Hive mind
Definition
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Basiswissen
Als Hive mind bezeichnet man im Englischen das Phänomen, dass sich Insektenstaaten wie ein einzelnes Individuum verhalten. Das Konzept wird auch auf Gruppen von Menschen übertragen. [1] Ein hive, speziell ein beehive ist ein Bienenstock. Eine ähnliche Bedeutung wie hive, aber eng begrenzt auf Bienen, hat das deutsche Wort Bien. Der Begriff spielt heute auch eine Rolle in der Bewusstseinsforschung. [4]
Definition
Das Wort hive mind ist von seiner Entstehung her zunächst eng an Bienen gebunden. Im englischen ist ein Hive ein Bienenstock. Der Begriff wird aber von verschiedenen Fachdisziplinen auch verallgemeinert hin zu einer Schwarmintelligenz oder Schwarmbewusstsein:
DEFINITION:
"Ein Schwarmbewusstsein entsteht, wenn mehrere Individuen in geeigneter Weise miteinander vernetzt sind, sodass (i) das Ganze und die Teile ein Bewusstsein besitzen und (ii) einige oder alle mentalen Zustände des Ganzen von den Teilen „geerbt“ und in diesem Umfang mit ihnen geteilt werden." [2]
"Ein Schwarmbewusstsein entsteht, wenn mehrere Individuen in geeigneter Weise miteinander vernetzt sind, sodass (i) das Ganze und die Teile ein Bewusstsein besitzen und (ii) einige oder alle mentalen Zustände des Ganzen von den Teilen „geerbt“ und in diesem Umfang mit ihnen geteilt werden." [2]
Aber auch die direkte Deutung als Schwarmbewusstseins wird überschritten, wenn etwa auch die 9 verschiedenen Gehirne im Körper eines Oktopus eine hive mind ergeben sollen: ein Oktopus hat Beine. Zusätzlich zu einem Gehirn im Kopf hat der Oktopus in jedem Bein noch ein eigenes Gehirn das auf erstaunliche Weise autonom arbeiten kann. [3]
Verallgemeinerung
Der Begriff Hive mind findet zunehmend Verbreitung in der Bewusstseinsforschung. Ausgangspunkt für die Übertragung des Begriffs auf verschiedenste Phänomene in der Welt der Lebewesen sind dabei Insektenvölker:
ZITAT:
"Angenommen, Insekten besitzen überhaupt Bewusstsein, können wir uns erneut fragen: Ist es möglich, dass Bewusstsein sowohl in jedem einzelnen Insekt als auch in der Kolonie als Ganzes existiert, und wenn ja, wie ähnlich sind sich die bewussten Erfahrungen auf den jeweiligen Ebenen?" [4]
"Angenommen, Insekten besitzen überhaupt Bewusstsein, können wir uns erneut fragen: Ist es möglich, dass Bewusstsein sowohl in jedem einzelnen Insekt als auch in der Kolonie als Ganzes existiert, und wenn ja, wie ähnlich sind sich die bewussten Erfahrungen auf den jeweiligen Ebenen?" [4]
Der Kern des Interesses entsteht hier aus der Idee einer Hierarchie von einzelnen Trägern des Bewusstsein in einem größeren Ganzen: die vielen Gehirne im Oktopus, die verschiedenen Insekten im Insektenstaat bis hin zu möglichen einzelnen Subsystemen in einem menschlichen Gehirn, die zusammen die empfundene Gesamtpersönlichkeit ergeben:
ZITAT:
"Wenn Teile des menschlichen Gehirns, wie etwa einzelne Hirnhälften oder andere, kleinere Subsysteme, bewusste Erfahrungen machen können, ist es dann möglich, dass Teile des menschlichen Gehirns und das gesamte menschliche Gehirn gleichzeitig bewusst sein können?" [5]
"Wenn Teile des menschlichen Gehirns, wie etwa einzelne Hirnhälften oder andere, kleinere Subsysteme, bewusste Erfahrungen machen können, ist es dann möglich, dass Teile des menschlichen Gehirns und das gesamte menschliche Gehirn gleichzeitig bewusst sein können?" [5]
Und wie würde es sich anfühlen, wenn mehrere Gehirne ein größeres Ganzes bilden? Zustände, wie Geschmack könnten zwischen verschiedenen Gehirnen geteilt werden (states being shared between two or more brain). Doch dann könnte jedes Mitglied der Gruppe (each member) als auch die Gruppe als Ganzes (group as a whole) ein Bewusstsein (consciousness) haben. [2]
Sogar künstlichen Systemen, bestehend aus KIs wird die Möglichkeit eines Bewusstseins zugesprochen. Wenn Künstliche Intelligenz (AI systems) über das Internet miteinander verbunden werden, könnten diese eine Art Überbewusstsein ausbilden, das wiederum als Hive mind bezeichnet wird. [6]
Persönliche Einschätzung
Ausreichend stark abstrahiert, kann man die verschiedenen Gehirne in einem einzigen Oktopus, die Insekten in einem Insektenstaat und auch Gruppen von Menschen mit Schwarmverhalten als eine Hive mind oder Schwarmintelligenz bezeichnen. Doch gibt es eine Reihe von wichtigen Unterschieden, die man damit vielleicht allzuschnell übersieht. Ein Beispiel bieten eusoziale Lebewesen wie viele Insekten. Durch ihre gemeinsame Keimbahn sind befreit vom Diktat des Genegoismus. Das trifft aber auf Gruppen von Menschen nicht zu. Damit werden möglicherweise zwei ganz unterschiedliche Psychen (Altruismus gegen Egoismus) ausgebildet. Es wäre daher klüger, den Begriff der Hive mind eng auf Bienenvölker beschränkt zu lassen. Für echte Schwärme bietet sich Schwarmintelligenz (swarm intelligence) an. Für stark abstrahierte Konzepte von Bewusstseinsformen, die sich aus anderen Bewusstseinsformen zusammenfügen, wäre ein in sich schon abstrakter Überbegriff wie zum Beispiel Metasytem-Bewusstsein offener und damit geeigneter.Fußnoten
- [1] Hive mind kann sich einmal auf die Insektenstaaten beziehen oder auf auf eine Gruppe von Menschen: "the collective mental activity expressed in the complex, coordinated behavior of a colony of social insects (such as bees or ants) regarded as comparable to a single mind controlling the behavior of an individual organism. The tiny bees in a hive are more or less unaware of their colony, but their collective hive mind transcends their small bee minds" In einer verwandten Bedeutung bezieht sich das Konzept auf Gruppen von Menschen: "the collective thoughts, ideas, and opinions of a group of people (such as Internet users) regarded as functioning together as a single mind" In: “Hive mind.” Merriam-Webster.com Dictionary, Merriam-Webster. Abgerufen am 27. Feb. 2024. https://www.merriam-webster.com/dictionary/hive%20mind
- [2] Die Übersetzung ins Deutsche stammt von mir. Im englischen Original: "hive mind occurs if multiple individuals are suitably networked with each other such that (i) the whole and the parts have minds and (ii) some or all of the whole’s mental states are ‘inherited from’ the parts, and to that extent shared with them." Als Beispiele werden Tintenfische genannt, die neben einem Gehirn im Kopf auch noch 8 Gehirne, je eins pro Bein haben. In: Roelofs, L., Sebo, J. Overlapping minds and the hedonic calculus. Philos Stud 181, 1487–1506 (2024). Online: https://doi.org/10.1007/s11098-024-02167
- [3] Zu den acht Gehirnen in den Beinen eines Oktopus heißt es: "They exhibit some integrated behavior, where it appears that the organism is acting as a whole, and some fragmented behavior, where it appears that parts are acting independently of each other." In: Roelofs, L., Sebo, J. Overlapping minds and the hedonic calculus. Philos Stud 181, 1487–1506 (2024). Siehe auch 👉 Oktopus
- [4] "assuming that consciousness exists in insects at all, we can once again ask: Is it possible that consciousness exists in each insect as well as in the colony as a whole, and if so, how similar are the conscious experiences at each level?" In: Roelofs, L., Sebo, J. Overlapping minds and the hedonic calculus. Philos Stud 181, 1487–1506 (2024). Siehe auch 👉 Metasystem-Bewusstsein
- [5] "if parts of human brains, such as individual cerebral hemispheres or other, smaller subsystems can have conscious experiences, then is it possible that parts of human brains and whole human brains can be conscious at the same time?" In: Roelofs, L., Sebo, J. Overlapping minds and the hedonic calculus. Philos Stud 181, 1487–1506 (2024). Siehe auch als Beispiel 👉 Split brain
- [6] "If and when AI systems become conscious, they might be linked in the same kinds of ways that invertebrate minds are" und " it might even be possible for hive minds to be layered, with individual minds making up collective minds that, themselves, make up even larger collective minds." In: Roelofs, L., Sebo, J. Overlapping minds and the hedonic calculus. Philos Stud 181, 1487–1506 (2024). Der Idee einer Hierarchie von intelligenten Systemen recht nahe kommt das Konzept 👉 neuronal-organisationale Kommunikationsstruktur