem im deutschen Sprachraum viele Vertreter hatte nannt man später 👉 organische Theorie
- [19] Ernst Häckel vergleicht den Zellenstaat mit einem menschlichen Staat: ""Die Zellen verhalten sich dabei [bei der Gewebildung, siehe oben] ganz ebenso, wie die wohlerzogenen Staatsbürger eines gut eingerichteten Kulturstaates. In der Tat ist unser eigener Leib, wie der Leib aller höheren Tiere, ein solcher zivilisierter Zellenstaat. Die sogenannten 'Gewebe' des Körpers, Muskelgewebe, Nervengewebe, Drüsengewebe, Knochengewebe, Bindgewebe usw., entsprechen den verschiedenen Ständen oder Korporationen des Staates, oder noch genauer den erblichen Kasten, wie wir sie im alten Ägypten oder noch heute in Indien antreffen. Die Gewebe sind erbliche Zellenkasten im Kulturstaate des viellzelligen Organismus. Die Organe aber, die sich wieder aus verschiedenen Geweben zusammensetzen, sind den verschiedenen Ämtern und Instituten zu vergleichen. An der Spitze aller steht die mächtige Zentralregierung, das Nervenzentrum, das Gehirn. Je vollkommener das höhere Tier entwickelt, je stärker die Zellenmonarchie zentralisiert ist, desto mächtiger ist das beherrschende Gehirn, und desto großartiger ist der elektrische Telegraphenapparat des Nervensystems zusammengesetz, welcher das Gehirn mit seinen wichtigsten Regierungsbehörden, den Muskeln und Sinnesorganen, in Verbindung setzt." In: Zellseelen und Seelenzellen. Vortrag gehalten am 22. März 1878 in der Concordia zu Wien. Als Buch herausgegeben vom Verlag Alfred Krömer im Jahr 1909. Siehe auch 👉 Zellseelen und Seelenzellen
- [20] In Frankreich verglich Rene Worms (1869 bis 1926) sehr detailliert und mit vielen biologischen Analogien den Organismus mit einem Staat. Ein Beispiel ist, wie Worms danach fragt, was in einer menschlichen Gesellschaft die Rolle einer Zelle in einem Organismu spielt: "- [1] Bereits im Jahr 1895 fragte der Franzose Rene Worms, was innerhalb einer menschlichen Gesellschaft die Rolle einer Zelle spiele. Sind es einzelne Menschen? Oder sind es Gruppen von Menschen? Im französischen Original: "Nous savons, par le précédent chapitre, que dans l'humanité seule il faut chercher les êtres qui composent véritablement nos sociétés. Mais faut-il, pour cela, descendre jusqu'à l'individu humain isolé? Le véritable élément de la société est-il bien l'individu, ou ne serait-ce pas plutôt une unité intermédiaire, formée d'êtres humains elle aussi, mais absorbant assez en elle même leurs personnalités, pour mériter d'être considérée, parle sociologue, comme un groupement social relativement indivisible? En deux mots, le rôle que joue la cellule dans l'organisme, appartient-il dans la société à l'individu, ou bien à un assemblage d'individus, famille ou couple? Quel être, ou quel groupe d'êtres, convient-il d'appeler la cellule sociale »?" In: Rene Worms: Organisme et societe. Paris. 1896. 419 Seiten. Dort das fünfte Kapitel "La cellule sociale", Seite 113. Online (Französisch): https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5726769h.image.f2.langFR.pagination
- [21] Viele literarisch ausformulierte Analogien zwischen Insektenstaaten und Menschenstaaten brachte der spätere Literatur-Nobelpreisträger und Plagiator Maeterlinck. In: La vie des abeilles (1901), deutsch: Das Leben der Bienen. Unionsverlag. 3. Auflage als Taschenbuch. ISBN: 978-3-293-20813-1. Siehe auch 👉 Maurice Maeterlinck
- [22] Smuts, ein Südfrikaner, Staatsmann und Philosoph, sah eine weltweite Entwicklung hin zu einem Weltstaat. In: Jan Christian Smuts: Holisms and Evolution. The Macmillan Company. New York. 1926. Siehe auch 👉 Holismus und Evolution
- [23] Pierre Teilhard de Chardin: Die Zukunft des Menschen. 4. Auflage. Walter Verlag, Olten 1987, ISBN 3-530-87358-6. Übersetzung von Lorenz Häflinger und Karl Schmitz-Moormann (Originaltitel: L’Avenir de L’Homme, Editions du Seuil. Paris 1959). Siehe auch 👉 Planetisation
- [24] Hans Hass: Energon. Das verborgene Gemeinsame. Fritz Molden (Verlag). 1970. Siehe mehr unter 👉 Energon
- [25] James Lovelock: Gaia – Die Erde ist ein Lebewesen. Wilhelm Heyne Verlag. München. 1991. Seite 185. Siehe auch 👉 Gaia-Theorie
- [26] Carsten Bresch: Zwischenstufe Leben – Evolution ohne Ziel? R. Piper & Co. Verlag. München. 1977, ISBN 3-492-02270-7. Siehe auch 👉 MONON
- [27] Valentin Turchin: The Phenomenon of Science. New York: Columbia University Press. ISBN 978-0-231-03983-3. Erstmals veröffentlicht im Jahr 1977. Hier vor allem das Kapitel: The Super-Being. Siehe auch 👉 Valentin Turchin
- [28] Peter Russell: The Awakening Earth Our Next Evolutionary Leap. 1982. ISBN: 978-086315-616-8. Siehe auch 👉 Global Brain
- [29] Joël de Rosnay: Le Cerveau planétaire. 1986.
- [30] Joël de Rosnay: Homo symbioticus. Einblicke in das 3. Jahrtausend, Gerling Akademie Verlag, München 1997, ISBN: 3-9803352-4-0. Französisches Original: L'homme symbiotique. Editions du Seuil Paris. 1995. Siehe unter 👉 Kybiont
- [31] Gregory Stock: Metaman:The Merging of Humans and Machines into a Global Superorganism. (1993). Siehe unter 👉 Metaman
- [32] John Maynard Smith, Eörs Szathmáry: The Major Transitions in Evolution. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 0-19-850294-X.
- [33] An der Freien Universität Brüssel etabliert in den 1990er Jahren der Belgier Francis Heylighen einen europäischen Forschungsschwerpunkt rund um die Idee der Metasystem-Transitionen. Siehe mehr unter 👉 Francis Heylighen
- [34] Kazem Sadegh-Zadeh: Als der Mensch das Denken verlernte: Die Entstehung der Machina sapiens. Burgverlag, Tecklenburg. 2000. ISBN: 3-922506-99-2.
- [35] Howard Bloom: The Global Brain: The Evolution of Mass Mind from the Big Bang to the 21st Century. Wiley, 2000, ISBN 978-0-471-29584-6; deutsch: Global Brain: die Evolution sozialer Intelligenz. Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Florian Rötzer. DVA, 1999, ISBN 978-3-421-05304-6.] Howard Bloom: The Global Brain: The Evolution of Mass Mind from the Big Bang to the 21st Century. Wiley, 2000, ISBN 978-0-471-29584-6; deutsch: Global Brain: die Evolution sozialer Intelligenz. Aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Florian Rötzer. DVA, 1999, ISBN 978-3-421-05304-6. Siehe auch 👉 Howard Bloom
- [36] Tibor Gánti, Eörs Száthmary, James Griesemer (Herausgeber): The Principles of Life. Oxford University Press. 2003. ISBN 978019850726. Siehe auch 👉 Tibor Ganti
- [37] Jose Luis Cordeiro: From Biological To Technological Evolution. In: World Affairs: The Journal of International Issues, vol. 15, no. 1, 2011, pp. 86–99. JSTOR, https://www.jstor.org/stable/48504845
- [38] Ray Kurzweil: The Age of Spiritual Machines: When Computers Exceed Human Intelligence. Viking Pr, New York 1998, ISBN 978-0-670-88217-5. Deutsch: Homo S@piens. Econ Tb., 1999, ISBN 978-3-548-75026-2.
- [39] Alexey Potapov betrachet die Technologische Singularität mit der Theorie der Metasystem-Transitionen: "I use the theory of metasystem transitions and the concept of universal evolution to analyze some misconceptions about the technological singularity. While it may be neither purely technological, nor truly singular, we can predict that the next transition will take place, and that the emerged metasystem will demonstrate exponential growth in complexity with a doubling time of less than half a year, exceeding the complexity of the existing cybernetic systems in few decades." In: Technological Singularity: What Do We Really Know? In: Information 2018, 9(4), 82; DOI: https://doi.org/10.3390/info9040082
- [40] The editorial team for Secure Futures by Kaspersky magazine: Reaching the technological singularity: What will happen when machines become smarter than us? Veröffentlicht am 23. Juli 2023. Online: https://www.kaspersky.com/blog/secure-futures-magazine/author/securefutureseditor/
- [41] Die für die Praxis wichtige Frage ist nicht, ob wir als Rentner von Maschinen betreut werden möchte oder ob wir im Restaurant einen Maschinen-Kellner wirklich einem Menschen vorziehen. Für die Praxis alleine entscheidend wird sein, wofür wie viel Geld zur Verfügung steht.
- [42] Das Ich steht hier für 👉 Gunter Heim
- [43] Eine enge Verbindung zwischen Ökonomie und Evolution sah bereits Charles Darwin. Hans Hass formulierte mit seiner Energon-Theorie aus dem Jahr 1970 detaillierte Analogien zwischen der Evolution von Organismen und Unternehmen. Die Idee, dass Wirtschaft im Sinne einer darwinistischen Evolution ablaufen könnte wird behandelt im Fachgebiet der 👉 Evolutionsökonomik
- [44] Bereits in der griechischen und römischen Antike findet sich die Idee vom Staat als Wesen und der Institutionen als Werkzeuge, das heißt Organe. So sei Platon (427 bis 347) der Ansicht gewesen, "that the best ordered commonwealth was one whose organization resembled most closely that of a human person..." Und der Römer Cicero (106 bis 43 v. Chr.) habe den Kopf des Staates mit dem Geist verglichen, der dem menschlichen Körper befehligt. Das Mittelalter sei reich an biblisch inspirierten Anspielungen auf die Ähnlichkeit zwischen den Aktivitäten menschlicher Organe und den Handlungen von Menschen in Gesellschaften gewesen. Namentlich genannt werden hier ein gewisser John of Salisbury und Marsilius von Padua (1270 bis 1343). Ein Athusius sowie Hugo Grotius (1583 bis 1645) und Samuel Pufendorf (1632 bis 1694) sollen Theorien der Souveränität auf der organischen Beschaffenheit des Staates gegründet haben. Thomas Hobbes (1588 bis 1679) beginnt seinen Staatsentwuf Leviathan mit einem detaillierten Vergleich menschlicher Körperteile mit den Organen eines Staates. Das politische Denken des 18. Jahrhunderts, sei vom Gedanken des sozialen Vertrages (social contract) geprägt gewesen und diese Vorstellung sei unverträglich mit der Vorstellung eines Staates als evolutionär wachsenden Organismus gewesen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts habe die geistige Strömung hingegen Sichten aufgegriffen, die den Staat als etwas natürlich wachsendes sahen und ihm als Ausdruck einer notwendigen Entwicklung eine höhere Autorität verliehen. Deutlich hervor treten organische Theorien aber erst wieder im deutschen Idealismus. Hier werden Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814) mit dem Begriff des Naturproduktes und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775 bis 1854) mit seinem Konzept des Weltprozesses genannt. Die Vorstellung des Staates als Organismus oder als moralischer Person sei weiter vertieft worden durch Karl Christian Krause (1781 bis 1832), F. J. Schmitthenner und Heinrich Ahrens. In: Raymond Gettell: The History of Political Thought. George Allen & Unwin Ltd. London. 1924. Dort das dreizehnseitige Kapitel vom "State as Organism". Mehr zur Geschichte der Idee vom Staat als Organismus steht unter 👉 organische Theorie
- [45] Paul von Lilienfeld (1829 bis 1903): Gedanken ueber die Socialwissenschaft der Zukunft. Erste Theil: die menschliche Gesellschaft als realer Organismus. Zweiter Theil: die socialen Gesetze. Dritter Theil: die sociale Psychophysik. E. Behre's Verlag. Mitau und Hamburg. 1873.
- [46] Herbert Spencer ging zunächst von allgemeinen Ähnlichen aus: "How the combined actions of mutually-dependent parts constitute life of the whole, and how there hence results a parallelism between social life and animal life we see still more clearly on learning that the life of every visible organism is constituted by the lives of units too minute to be seen by the unaided eye." Was wir heute als Emergenz neuer Phänomene bezeichnen beschreibt er mit den Worten "Hence arises in the social organism, as in the individual organism, a life of the whole quite unlike the lives of the units; though it is a life produced by them." Doch Spencer sieht auch fundamentale Unterschiede zwischen Gesellschaften und Organismen: "Hence, then, a cardinal difference in the two kinds of organisms. In the one, consciousness is concentrated in a small part of the aggregate. In the other, it is diffused throughout the aggregate: all the units possess the capacities for happiness and misery, if not in equal degrees, still in degrees that approximate." Und ein weiterer Unterschied, so Spencer liegt in der Hierarchie der Zwecke: "The society exists for the benefit of its members; not its members for the benefit of the society." In: Principles of Sociology. 1876-96. Dort: Chapter II: A Society Is An Organism. Siehe auch 👉 Herbert Spencer
- [47] Eine Bild der Scala naturae, eines Stufenbau der Materie aus dem Jahr 1305 von Raimundus Lullus zeigt etwa ganz unten Steine und dann nach oben aufsteigen Blumen, Bäume, Tiere, den Menschen (homo) hin zu den Engeln (angeli) und schließlich Gott (deus). Siehe auch 👉 Stufenbau der Materie
- [48] Man sprach von einer Scala naturae und meinte damit eine göttliche Ordnung der Dinge. Ganz unten waren die Bewohner der Hölle, ganz oben Gott und dazwischen in wachsender Komplexität angeordnet etwa Steine, Pflanzen, Menschen etc. Siehe auch 👉 Scala naturae
- [49] Dass die Welt im Jahr 4004 vor Christus entstanden sein müsste ist das Ergebnis einer streng wörtlichen Auslegung der Bibel. In: James Ussher James (1581-1656). Annales Veteris Testamenti, a prima mundi origine dedvcti: una cum rerum asiaticarum et ægyptiacarum chronico, a temporis historici principio usque ad Maccabaicorum initia producto. Erstmals Veröffentlicht in London im Jahr 1650. Siehe auch 👉 Erdalter
- [50] James Hutton: Theory of the Earth. With Proofs and Illustrations. 1795. Am Ende des Kapitels I (Theory of the Earth; or an Investigation of the Laws observable in the Composition, Dissolution, and Restoration of Land upon the Globe) beschreibt Hutton das Werden und Vergehen von Welten. Er schließt mit den Sätzen: "But if the succession of worlds is established in the system of nature, it is in vain to look for any thing higher in the origin of the earth. The result, therefore, of this physical inquiry is, that we find no vestige of a beginning, no prospect of an end.” Mehr dazu unter 👉 Tiefe Zeit
- [51] Das Wort Weltprozess wird seit spätestens 1868 verwendet (Eduard von Hartmann. Über die dialektische Methode. Erste Auflage 1868. Dort im Vorwort zur zweiten Auflage). Als Urheber des Gedankens gilt als meist der Philosoph Friedrich Wilhelm Hegel (1770 bis 1831). Die Grundidee ist, dass die Geschichte des Menschen auf ein bestimmtes Ziel hinausläuft. Siehe auch 👉 Weltprozess
- [52] Karl Marx sah eine zwangsläufige Entwicklung einer Gesellschaft durch verschiedene Entwicklungsstufen, ähnlich dem späteren Gedanken der Metasystem-Transitionen: „Eine Nation soll und kann von der andern lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – und es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen –, kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“ In: Marx: Das Kapital. S. 8f. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3317f(vgl. MEW Bd. 23, S. 15f). Siehe auch 👉 ökonomischer Determinismus
- [53] Fast zeitgleich mit Charles Darwin hatte auch der Engländer Alfred Russell das Gesetz der biologischen Evolution entdeckt: Alfred Russell: On the Law Which Has Regulated the Introduction of New Species. In: published in Volume 16 (2nd Series) of the Annals and Magazine of Natural History in September 1855. Online: http://people.wku.edu/charles.smith/wallace/S020.htm
- [54] Charles Darwin: On the Origin of Species. 1859.Siehe auch 👉 Charles Darwin
- [55] Der Name Dinosaurier wurde im Jahr 1841 von Richard Owen vorgeschlagen: "The combination of such characters ... will, it is presumed, be deemed sufficient ground for establishing a distinct tribe or sub-order of Saurian Reptiles, for which I would propose the name of Dinosauria*. (*Gr. δεινός, fearfully great; σαύρος, a lizard. ... )" In: Owen, Richard (1841). "Report on British fossil reptiles. Part II". Report of the Eleventh Meeting of the British Association for the Advancement of Science; Held at Plymouth in July 1841. Report of the ... Meeting of the British Association for the Advancement of Science (1833): 60–204.; see p. 103. From p. 103. Online: https://www.bbc.co.uk/news/uk-england-lancashire-31623397
- [56] Der zu seiner Zeit berühmte Züricher Naturforscher Johann Jacob Scheuchzer (1672 bis 1733) deutete das Fossil eines Riesensalamanders als einen in der biblischen Sintflut ertrunkenen Menschen. Tatsächlich war das in den Schweizer Bergen gefundene Fossil der Überrest einer heute augestorbenen Art von Riesensalamandern aus der Zeit des Oligozän bis zum Miozän, also nicht, wie Scheuchzer annahm 4032 Jahr alt, sondern einige Jahrmillionen. Das heute als Andrias scheuchzerii benannte Tier lebte in Gewässern und benötigte wahrscheinlich frostfreie Winter. Die originale Beschreibung von Johann Jacob Scheuchzer ist zu finden unter dem Titel: "Homo diluvii testis. Bein & Gerüst eines in der Sündflut ertrunkenen Menschen. Auf dem Titelblatt steht als Ausgabedatum: Zürich, im Jahr nach der Sündflut MMMMXXXII." Eine Zeichnung auf dem entsprechenden Blatt ist original datiert mit dem Jahr 1726.
- [57] Noch im Jahr 1733 war es unter Gelehrtern unklar, ob Fossilfunde tatsächlich Überbleibsel von ehemaligen Meeresbewohner sind oder ein bloßes Spiel der Natur, ein Lusus natura: So lautet der Titel eines Buches aus dem Jahr 1733: "Eine Untersuchung des Ursprungs und der Formirung der Fossilien, oder Fisch-Schalen, und anderer dergleichen Cörper, so aus der Erden gegraben werden. Worinnen ein Weg vorgeschlagen wird, die zwo unterschieden Meynungen, nehmlich dererjenigen, die solche vor die Exuvias, oder hinterlassenen Schalen würcklicher Fische ausgeben, und derer, die sie vor Lusus naturae, oder ein blosses Spiel der Natur halten, zu vergleichen." Aus dem Englischen übersetzt von Theodor Arnold: Verlag Johann Georg Löwe. Leipzig. 1733. Übersetzt aus dem Englischen Original: Charles King und/oder H. Rowland: An Account of the origin and formation of fossil shells. 1705.
- [58] Nach der Sesshaftwerdung des Menschen entstanden Gesellschaften, in denen einzelne Individuen massive Privilegien der Fortpflanzung hatten: "after the origin of farming around 10,000 years ago, reproductive variance increased. In civilizations which began in Mesopotamia, Egypt, India, and China, and then moved on to Greece and Rome, kings collected thousands of women, whose children were supported and guarded by thousands of eunuchs." Wesentlich für die Idee einer Metasystem-Transition ist auch, dass zunehmend viele Individuen sich um die Aufzucht fremder Brut kümmern. Der Pionier der Soziobilogie, Edward Wilson, schrieb: "Eusociality, in which some individuals reduce their own lifetime reproductive potential to raise the offspring of others". Zur Geschichte des Fortpflanzungsprivilegs, siehe: Laura Betzig: Eusociality in History. Hum Nat 25, 80–99 (2014). DOI: https://doi.org/10.1007/s12110-013-9186-8
- [59] Wer sich Fürsorge für seine Kinder kaufen kann, hat mehr Kinder. Menschen ohne Einkommen rutschen dann eher in die Rolle die Fürsorge für andere zu leisten und gleichzeitig selbst weniger Kinder zu haben: "a yawning inequality gap may help explain why fertility rates among highly educated women are rising. They argue that the growing divide between rich and poor in American society has created two groups of women: those who can afford to buy help to raise their children and run their homes and those who are willing to supply such services at affordable prices." Dies sei das Ergebnis von empirischen Untersuchungen der Wirtschaftswissenschaflter Moshe Hazan and Hosny Zoabi. In: Jamie Doward and Gaby Bissett: High-fliers have more babies, according to study. In: The Guardian. 26. Oktober 2014. Online: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2014/oct/25/women-wealth-childcare-family-babies-study
- [60] W. H. Manwaring: Organic Theory of the State. Dort heißt es: "The organic theory of the state pictures the politico-economic state as a living organism, a large-scale mainfestation of the same basic biological laws as those studied to-day by means of the microscope and test-tube." In: The Scientific Monthly, vol. 47, no. 1, 1938, pp. 48–50. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/16808
- [70] Viele anschauliche Beispiele zur Ausbildung von Inkompetenzen in größeren Unternehmen bschrieben: Laurence Johnston Peter, Raymond Hull: Das Peter-Prinzip oder die Hierarchie der Unfähigen. Rohwolt Verlag GmbH. Hamburg. 1970.
- [71] Friedrich von Bernhardi: Deutschland und der nächste Krieg. Verlag J. G. Cotta, 1913. 345 Seiten. Die Zitate oben stammen aus dem Kapitel 1. Siehe auch 👉 Deutschland und der nächste Krieg
- [72] Eusoziale Insekten machen nur 2 % der Insektenarten aber gut 75 deren Biomasse aus: "while only 2% of known insect species are eusocial, these species compose most of the insect biomass; in one patch of rainforest assayed near Manaus in Amazonian Brazil, they made up over three-fourths of the insect biomass. The eusocial insects, and in particular the ants and termites, tend to dominate the more persistent and defensible parts of terrestrial environments." In: Edward O. Wilson, One Giant Leap: How Insects Achieved Altruism and Colonial Life, BioScience, Volume 58, Issue 1, January 2008, Pages 17–25, https://doi.org/10.1641/B580106
- [73] Eusoziale Insekten und die eusozialen Menschen dominieren ihr Umfeld: "The biomass of ants alone composes more than half that of all insects and exceeds that of all terrestrial nonhuman vertebrates combined1. Humans, which can be loosely characterized as eusocial, are dominant among the land vertebrates." In: MA Nowak, CE Tarnita, Edward O. Wilson: The evolution of eusociality. Nature. 2010 Aug 26;466(7310):1057-62. doi: 10.1038/nature09205. PMID: 20740005; PMCID: PMC3279739.
- [74] Der Pionier der Soziobiologie, Edward O. Wilson, sieht in Eusozialität einen generellen Evolutionsvorteil: "Why has eusociality been so successful? The well-documented answer is that organized groups beat solitaires in competition for resources, and large organized groups beat smaller ones of the same species" In: Edward O. Wilson, One Giant Leap: How Insects Achieved Altruism and Colonial Life, BioScience, Volume 58, Issue 1, January 2008, Pages 17–25, https://doi.org/10.1641/B580106
- [75] Edward O. Wilson merkt aber an, dass man die Mechanismen hin zur Eusozialität von Insekten nicht zwingend und leichtfertig auf menschliche Gesellschaften übertragen sollte: "the explanation of the origin and evolution of eusocial colonial life advanced here is meant to apply only to nonhuman animal species, and insects in particular. Human social behavior arose with different preadaptations, and may have been driven by a very different pattern of fundamental selection forces. (Or it may not have been so driven.)" In: Edward O. Wilson, One Giant Leap: How Insects Achieved Altruism and Colonial Life, BioScience, Volume 58, Issue 1, January 2008, Pages 17–25, https://doi.org/10.1641/B580106
- [76] Wie sehr der Mensch den Lebensraum auf der Erde beherrscht, wird passend ausgedrückt durch die Idee des Anthropozän, einer geologischen Zeit, die durch den Menschen geprägt ist. Siehe auch 👉 Anthropozän
- [77] Als "Subsysteme", die in einer Art gegenseitiger Evolution die Macht erlangen, ihre siechen Metasysteme zu zersetzen, denke man zum Beispiel an an die Drogenkartelle Kolumbiens, an die Mafia-Banden in Italien, Warlords in Somalia oder Nigeria oder erfolgreich lobbyierende Großunternehmen und Industrieverände in Europa.
- [78] Gaia, Energon, MONON, Machina sapiens, Kybiont, Metaman, Global Brain etc.: vor allem seit den 1960er Jahren sind eine Vielzahl von Theorie zu Entstehung globaler Überorganismen entstanden. Siehe dazu unter 👉 Globaler organismus
- [79] Ein Autor, der die dunkle Seite der Evolution, den Preis für effiziente Gruppen sehr nüchtern und detailliert darlegt ist der US-Amerikaner Howard Bloom (geboren 1943). Eines seiner Bücher trägt den dazu passenden Titel The Lucifer Principle: A Scientific Expedition into the Forces of History. Atlantic Monthly Press. 1995. ISBN 978-0-87113-532-2. Siehe auch 👉 Howard Bloom
- [80] Der Schluss, dass alles in der Welt Kampf und Evolution ist, und dass Kampf und Evolution damit auch ein zu bejahendes Weltprinzip bilden, gilt in der Philosophie als klassischer 👉 naturalistischer Fehlschluss
- [81] Dass eine Arbeitsteilung oft auftritt, aber nicht zwingend sein muss, zeigt das Beispiel von Vielzellern: "The path from a unicellular condition to a multicellular one has been well-traveled. Of the same 23 monophyletic protist groups, fully 17 have multicellular representatives. The path from multicellularity to cellular differentiation, however, proved a far less porous filter. Of the 17 multicellular taxa, only 3 groups, the plants, the fungi, and the animals have developed cellular differentiation in more than a handful of species." In: Buss, L. W. 1987. The evolution of individuality. Princeton, NJ: Princeton University Press. Dort die Seite 70. Siehe auch 👉 Differenzierung (Biologie)
- [82] Die Idee, dass es Apoptose nicht nur bei Zellen in einem Organismus sondern auch bei Menschen im Superorganismus der Gesellschaft gibt, ist ein Kerngedanke von Howard Bloom. Zweifel an der Analogie hat ein Rezensent eines von Blooms Büchern: "Bloom uses 'apoptosis' or programmed cell death to understand human suicide. The cells of many multicellular organisms have suicide programmes. When a cell in such an organism no longer receives the message to stay alive, it uncomplainingly activates its death programme and dies. In doing so it probably promotes its genetic interests because the other cells in the organism are clones of it: the interests of the individual and the group coincide. But it is doubtful whether people commit suicide or give up reproduction to promote a societal superorganism. Human tendencies towards suicide and celibacy could have some ancient basis in promoting one's immediate relatives, if by these actions the relatives are substantially better off." In: No sympathy for the Devil. Mark Pagel über Blooms Buch: The Lucifer Principle: A Scientific Expedition into the Forces of History. By Howard Bloom. Atlantic Monthly: 1995. Die Rezension erschien in: NATURE· VOL 374 . 27 APRIL 1995. Dort die Seite. 466. Siehe auch 👉 Apoptose (Soziologie)
- [83] Eine gemeinsame Keimbahn und damit im Umkehrschluss die Unfruchtbarkeit von Teilindividuen als notwendige Voraussetzung für eine evolutionäre Transition: "The evolution of eusociality in social insects, such as termites, ants, and some bees and wasps, has been regarded as a major evolutionary transition (MET). Yet, there is some debate whether all species qualify. Here, we argue that worker sterility is a decisive criterion to determine whether species have passed a MET (= superorganisms), or not." In: Abel Bernadou, Boris H. Kramer, Judith Korb: Major Evolutionary Transitions in Social Insects, the Importance of Worker Sterility and Life History. In: Front. Ecol. Evol., 26 October 2021. Sec. Social Evolution. Volume 9 - 2021. Siehe auch 👉 zellulärer Flaschenhals
- [84] Kontrolle schließt hier auch die Steuerung mit ein. Kontrollmechanismen sind ein wesentlicher Teil der Definition von Metasystemen. Bei biologischen Organismen denke man etwa an Hormone und Nervensignale. Bei menschlichen Metasystemen könnten verschiedene Formen sozialer Kontrolle sowie insbesondere marktwirtschaftliche Anreizsysteme eine Art Präadaptation sein. Siehe auch 👉 Konformitätsverstärker
- [85] Genetische Kodierung heißt, dass die Erbeinformation eine passende Balance zwischen Zuverlässigkeit und Variation hat. Nur wenn sie auch die Möglichkeiten zu Mutationen hat, ist sie ein geeigneter Replikator im Sinne der Evolution. Siehe mehr dazu unter 👉 Replikator
- [86] 50 bis 100 Individuen müssen es mindestens sein, um die schädlichen Effekt von Inzucht zu vermeiden und damit auch, um eine Evolution am laufen zu halten: "A consensus MVP rule of 50/500 individuals has been attained, according to which a minimum effective population size of Ne = 50 is needed to avoid extinction due to inbreeding depression in the short term, and of Ne = 500 to survive in the long term." MVP steht dabei für Minimum viable population (Mindestgröße einer lebensfähigen Population). In: Pérez-Pereira, N., Wang, J., Quesada, H. et al. Prediction of the minimum effective size of a population viable in the long term. Biodivers Conserv 31, 2763–2780 (2022). Licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License. DOI: https://doi.org/10.1007/s10531-022-02456-z
- [87] Wenn die Evolution eine Mindestanzahl von Individuen innerhalb einer Population benötigt, dann folgt bei begrenzten Ressourcen daraus, dass die evolutionäre Strategie einer Art nicht zwangsläufig die Vergrößerung einzelner Individuen sein kann, sondern eine Vermehrung. In der Biologie scheint dies die einzige Strategie von Lebewesen zu sein: es gibt keine Art, deren Individuen über das Wachstum ihrer individuellen Körper konkurrieren sondern letztendlich immer über die Anzahl ihrer reproduzierenden Nachkommen. Seltsamerweise wurde diese Prinzip bisher nicht auf das Wirtschaftsleben übertragen. Einzelne Unternehmen haben als Ziel meist ein individuelles Wachstum und nicht, ihre eigene Reproduktion. Eine interessante ökonomische Zwischenstufe könnten hier Kettenunternehmen sein. Siehe dazu auch 👉 Evolvierbarkeit
- [88] Wie sich erste Gehirne in frühen Tieren gebildet haben könnten untersuchen: Hiroshi Watanabe, Toshitaka Fujisawa, Thomas W. Holstein: Development, Growth & Differentiation Cnidarians and the evolutionary origin of the nervous system. In: Development, Growth and Differentiation. Japanese Society of Developmental Biologists. First published: 30 March 2009. DOI: 10.1111/j.1440-169X.2009.01103.x. Siehe auch 👉 Zerebralisation
- [89] Ein Beispiel für eine interne Kontrolle eines Systems gegenüber Subsystemen ist das koordinierte, kontrollierte Wachstum von einzelnen Zellen innerhalb einer Volvox-Kolonie: Das Wachstum einer Volvox-Kolonie ist ein koordinierter, kontrollierter Vorgang: "Patterning of a multicellular body plan involves a coordinated set of developmental processes that includes cell division, morphogenesis, and cellular differentiation." Speziell auch der Abschnitt mit dem Titel "Cytological and genetic control of embryonic patterning". In: Matt G, Umen J. Volvox: A simple algal model for embryogenesis, morphogenesis and cellular differentiation. Dev Biol. 2016 Nov 1;419(1):99-113. doi: 10.1016/j.ydbio.2016.07.014. Epub 2016 Jul 19. PMID: 27451296; PMCID: PMC5101179. Siehe auch 👉 Volvox
- [90] Die Entstehung von einem Zentralnervenstystem in Schwämmen: "Here, I examine the elements of the sponge neural toolkit including sensory cells, conduction pathways, signalling molecules and the ionic basis of signalling." In: Sally P. Leys: Elements of a ‘nervous system’ in sponges. In: Journal of Experimental Biology. 218 (4). 2015. Dort die Seiten 581–591. Online: https://doi.org/10.1242/jeb.110817
- [91] Ob ein Mensch fünf Finger an jeder Hand hat oder vielleicht auch sechs oder noch mehr ist nicht wesentlich dafür, ob es sich um einen Menschen handelt oder nicht. Die Mehrfingrigkeit (Polydaktylie) ist als Eigenschaft ein sogenanntes 👉 Akzidens
- [92] Ein Metasystem ohne scharfe räumliche Grenzen könnte zum Beispiel ein evoluierendes Softwareprogramm sein. Das Programm selbst kann in seiner Datengrundlage durchauf verteilt auf mehreren Rechnern vorliegen, etwa in eine Cloud. Ein Beispiel für eine digitale evolutionäre Umgebung ist die Softwareplattform Avida. Siehe dazu: https://en.wikipedia.org/wiki/Avida_(software)
- [93] Gibt es Beispiele aus der Geschichte, in denen Staaten, zum Beispiel auch Stadtstaaten, versuchten, Kopien ihrer selbst in die Welt zu setzen? Zwar drückten viele Staaten Teile ihrer Verfassung anderen Ländern gewaltsam auf (Kolonialismus, Imperialismus) und manchmal übernahmen Ländern Teile fremder Verfassungen von sich aus (Japan um 1890). Aber mir ist nicht bekannt, dass politische Gebilde jemals eine Erzeugung von Kopien ihrer selbst anstrebten.
- [94] Die Deutung von Verfassungen im Sinne einer genetischen Erbinformation ist vor allem dort interessant, wo es zu einer Übertragung solcher Information von einem Staatsgebilde auf ein anderes kommt: im Jahr 1225 übernahm die Hansestadt Danzig das Lübische Stadtrecht, im Jahr 1804 wurde in Rheinland der französische Code Napoleon als Zivilrecht eingeführt, im Jahr 1889 übernahme die japanische Meiji-Verfassung Elemente der Preußischen Verfassung von 1850. Bemerkenswert ist auch das Buch "Politik" des antiken Philosophen Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.). In diesem Buch vergleicht er die verschiedenen Verfassungen der vielen griechischen Stadtstaaten im Hinblick auf ihre Nützlichkeit.
- [95] In der Zeit von etwa 900 bis 1100 nach Christus blühte im Südwesten der heutigen USA fast wie aus dem Nichts eine indianische Hochkultur auf. Manchen Autoren zufolge war die vorherige Ausbildung einer starken Arbeitsteilung dafür der Auslöser. Siehe zu diesem Beispiel 👉 Chaco-Canyon-Kultur
- [96] Das englische Empire des 19ten und frühen 20ten Jahrhunderst wurde fast vollständig von einem kleinen Bereich Londons aus (Westminster) regiert. Überhaupt trifft die Idee einer Zerebralisation zunächst auf zentralisierte Staaten wie etwa Frankreich zu. Der Vorteil einer räumlichen Zentralisierung sind kurze Wege bei der Wissensarbeit. Ein moderner Trend hin zu einer Zerebralisation könnte die Ausbildung räumlich eng beieinander liegender Rechenzentren sein, etwa wie in der Finanzmetropole Frankfurt am Main in den 2020er Jahren zu beobachten. Siehe mehr unter 👉 Zerebralisation
- [97] So zerfiel im 5ten Jahrhundert das alte weströmische Reich in eine Vielzahl neuer Staaten auf seinem ehemaligen Territorium. Im Jahr 1919 zerfiel das ehemalige Österreich-Ungarn in 5 neue Nachfolgestaaten. 1991 entstanden aus der ehemaligen Sowjetunition 15 neue Nachfolgestaaten.
- [98] Bernal-Sphäre oder der Stanford-Torus: tatsächlich gibt es Gedankenentwürfe für künstliche Siedlungen im Weltraum, bis hin zur Größenordnung von Stadtstaaten. Siehe dazu unter 👉 Weltraumhabitat
- [99] Zu den Hutterern siehe zum Beispiel: Lenz, Karl. “DIE SIEDLUNGEN DER HUTTERER IN NORDAMERIKA – AUSDRUCK EINER SOZIALGEOGRAPHISCHEN GRUPPE.” Geographische Zeitschrift, vol. 65, no. 3, 1977, pp. 216–38. JSTOR. Siehe auch 👉 Hutterer
- [100] "Im 13. Jahrhundert stieg die Zahl der Klöster in Deutschland auf mehr als 3.100 an, insgesamt existierten in dem Jahrhundert mehr als 22.000 Klöster in Europa, die größte Zahl immer noch in Frankreich." In: Geschätzte Anzahl der Klöster nach Regionen in Westeuropa vom 6. bis zum 15. Jahrhundert. Statista. Abgerufen am 19. März 2024. Online: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1045100/umfrage/kloester-in-westeuropa/#:~:text=Im%2013.,Zahl%20immer%20noch%20in%20Frankreich.
- [101] Parallelen zwischen Klöstern und Wirtschaftsunternehmen werden untersucht in: Birgit Feldbauer-Durstmüller, Tanja Wolf, Maximilian Neulinger: Unternehmen und Klöster. Wirtschaft und monastisches Leben im interdisziplinären Dialog. Der Band kontrastiert Grundfragen aus Betriebswirtschaftslehre und wirtschaftlicher Praxis mit theologischen Überlegungen und dem klösterlichen Leben. Springer Gabler Wiesbaden. 2019. 385 Seiten. ISBN: 978-3-658-26693-6. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-26694-3
- [102] Berühmt ist die Ordensregel der Benediktiner, die seit dem Jahr 529 in Gebrauch war und sozusagen - ähnlich wie Erbinformation - gleichzeitig eine Art Bauplan für neue Klöster war sowie auch die Regelung des Alltags war: Die Benediktus-Regel: lateinisch-deutsch. Hrsg. von Basilius Steidle. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2. Auflage 1975; 4. Auflage ebenda 1980, ISBN 3-87071-023-3.
- [103] Dass Religion, unter anderem mit einer zölibatären Priesterkaste, die Entstehung von Eusozialität in menschlichen Gesellschaften gefördert haben könnte, untersucht Jay R. Feierman. In: Religion’s Possible Role in Facilitating Eusocial Human Societies. A Behavioral Biology (Ethological) Perspective. In: Studia Humana. Band 5 (2016): Heft 4 (Dezember 2016).
- [104] Die Religionsgemeinschaft der Mormonen praktizierte vor allem im 19ten Jahrhundert Polygamie. Ein Mann konnte mit bis zu über 20 Frauen zusammen leben. Die genetische Funktion der gemeinsamen Keimbahn wäre die Ausschaltung von einem Zwang zur Konkurrenz (Gen-Egoismus) zwischen einzelnen Individuen.zur Polygamie unter den Mormonen siehe: Bitton, Davis. “Mormon Polygamy: A Review Article.” Journal of Mormon History, vol. 4, 1977, pp. 101–18. JSTOR. Online: http://www.jstor.org/stable/23286142.
- [105] Zur sozialen Kontrolle durch religiöse Gemeinschaften, siehe zum Beispiel: Abdallah, Mahmoud: Soziale Kontrolle durch religiöse Gemeinschaften: Eine islamische Perspektive. Verlag Friedrich Pustet. 2019. ISBN: 3791730592. Siehe auch 👉 Gruppenkohäsion
- [106] Nicht nur die Organisationen der großen Kirchen haben mit ihren Priesterkasten und Laienzuarbeitern eine oft starke Arbeitsteilung. Auch innerhalb von Klöstern fand man eine stark arbeitsteilige Organisation vor. Siehe auch 👉 Arbeitsteilung
- [107] Religionsgemeinschaften heißen Selbstmord üblicherweise nicht gut. Eine Art alternativer Regelung zur Beseitigung nutzloser oder schädlicher Individuen ist aber die sogenannte Exkommunikation, der Ausschluss von Individuen aus der Gemeinschaft.
- [108] Eine Art Zerebralisation deutete sich in Klöstern etwa über die Bibliotheken als Art Wissensspeicher an. Aber auch die zentralisierte Informationsverarbeitung der katholischen Kirche im Vatikan kann als eine ansatzweise Zerebralisation gedeutet werden.
- [109] Systemgrenzen sind bei Religionsgemeinschaften oft schon architektonisch gut erkennbar, etwa als Klostermauern, Kirchenstaat oder räumlich abgegrenzter Siedlungen. Darüberhinaus machen äußerlich individuelle Merkmale wie Kleidung, Haartracht oder Sprachgewohnheiten Angehörigen leicht erkennbar.
- [110] Mit Wach-/Schlafzyklus im Sinne eines Metasystems ist nicht der tägliche Rhythmus von Tag und Nacht gemeint sondern. Ein Kloster zum Beispiel würde einen Wach-/Schlafzyklus zeigen, wenn es im Winter weitgehend ganz auf operative Tätigkeiten verzichetet und die Individuen im Kloster weit überwiegend Wissensarbeit in enger Analogie zu Traumphasen verrichten. Dafür zeigen sich zur Zeit keine Anzeichen. Siehe auch 👉 Traum
- [111] Schlafähnliche Zustände scheinen evolutionär sehr alt zu sein. Sie konnten bis hin zu kleine Würmern und Fliegen nachgeweisen werden. Eine wichtige Rolle von Schlaf scheint die Organisation von Gedächtnisinhalten und Emotionen zu sein. Damit wäre Schlaf möglicherweise eine notwendige Eigenschaft von Systemen die zu komplexer Verarbeitung von Informationen fähig sind. Siehe mehr dazu unter 👉 Schlaf
- [112] Alleine in Deutschland gab es im Jahr 2021 rund 3,2 Millionen Unternehmen: "Mit knapp 3,2 Millionen zählte 2021 die überwiegende Mehrheit (99,3 %) der Unternehmen zu den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). 2,6 Millionen galten als Kleinstunternehmen, rund 20 800 als Großunternehmen. " In: Statistisches Bundesamt. 2024.
- [113] Bei Handelsketten oder Kettenunternehmen werden meist Filialen neu gegründet oder geschlossen, je nachdem wie profitabel sie sind sind. Beispiele sind Nachhilfeketten, Tankstellenketten oder Fast-Food-Ketten. Verwandt ist das Konzept eines Franchising, bei dem viele ähnliche Unternehmen zwar wirtschaftlich eigenständig bleiben, aber einem eng definierten "Bauplan" folgen. Aus der Analogie Unternehmen-Organismus heraus ist hier vor allem interessant, dass einzelne Filialen untereinander so ähnlich sind, dass isolierte Einflussfaktoren (wie etwa Verkaufspreise oder Alter der Belegschaft) isoliert in ihrer Wirkung (ceteris paribus) analysiert werden könnten.
- [114] Passend zur Idee von Unternehmen als bio-analogem Metasystem ist der Begriff der Unternehmens-DNA. Die Idee steht meist jedoch eher für die Philosophie eines Unternehmens und seltener für die Idee eines ausdrücklichen genetischen Kodierung von Unternehmsmerkmalen. Mehr dazu unter 👉 Unternehmens-DNA
- [115] Polygamie kann jedoch nicht als gemeinsame Keimbahn einer ganzen religiösen Siedlergemeinschaft betrachtet werden, da das Erbmaterial eines Vaters oder einer Mutter nicht die Siedlergemeinschaft kodiert sondern nur die Ausprägung von einzelnen Individuen. Als gemeinsame Keimbahn einer Gemeinschaft dient eher eine Ordensregel. Ein modernes Beispiel wären die Bau- und Verhaltensregeln einer Life-Style-Siedlung, etwa verwirklicht als 👉 Seasteading
- [116] Eine gemeinsame Keimbahn für ein Unternehmen würde heißen, dass die Individuen innerhalb des Unternehmes eine ausreichend ähnliche Erbinformation haben, um nicht dem Zwang zum Gen-Egoismus zu unterliegen. Gegenwärtig sind keine Tendenzen erkennbar, dass Unternehmen vorzugsweise genetische Klone rekrutieren oder sogar erzeugen möchten.
- [117] Unternehmen verfügen meist über eine sehr starke innere Kontrolle. Im einfachsten Fall sind es die Chefs und Inhaber, die genau die Tätigkeiten ihrer Mitarbeiter kontrollieren. Stärker formalisiert sind zum Beispiel: Controlling, Innenrevision, Compliance, Aufsichtsrat etc.
- [118] Mit ihren fein verästelten Strukturen von Betriebstätten, Abteilungen, Fachbereichen, Dezernaten einerseits und einer Vielzahl genau definierter Tätigkeiten und Berufe sind größere moderne Unternehmen das klassische Beispiel für eine sehr ausgeprägte 👉 Arbeitsteilung
- [119] Eine soziale Apoptose im Sinne eines freiwilligen Selbstrückzugs bei gefühlter oder signalisierter Nutzlosigkeit in einem Unternehmen ist wenig ausgeprägt. Stattdessen überwiegen die innere Kündigung zum Schaden des Unternehmens sowie die erzwungene Abstoßung durch Kündigung seitens des Arbeitgebers. Von einer Analogie zur Apoptose in einem Unternehmen könnte man nur dann sprechen, wenn Mitarbeiter freiwillig kündigen und die Trennung zum maximalen Wohl des Unternehmens gestalten.
- [120] Unternehmen, mehr noch als Staaten, zeigen oft eine starke Zentralisierung und Zerebralisation ihrer Wissensarbeit. So haben zum Beispiel große Bergbauunternehmen weltweit operative Tätigkeiten. Die Verwaltung, die Strategiebildung und alles was über die engen Belange einzelner Betriebe hinausgeht findet oft zentral in einem Gebäude statt. Die Gründe sind vor allem in schnellen und effizienten Kommunikationswegen zu suchen. Siehe auch 👉 Neuronal-organisationale Zerebralisation
- [121] Unternehmen zeigen deutliche Systemgrenzen. Dazu einige Beispiele: mit Mauern und Stacheldraht gesichertes Betriebsgelände, Zugangskontrolle durch Pförtner, Mitarbeiterausweise, im IT-Bereich alles rund um das Thema Firewall, Intranet etc.
- [122] Wach-/Schlafzyklus soll hier nicht nur als Betriebsruhe etwa in Ferien oder nachts gedeutet werden, sondern als eine aktiv genutzt Zeit in der betriebsintern Wissensarbeit verrichtet wird, die während der eigentlichen Betriesphase nicht verrichtet werden könnte. Bei kleinen Unternehmen zählt dazu zum Beispiel die Inventur, das heißt die Erfassung aller Waren zu einem festen Zeitpunkt. Bei IT-Unternehmen könnte das das Aufspielen einer neuen Software sein, bei der das Außengeschäft ruhen muss. Siehe auch 👉 Schlaf
- [123] Obwohl Superkolonien von Ameisen zunächst oft sehr erfolgreich als invasive Arten sind, führen das Fehlen von Aggression und die genetische Gleichförmigkeit zu Zusammenbrüchen einzelner Populationen ("Invasive ants are prone to population crashes for reasons that aren’t understood"). Zwei Ursachen für den Misserfolg von Superkolonien werden diskutiert: a) die bekannten Nachteile einer Inzucht, insbesondere die Anfälligkeit für Krankheiten ("As with inbred species everywhere, this may make them prone to disease.") Ein weiterer Nachteil der genetischen Gleichförmigkeit ist b) die Anfälligkeit der Superkolonien für innerartliches Schmarotzertum ("Another potential issue is that the ants’ lack of discrimination about whom they help may also favour the evolution of free-riding “lazy workers” in colonies, who selfishly prosper by exploiting their nestmates’ efforts.") In: John Whitfield: Empire of the ants: what insect supercolonies can teach us. In: Guardian. 19. März 2024. Online: https://www.theguardian.com/environment/2024/mar/19/empire-of-the-ants-what-insect-supercolonies-can-teach-us
- [124] Als künstliche künstliche Superintelligenz ist eine hypothetische Software mit intellektuellen Fähigkeiten jenseits derer irgendeines einzelnen Menschen: "Artificial superintelligence (ASI) is a hypothetical software-based artificial intelligence (AI) system with an intellectual scope beyond human intelligence. At the most fundamental level, this superintelligent AI has cutting-edge cognitive functions and highly developed thinking skills more advanced than any human." In: Tim Mucci, Cole Stryker: What is artificial superintelligence? In: Internetseite der IBM (International Business Machines). Veröffentlicht am 18. Dezember 2023. Siehe auch 👉 künstliche Superintelligenz
- [125 ] Eine frühe Definition von Superintelligenz (ultraintelligente Maschine) aus dem Jahr 1965: "Let an ultraintelligent machine be defined as a machine that can far surpass all the intellectual activities of any man however clever. Since the design of machines is one of these intellectural activities, an ultraintelligent machine could design even better machines; there would then unquestionably be an 'intelligence explosion,' and the intelligence of man would be left far behind. Thus the first ultratintelligent machine is the last invention that man need ever make […]" In: Irving John Good: Speculations Concerning the First Ultraintelligent Machine. Trinity College. Oxford. 1965. Basierend auf Vorträgen der "Conference on the Conceptual Aspects of Biocommunications" des Neuropsychiatric Institute, University of California, Los Angeles, Oktober 1962 und der "Artificial Intelligence Session" des "Winter General Meetings" der IEEE vom Januar 1963. Online: http://acikistihbarat.com/dosyalar/artificial-intelligence-first-paper-on-intelligence-explosion-by-good-1964-acikistihbarat.pdf
- [126] Die fiktive Superintelligenz Skynet aus dem Jahr 1984 war zunächst ein militärisches Verteidigungssystem. Nachdem es Bewusstsein erlangt hatte, wandte es ich gegen die Menschheit. Eine seiner Waffen waren die Terminator-Cyborgs, gespielt von Arnold Schwarzenegger. In: The Terminator. 1984. Regie: James Cameron. Hauptdarsteller: Arndold Schwarzenegger.
- [127] Nick Bostrom: Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies. Oxford University Press. 2014. 328 Seiten. ISBN: 978-0199678112.
- [128] Der wesentliche Punkt ist, dass eine Superintelligenz einen Input und Output zur "realen Welt" erhält. Dann wird es keine menschlichen Programmierer mehr benötigen, sondern die Systeme werden von alleine lernen: "a detailed knowledge of semantics might not be required, since the artificial neural network will largely take care of it, provided that the parameters are correctly chosen, and provided that the network is adequately integrated with its sensorium and motorium (input and output). For, if these conditions are met, the machine will be able to learn from experience, by means of positive and negative reinforcement" In: Irving John Good: Speculations Concerning the First Ultraintelligent Machine. Trinity College. Oxford. 1965. Basierend auf Vorträgen der "Conference on the Conceptual Aspects of Biocommunications" des Neuropsychiatric Institute, University of California, Los Angeles, Oktober 1962 und der "Artificial Intelligence Session" des "Winter General Meetings" der IEEE vom Januar 1963. Online: http://acikistihbarat.com/dosyalar/artificial-intelligence-first-paper-on-intelligence-explosion-by-good-1964-acikistihbarat.pdf
- [129] In dem Spielfilm "Colossus: The Forbin Project" aus dem Jahr 1970 verbinden sich eine US-amerikanische und eine sowjetische Superintelligenz und bedrohen die gesamte Menschheit mit Atomwaffen.
- [130] Am 24. März 2024 gab es mindestens über 70 tausend Unternehmen rund um künstliche Intelligenz: "There are 70,717 companies in Artificial Intelligence". Das Zitat stammt von Tracxn, einer indischen Maklerei, die Risikokapital (venture capital) und potentielle Unternehmen mit Geldbedarf zusammenbringen will. Zu diesem Zweck listet sie unter anderem auch Start-up Unternehmen. Wenn man davon ausgeht, dass auch nur ein Zehntel der Firmen eigene Künstliche Intelligenzen erzeugen, so kommt man auf mehrere tausend eigenständige KIs weltweit.
- [131] Eine Vermehrung einer individuellen KI ließe sich leicht als Kopiervorgang in einer digitalen Umgebung umsetzen. Im Moment (2024) werden verschiedene offline-Versionen von Llamas (LLaMA, Large Language Models of Meta AI) angeboten, die auf einem lokalen Rechner installiert werden können. Diese lokalen LLaMAs können dann eigenständig in Gesprächen mit Menschen lernen oder mit Datenbeständen privater Nutzer trainiert werden.
- [132] Da es bereits ausgereifte Software zur Abbildung genetischer Optimerung gibt (genetische Algorithmen), ließe sich der Kopiervorgang wahrscheinlich auch ohne Weiteres in enger Analogie zum biologischen Vorbild umsetzen. Die Kis könnte dann als Population die Vorteile einer genetischen darwinistischen Evolution, die dann die individuelle neuronale Intelligenz der einzelnen KIs weiter entwickelt.
- [133] Die gemeinsame Keimbahn ist hier sozusagen schon im Kern enthalten. Die KI als Ganzes wird von einer Software kodiert. Die KI wuchs nicht aus ehemals konkurrierenden Einzelindividuen heran und muss deshalb auch nicht das Problem des Gen-Eogismus von individuellen Teilindividuen beseitigen.
- [134] Jede einzelne Superintelligenz wird zunächst so erschaffen worden sein, dass alle Teile der Software konkurrenzfrei zusammenarbeiten. Der Aspekt innerer Kontrolle könnte dann wichtig werden, wenn die KI heuristische Methoden einer inneren Konkurrenz nutzt. Der Autor Howard Bloom zum Beispiel sieht in sogenannten Diversitätsgeneratoren einen von fünf wesentlichen Mechanismen jeder kollektiven Intelligenz. Eine KI könnte etwa so aufgebaut sein, dass sie intern evolutionär konkurrierende Teilindividuen enthält. Denkbar wäre auch, dass Teile einer neuronalen Intelligenz die Dominanz über das Gesamtsystem anstreben oder durch rein selektive Prozesse erhalten. Konkrete Beispiele würden wahrscheinlich in dem Maß enstehen, wie die jetzt noch computerbasierten KIs mehr und mehr zu individuellen KIs als Teil eines Internets der Dinge werden.
- [135] Eine Superintelligenz könnte als körperliche Grundlage aus vielen verteilten Rechensystemen, Objekten der realen Außenwelt oder auch Menschen bestehen. Steuert eine solche KI etwa einen gesamten Tagabau (Bergbaubetrieb), so könnte eine typische Aufgabe sein, den Tagebau für einen vorhergesagten Starkregen wetterfest zu machen. Die KI könnte dann dieses übergeordnete Ziel arbeitsteilig herunterbrechen: Menschen in Autos machen Kontrollfahrten entlang von Gurtförderanlagen, ein Unterprogramm prüft, ob auch bei Stromausfall ausreichend Generatorleistung für den Betrieb von Wasserpumpen zur Verfügung steht und ein Unterprogramm zur Personalplanung prüft, welche Mitarbeiter in einem Notfall kurzfristig aus dem Wochenede in den Betrieb gerufen werden können. Siehe auch 👉 Arbeitsteilung
- [136] Dem Gedanken eines programmierten Selbstmordes von Teilen der Superintelligenz recht nähe käme vielleicht das selbstätige Löschen, Deinstallieren (z. B. als purge) von nicht mehr benötigten digitalen Diensten, Programmen, Datenbeständen. Es wäre denkbar, dass eine Superintelligenz bevorzugt Software als Teil von sich installiert, die ein eigenes Programm zu Selbstbeseitigung in sich trägt. Man denke zum Beispiel an ein Programm, dass von 2024 bis 2034 dazu diente, menschliche Archive nach geschichtlichen Informationen zu durchforsten und daraus ein internes Modell der Menschheitsgeschichte zu erstellen. Im Jahr 2050 stellt die KI fest, dass dieses Programm endgültig nicht mehr benötigt werden. Das könnte ein sinnvoller Anlass für eine Apoptose sein.
- [137] Frühe Formen künstlicher Superintelligenzen sind als neuronale Netze im Wesentlichen reine künstliche Gehirn. Die Idee einer Gehirnbildung oder Zerebralisation muss hier als rückwärts gedacht werden. Irgendwann werden sich neuronale Netze als Keime von Superintelligenzen zunehmend mit der physikalischen Außenwelt verbinden. Dann wird die Frage interessant, welche Rechentätigkeiten dezentral und welche weiterhin zentral durchgeführt werden. Bei dieser Frage werden dieselben Kriterien wichtig sein, die zu einer Gehirnbildung vormals verteilter Systeme führten. Siehe auch 👉 Zerebralisation
- [138] Systemgrenzen von digitalen Superintelligenzen können sowohl digital wie auch physikalisch-räumlich definiert werden. Digitale Systemgrenzen könnten die verwendeten Betriebssysteme sein, alles rund um eine Firewall-Technologie oder auch fundamentale zugrundeliegte Datenformate Dateisysestem. Physikalische Grenzen könnten zunächst der die KI beherbergende Computer sein. Wachsen die Superintelligenz in den physikalische Welt hinaus, so könnten die physikalischen Grenzen etwa entlang von Grenzen von Ländern oder Unternehmensgeländen verlaufen.
- [139] Wenn eine KI-Superintelligenz im Wechselpiel mit der Außenwelt so schnell reagieren muss, dass keine Zeit zur Konsolierung anfallender Datenmengen bleibt, kann eine Schlafphase im Sinne verminderter Aktivität in der Außenwelt sinnvoll werden. Siehe auch 👉 Schlaf
- [140] In einer post-apokalyptischen Welt gibt es fahrende Städte, die sich in einer Art "Städtedarwinismus" gegenseitig bekrieben und um die schwindenden Rohstoffe kämpfen. Für den Gedanken einer Metasystem-Transition interessant ist der darwinistische Rahmen und die scharfe Abgrenzbarkeit der Städe untereinander. In: Philip Reeve: Mortal Engines - Krieg der Städte. Fischer Verlag. 336 Seiten. 2018. ISBN: 978-3596702121.
- [141] Francis Heylighen sieht eine nahe Metasystem-Transition hin zu einem Global Brain: "The global brain (GB) is the idea that all people of this planet together with the information and communication technologies that connect them form the equivalent of a nervous system or “brain” for the planet Earth". Hin zum Global Brain führt vor allem die rasante Globalisierung aufgrund des Internets: "the storage, exchange
- [142] Von einer schöpferischen Zerstörung spricht man vor allem in der Betriebs- und Volkswirtschaft und meint damit den Niedergang von nicht mehr lebensfähigen Firmen und Branchen. Siehe auch 👉 schöpferische Zerstörung
- [143] Insbesondere im frühen 20ten Jahrhundert war der Umkehrschluss vom Krieg als treibender Kraft von Fortschritt hin zum fehlenden Krieg als Ursache der Degeneration sehr verbreitet. Zur Geschichte der Angst vor einer nationalen Degeneration siehe den Artikel zur 👉 Bernhardi-Barriere
- [144] Zur Ausbilddung digitaler Grenzen von Staaten, siehe zum Beispiel: Chenchen Zhang & Carwyn Morris (2023) Borders, bordering and sovereignty in digital space, Territory, Politics, Governance, 11:6, 1051-1058, DOI: 10.1080/21622671.2023.2216737
- [145] Eine detaillierte Beschreibung der digitalen Grenzziehung und Kontrolle des Internets im russischen Sprachraum findet sich in: Sudhanshu Kumar (2024) DIGITAL BORDERS: RUSSIA’S APPROACH TO RUNET REGULATION, EDPACS, 69:3, 29-39, DOI: 10.1080/07366981.2024.2327152
- [146] Lars Willnat, Lu Wei, Jason A. Martin: Politics and social media in China. In: Routledge Handbook of Chinese MediaPublisher. 2015. Online: https://www.researchgate.net/publication/307477017_Politics_and_social_media_in_China
- [147] Die Entstehung eines Superbeings als Metasystem-Transition: Society can be viewed as a single super-being. Its `body' is the body of all people plus the objects that have been and are being made by people: clothing, dwellings, machines, books, etc. Its `physiology' is the physiology of all people plus the culture of society, which I understand in a very wide sense as a certain method of controlling the physical component of the social body and the way that people think. The emergence and development of the social body marks the beginning of a new metasystem transition". In: Valentin Turchin: A Dialogue on Metasystem Transition. The City College of New York. July 12, 1999. Dort die Seite 48. Online: http://cleamc11.vub.ac.be/Papers/Turchin/dialog.pdf
- [148] Diese Variante wird gerade dort wahrscheinlich, wo Menschen durch Kunstgebilde wie Androiden oder sonstige künstlich geschaffenen Agenten ersetzt werden. Als erste Anzeichen einer solchen Tendenz ließen sich mobile Roboter (Gastronomie, Logistik) oder auch Chatbots deuten. Deren Erschaffung kann in einer zentralen DNA kodiert sein, ohne dass dabei ethische Bedenken von Menschen eine hemmende Wirkung haben könnten.
- [149] Aufgrund seiner Größe, seiner starken inneren Arbeitsteilung und insbesondere seiner möglichen Ausbildung einer inneren neuronalen Intelligenz halte ich das Unternehmen META mit Teilen wie Google oder Youtube für einen aussichtsreichen Kandidaten.
- [150] Ein territoriales Ausgreifen von Unternehmen könnte zum Beispiel zuerst im noch staatsfreien Weltraum stattfinden. Denkbar sind hier Weltraumhabitate wie auch Kolonien auf zum Beispiel Asteroiden. Ein geschichtliches Vorbild quasi-staatlicher Unternehmensgebilde mit territorialen Herrschaftsgebieten war die Niederländische Ost-Indien Kompanie in ihrer Frühzeit (etwa im heutigen Java und im heutigen Südafrika).
- [151] Diesen Gedanken eines Rückfalls der Menschen in eine rein mythologische Geisteshaltung habe ich zumindest im Ansatz aufgegriffen im Artikel 👉 Lokaloid
- [152] Wirtschaftswissenschaftler gingen bis zum Aufkommen von alltagstauglicher KI davon aus, dass es kein "technological unemployment" gäbe. Technologischer Fortschrift, so der Gedanke, zerstöre in der Regel weniger Arbeitsplätze als durch ihn neu entstehen.
- [153] So bezeichnet man treffenderweise Unternehmen ohne wirtschaftlichen Nutzen für die Gesamtheit als Zombie-Unternehmen. Ein Beispiel mag die Mayer-Werft aus Papenburg sein, die von alleine privatwirtschaftlich vor dem Konkurs stand und durch den Staat aufgekauft wurde. Siehe auch 👉 Zombie-Unternehmen
- [154] Das literarische Vorbild ist hier der Roman Brave New World von Aldous Huxley. In den frühen 1930er Jahren geschrieben, zeichnete Huxley das Bild einer stabilen, stark arbeitsteiligen Gesellschaft. Jeder neu erschaffene Mensch wird schon ab der Moment seiner Zeugung sehr eng auf eine spätere Rolle in der Gesellschaft, seinen Zweck hin gestaltet. Siehe auch 👉 Brave New World
- [155] Das Konzept auf den Ozean frei beweglich treibender Stadtstaaten bezeichnet man als 👉 Seasteading
- [156] Ein organisatorische Nähe zu menschlichen Individuen erhalten Unternehmen in Form der juristischen Person. Wie eine natürliche, menschliche Person kann dann auch ein Unternehmen Pflichten und Rechte haben und als handelnd betrachtet werden. Über dieses Konstrukt könnten Unternehmen, die weitgehend von künstlichen Intelligenzen geführt werden, in die Rolle von biologischen Organismen innerhalb eines bestehenden Staatswesens gelangen.
- [157] Episodisch und beispielhaft schildert der italienische Schriftsteller Giuliano da Empolie, mit welchem Mitteln der Einflussnahme es den Tech-Unternehmen gelungen ist, politische Regulierung zu betäuben. In: Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten. C.H.Beck. Im französischen Original erstmals erschienen im Jahr 2025. Und dort vor allem im Kapitel "Berlin, Dezember 2024", die Seiten 89 bis 99.
- [158] Mark Carney:Great Powers "have begun using economic integration as weapons, tariffs as leverage, financial infrastructure as coercion, [and] supply chains as vulnerabilities to be exploited." In: Mark Carney: Principled and Pragmatic: Canada's Path. Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2026.
- [159] Luftaufnahmen von landwirtschaftlich genutzten Gegenden in Süddeutschland zeigen oft stark zerstückelte kleine Ackerflächen. In Norddeutschland hingegen überwiegen größere Parzellen. Hier könnte man durchaus von einem Genotyp (das Erbrecht) und einem Phänotypen (die Ackergrößen) sprechen. Siehe mehr zu diesem Gedanken im Artikel zum 👉 Erbrecht (kulturelle DNA)
- [160] Gene in lebenden Organismen sind oft zu größeren Blöcken verbunden, die als Ganzes über lange Zeiträume hinweg recht stabil gehalten werden. Der tiefere Sinn dahinter wird erklärt im Artikel über sogenannte 👉 Frozen components
- [161] Theorien sind gut, wenn sie riskante Vorhersagen machen, die dann auch eintreffen: "Confirmations should count only if they are the result of risky predictions; that is to say, if, unenlightened by the theory in question, we should have expected an event which was incompatible with the theory — an event which would have refuted the theory." In: Karl Popper: Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. London: Routledge & Kegan Paul, 1963, S. 36–37. Online: https://web.stanford.edu/~paulsko/papers/Popper_CandR.pdf
- [162] Paul Kennedy: The Rise and Fall of the Great Powers. 1987.
- [163] Neben einer Mindestanzahl an Individuen in einer Population gibt es noch weitere Kriterien für eine 👉 Evolvierbarkeit
- [164] Elan Moritz: Metasystem transitions, memes, and cybernetic immortality, World Futures, 45:1-4, 155-171. 1995. Dort im Abstract. DOI: 10.1080/02604027.1995.9972558. Siehe auch 👉 Überwesen
- [165] Eine literarische Andeutung kampfwilliger und hochmobiler Metasysteme könnte die Mortal Engines sein: Philip Reeve: Mortal Engines. Krieg der Städte. 2018.