Soziointegrative Degeneration
Spekulation
© 2021
- 2026
Grundidee|
Einführung|
Lems ursprüngliches Konzept|
Ist jede Degeneration auch soziointegrativ?|
Indizien einer Degeneration|
a) sinkender IQ|
b) Erschlaffender Durchsetzungswille|
c) Provinzialismus|
d) Verblassende Personalität|
e) Eugenik durch die Hintertür|
f) Austauschbarkeit der Individuen|
g) Google-Effekt (sinkende Gedächtnisleistung)|
Der gesellschaftliche Nutzen einer individuellen Degeneration|
a) Ressourcenschonung|
b) Robustheit|
c) Kontinuität|
d) Fokussierung im Denkkollektiv|
e) Arbeitsteilung|
Hararis Sündenfall|
Scheinverständnis|
f) Zusammenhalt|
Die ethische Frage nach der eigenen Haltung|
Hingabe|
Opportunismus|
Emigration|
Widerstand|
Verwandte Konzepte|
Sinnverwandte Zitate|
Quaestiones|
Fußnoten
Grundidee
Obwohl die einzelnen Menschen an Autonomie und Intelligenz verlieren, könnte gerade dadurch die kollektive Intelligenz des Gesamtsystems zunehmen. Dieses soziologische Scheinparadoxon nannte der polnische Schriftsteller Stanislaw Lem (1921 bis 2006) soziointegrative Degeneration. In einem „Wettkampf der Systeme“ könnte dieser Effekt die Entstehung von Menschen begünstigen, die ganz reduziert auf die Ausführung einiger weniger Funktionen sind.
Einführung
Man stelle sich vor, eine zukünftige Weltraum-Expedition landet auf einem fernen Planeten. Dort leben nur Kinder im Alter von höchstens 6 Jahren. In jeder Hinsicht entsprechen sie gleich alten menschlichen Kindern auf der Erde. Nirgends trifft man auf höher gebildete Bewohner mit dem Sachverstand oder Wissen eines irdischen Erwachsenen. Es gibt auch keine zentrale alles steuernde Intelligenz, die das Leben auf dem Planeten regelt. Niemand kann schreiben oder lesen. Dennoch gibt es funktionierende Städte, komplexe Unternehmen und ganze Staaten im Krieg. Es gibt auch Flughäfen, eine funktionierende Wasserversorgung und hochentwickelte Landwirtschaftsbetriebe - aber nirgends trifft man intelligentere Wesen als junge Kinder an. Nach der Idee der soziointegrativen Degeneration wäre ein genau solches Szenario denkbar: die Intelligenz des Kollektivs besteht nicht in der hohen Intelligenz einzelner Individuen sondern in der Art ihrer Verschaltung oder Organisation. Das ist der Kern der Idee einer kollektiven Intelligenz. Bei einer soziointegrativen Degeneration entwickeln sich ehemals höher intelligente oder autonome zurück, und fördern genau dadurch die Ausbildung einer höheren Intelligenz. Wie aber soll es zu einer flächendeckenden Rückbildung von Intelligenz und Autonomie bei Menschen kommen.
Welche Fähigkeiten benötigt ein Radkurier? Ein gutes Navigationsgerät an seinem Lenker sagt ihm in jedem Moment wohin er sich bewegen soll (rechts, links, geradeaus, umdrehen). Über ein Headset steht er im engen Kontakt mit einer Leitstelle. Der Kurier selbst muss nur dann noch angemessen auf eng getaktete äußere Signale reagieren können und das unmittelbare Verkehrsgeschehen um ihn herum beherrschen. Mit Hilfe von einem Übersetzungsprogramm muss er noch nicht einmal mehr die Sprache des Landes können, in dem er arbeitet.
Merksatz:
1.0 Funktionen sind wichtig, nicht Menschen: der profitable Radkurier muss billig und zuverlässig seinen Job erfüllen, nicht schlau und vielseitig sein.
1.0 Funktionen sind wichtig, nicht Menschen: der profitable Radkurier muss billig und zuverlässig seinen Job erfüllen, nicht schlau und vielseitig sein.
Das übergeordnete System "Lieferdienst" funktioniert dann umso besser, je billiger der Fahrer seine Aufgaben erledigt. Billig kann man sich als Fahrer machen, indem man etwa keine Kosten für unnötige Ausbildungen (Sprachen, Ortskenntnisse, Rechnen, Schreiben, Geschichte, Politik etc.) verursacht. So betrachtet profitiert das Gesamtsystem davon, dass man sich als eines seiner Individuen zurück entwickelt. Dieses sozusagen umgekehrte Verhältnis von individuellen Fähigkeiten und kollektiven Nutzen ist die Kernidee der soziointegrativen Degeneration. Lem sprach auch von einer upside-down evolution. [2]
Dabei tritt etwas Verwunderliches auf. Es gibt nicht nur den gut verständlichen Wunsch von Arbeitgebern oder Armeen nach billigen und zuverlässigen aber nicht notwendigerweise auch hochgebildeten oder sonstwie fähigen Humanressourcen. Selbst manche der von einem Druck hin zur Degeneration und Selbstaufgabe bedrängten Individuen scheinen sich in den Vorgang einfügen zu wollen. Der Schriftsteller Ernst Jünger (1895 bis 1998), der im fabrikmäßig organisierten Zermürbungskrieg von 1914 bis 1918 eine faszinierende Ästhetik (Stahlgewitter!) erkennen wollte, schrieb im Jahr 1927:
ZITAT:
Ernst Jünger: "Wenn es auch nicht unsere Absicht ist, so ist es doch unser innerster Wille, unsere Freiheit zum Opfer zu bringen, uns aufzugeben als Einzelne und einzuschmelzen in einen großen Lebenskreis, in dem das Individuum ebenso wenig selbständig ist wie eine Zelle, die bei der Trennung vom Körper sterben muss." [29]
Ernst Jünger: "Wenn es auch nicht unsere Absicht ist, so ist es doch unser innerster Wille, unsere Freiheit zum Opfer zu bringen, uns aufzugeben als Einzelne und einzuschmelzen in einen großen Lebenskreis, in dem das Individuum ebenso wenig selbständig ist wie eine Zelle, die bei der Trennung vom Körper sterben muss." [29]
Die Sehnsucht, die Jünger hier schildert, wäre das zu einer soziointegrativen Degeneration passende Gemütsleben betroffener Individuen: kein Widerstand gegen die Vereinnahmung sondern bereitwillige Preisgabe des eigenen Selbst. Bemerkenswert an Jüngers Zitat ist auch die Analogie zu Zellen in einem Organismus. Als Jünger seine Gefühlslage im Jahr 1927 niederschrieb, hatten seit mindestens 100 Jahren verschiedene "organische Theorien" die Idee vom Volkskörper, vom Staat als Wesen populär gemacht. [30] Diese Analogie hin zur Biologie ist auch fast 100 Jahre nach Jüngers Ausspruch noch aktuell. [31]
Lems ursprüngliches Konzept
In einem fiktiven Sachbuch beschreibt der polnische Schriftsteller und Futurologe Stanislaw Lem (1921 bis 2006) den Prozess der Degeneration.
Das Phänomen kündigte sich zunächst an über eine De-Humanisierung (un-humanisation) [1, Seite 52] der Industrie. Doch es waren nicht humanoide Roboter, die den Menschen verdrängten, sondern eng auf spezielle Funktionen zugeschnittene Gebilde …
ZITAT:
"… die Roboter, welche die Menschen am Fließband ersetzten, wurden nicht nach dem Vorbild des Menschen geschaffen; sie waren eher ausgewählte und vergrößerte Teile von Menschen: ein Gehirn mit einer großen Hand aus Stahl oder ein Gehirn mit einem Auge." [32]
"… die Roboter, welche die Menschen am Fließband ersetzten, wurden nicht nach dem Vorbild des Menschen geschaffen; sie waren eher ausgewählte und vergrößerte Teile von Menschen: ein Gehirn mit einer großen Hand aus Stahl oder ein Gehirn mit einem Auge." [32]
Was dann folgte nannte Lem eine umgekehrte Evolution, eine "upside-down evolution" [1, Seite 52]. Mit der Miniaturisierung entstanden synthetische Insekten (synsects) [1, Seite 50] oder Quallen aus Keramik und Würmer aus Titan, die sich bei einem Atomschlag in der Erde vergruben und danach wieder an die Oberfläche kamen [1, Seite 50]. Die "Mikroarmee" kämpfte am Ende wie ein Schwarm von Bienen, es gab riesige Ansammlungen kriechender oder fliegender Elemente (enormous flying or crawling collection).
ZITAT:
"Zuerst wurde der Mensch aus den Reihen des Militärs und später auch aus der Rüstungsindustrie durch das Phänomen der sogenannten »soziointegrativen Degeneration« ausgeschaltet. Der Degeneration unterlag der einzelne Soldat, sobald er aufhörte, ein Vernunftwesen zu sein, mit großem Gehirn, sobald er immer kleiner und damit immer unkomplizierter wurde, also »Soldat für einmaligen Gebrauch«. […] Am Ende hatte der Mikrosoldat so viel Verstand wie die Ameise oder die Termite. Jede tote Armee war unvergleichlich komplexer als der Bienenstock oder der Ameisenhaufen." [2, Seite 68]
"Zuerst wurde der Mensch aus den Reihen des Militärs und später auch aus der Rüstungsindustrie durch das Phänomen der sogenannten »soziointegrativen Degeneration« ausgeschaltet. Der Degeneration unterlag der einzelne Soldat, sobald er aufhörte, ein Vernunftwesen zu sein, mit großem Gehirn, sobald er immer kleiner und damit immer unkomplizierter wurde, also »Soldat für einmaligen Gebrauch«. […] Am Ende hatte der Mikrosoldat so viel Verstand wie die Ameise oder die Termite. Jede tote Armee war unvergleichlich komplexer als der Bienenstock oder der Ameisenhaufen." [2, Seite 68]
Auch die Führungsriege des Militärs wird von der Beseitigung der Menschen aus der Armee nicht verschont bleiben. Die Generäle werden glauben, die großen Entscheidungen zu treffen [33], doch tatsächlich werden sie stets dem Vorschlag der Computer folgen, denn:
ZITAT:
"Die unbelebte Armee was deutlich komplexer als eine Bienenstock oder ein Ameisenhügel; sie war eher wie ein Biotop der Natur, ein Ökosystem, ein subtiles Gleichgewicht zwischen konkurrierenden, widerstreitenden und symbiotischen Arten. Es war offensichtlich, dass ein Sergeant oder Korporal in einer solchen Armee nichts mehr zu tun hatte. Um das große Bild zu erfassen, um nur die Truppen zu inspizieren, würde noch nicht einmal die Denkleistung einer Universität genügen." [34]
"Die unbelebte Armee was deutlich komplexer als eine Bienenstock oder ein Ameisenhügel; sie war eher wie ein Biotop der Natur, ein Ökosystem, ein subtiles Gleichgewicht zwischen konkurrierenden, widerstreitenden und symbiotischen Arten. Es war offensichtlich, dass ein Sergeant oder Korporal in einer solchen Armee nichts mehr zu tun hatte. Um das große Bild zu erfassen, um nur die Truppen zu inspizieren, würde noch nicht einmal die Denkleistung einer Universität genügen." [34]
Ein Mikroarmee aus degenerierten Mikrosoldaten zeichnet sich gleichwohl durch eine hohe innere Komplexität aus: "Vom Gesichtswinkel der inneren Struktur und der gegenseitigen Abhängigkeit entsprach sie eher den sogenannten großen Biotopen der belebten Natur als ganzen Pyramiden von Pflanzen- und Tiergattungen, die in einem bestimmten Bereich als ihrem Lebensraum miteinander in ausgewogenem evolutionären Gleichgewicht der Konkurrenz, der Antagonismen, der Symbiose und daher im komplizierten Netz wechselseitiger Beziehungen koexistierte." [2, Seite 69]
Auch im politischen, so Lem, nahm der Prozess seinen Lauf. Politiker sprachen immer mehr nur noch nach, was ihnen Computersysteme vorgelegt hatten:
ZITAT:
"Jede politische Partei hatte Experten als Berater. Wie man weiß, machten die Berater der verschiedenen Parteien über dieselben Fragen ganz unterschiedliche Aussagen. Mit der Zeit nahmen sie Computersysteme zu Hilfe, und zu spät erkannte man, daß die Menschen zu Sprachrohren ihrer Computer wurden. Sie meinten, sie selbst seien es, die die Dinge überdenken und Schlüsse ziehen […] Doch tatsächlich operierten sie mit einem vom Rechenzentrum vorfabrizierten Material, und dieses Material bestimmte die menschlichen Entscheidungen." [2, Seite 74]
"Jede politische Partei hatte Experten als Berater. Wie man weiß, machten die Berater der verschiedenen Parteien über dieselben Fragen ganz unterschiedliche Aussagen. Mit der Zeit nahmen sie Computersysteme zu Hilfe, und zu spät erkannte man, daß die Menschen zu Sprachrohren ihrer Computer wurden. Sie meinten, sie selbst seien es, die die Dinge überdenken und Schlüsse ziehen […] Doch tatsächlich operierten sie mit einem vom Rechenzentrum vorfabrizierten Material, und dieses Material bestimmte die menschlichen Entscheidungen." [2, Seite 74]
Lem schrieb diese Zeilen in den 1980er Jahren. Damals gab es kaum Privatleute die einen eigenen Computer hatten, geschweige denn irgendein Mobilgerät mit nennenswerten Fähigkeiten. Die ersten PCs der Zeit damals waren etwas für Nerds und Enthusiasten. Der Begriff der künstlichen Intelligenz stand zwar spätestens seit dem Jahr 1956 im Raum [35], wurde ernsthaft aber nur in engen akademischen Kreisen diskutiert.
Ist jede Degeneration auch soziointegrativ?
Nein: bereits 3000 Jahr vor Christus klagten Sumerer über ein ungepflegtes Äußeres der Jugend und ihre fehlende Lernbereitschaft. [12] Oft bezogen sich die Klagen auf die verkommene Moral, oft aber auch auf die Intelligenz: die Menschheit wird immer dümmer. Die Idee, dass die menschlichen Individuen über die Generationen hinweg degenerieren und dabei vor allem Intelligenz und Willensstärke verlieren ist nicht neu. Gründe dafür wurden oft in einer Dekadenz und Verweichlichung gesehen. Und mit dem Niedergang individueller Intelligenz würde auch das ganze Staatswesen (Der Untergang des Abendlandes!) den Bach hinunter gehen.
Merksatz:
3.0 Es gibt auch Degeneration ohne Höherentwicklung des Ganzen.
3.0 Es gibt auch Degeneration ohne Höherentwicklung des Ganzen.
Der Niedergang des römischen Reiches im vierten Jahrhundert nach Christus wurde genauso als Folge einer Degeneration von individuellen Tugenden gedeutet [22], wie auch ein befürchteter Niedergang der Menschheit im 19. Jahrhundert [23]. Geht aber das Kollektiv zugrunde, weil die Individuen an Fähigkeiten verlieren, liegt genau keine soziointegrative Degeneration im Sinne von Stanislaw Lem vor. Erst wenn individuelle Degeneration in kollektive Intelligenz umschlägt, liegt soziointegrative Degeneration im Sinne Lems vor.
Indizien einer Degeneration
Soll ein Kollektiv aus Menschen, etwa ein Staat oder eine Firma, insgesamt leistungsstärker im allgemeinsten Sinn werden, lassen sich daraus einige hilfreiche Eigenschaften der beteiligten Individuen vorhersagen. Verkümmerte Intelligenz [7], erschlaffte Willenskraft [25], engstirnig lokale Interessen [17], die Gewöhnung an das Unverständliche [28] und eine verblassende Personalität [26]: das sind Symptome einer Degeneration von Individuen die gleichzeitig einhergehen könnten mit einer Erstarkung des Kollektivs. Diese vier Aspekte werden näher ausgeführt im Artikel soziointegrative Degeneration (Indizien) (externer Link)
a) sinkender IQ
Sinkt der IQ? Von etwa 1905 bis 1990 konnte weltweit in vielen Ländern ein messbarer Anstieg des durchschnittlichen gemessenen Intelligenzquotienten (IQ) individueller Menschen beobachtet werden. Als mögliche Ursachen kamen eine bessere Bildung, eine verbesserte Ernährung oder auch eine Drift der Gene in Betracht.
Merksatz:
4.0 In vielen westlichen Nationen sinkt der IQ.
4.0 In vielen westlichen Nationen sinkt der IQ.
Das Phänomen erhielt den Namen Flynn-Effekt. Seit dem Jahr 2000 jedoch beobachtet man insbesondere in vielen westlichen Ländern einen Rückgang oder zumindest einen Stillstand im Bezug auf Intelligenz. [7] Lies mehr dazu unter 👉 negativer Flynn-Effekt
b) Erschlaffender Durchsetzungswille
Krieg als Motor des Fortschritts? Im 15. und 16. Jahrhundert lagen viele der Kleinstaaten Europas ständig im Krieg miteinander. Im Willen zum Kampf und dem damit verbundenen Zwang zur Innovation sah der US-amerikanische Historiker Philip T. Hoffman den Grund dafür, dass europäische Nationen und nicht etwa die Osmanen der Türkei oder das chinesische Großreich die Welt eroberten. Von 1492 bis 1914 hatten europäische Nationen rund 84 Prozent der Landfläche der Erde für sich erobert. Im Jahr 1912 schrieb der Deutsche Friedrich von Bernhardi von einer moralischen Pflicht zum Krieg [15] und befürwortete ausdrücklich einen kriegerischen Sozialdarwinismus: im Ja zu einem Kampf auf Leben und Tod im Sinne einer darwinistischen Evolution sah er ein hohes Kulturgut. Der Engländer George Orwell beschrieb 1947 in seinen Erinnerungen an seine Schulzeit [16], dass aggressive und durchsetzungsstarke Schüler ein hohes Ansehen genossen und auch von der Schulleitung bevorzugt wurden.
Merksatz:
5.0 Die Wertschätzung von individuellem Durchsetzungswille schwankt über die Zeit.
5.0 Die Wertschätzung von individuellem Durchsetzungswille schwankt über die Zeit.
Man vergleiche damit die Zeit seit vielleicht 1980, zumindest in Europa: Krieg als kulturelle Pflicht ist undenkbar und Gewalt und Rücksichtslosigkeit in der Durchsetzung eigener Ziele wurden durch die Ideale des Teamplayers, des Kompromisses und der sozialen Harmonie ersetzt. [19] Sich einfügen und mitmachen im Gegensatz zur kampffreudigen Durchsetzung mit Machtpolitik können als Degeneration der Willenskraft interpretiert werden. Doch gerade dadurch kann man zu einem zuverlässigen Teil eines Kollektivs werden.
Merksatz:
6.0 Wettkampf kontra Solidarität
6.0 Wettkampf kontra Solidarität
Sehr interessant ist hier die Beobachtung von Biologen, dass stark sozial lebende Tiere, man spricht von Eusozialität, immer eine Kaste von Individuen aufweisen, die selbst unfruchtbar sind. Diese unfruchtbaren Tieren haben sogar den evolutionsbiologisch starken Willen zur Fortpflanzung aufgegeben. Der Verzicht auf eigene Nachkommen, so die soziobiologische Deutung, befreit die Individuen vom Zwang des egoistischen Gens. Siehe mehr dazu unter 👉 zellulärer Flaschenhals
c) Provinzialismus
Provinzialismus als Rückzug aufs allerengste eigene Umfeld, Kleinbürgerlichkeit, Biedermeiertum und Entpolitisierung: im zweiten Weltkrieg wurden deutsche Militärangehörige in England und den USA unter guten Bedingungen gefangen gehalten. Was die Soldaten und Offiziere nicht wussten: sie wurden rund um die Uhr abgehört. So entstanden rund 150 Tausend Protokolle abgehörter Gespräche. Diese Aufzeichnungen gaben ein unverfälschtes Bild der Gesinnung und Gemütslage deutscher Militärangehöriger. Eine fast durchgängige Beobachtung war: so gut wie alle Soldaten und Offiziere interessierten sich kaum für die geopolitische Großlage, für moralische, politische oder geschichtliche Zusammenhänge. Ihr Hauptinteresse lag vielmehr auf ihren Kameraden und ihren unmittelbaren Vorgesetzten in ihrem Hier und Jetzt. Die Autoren eines Buches über diese Abhörprotokolle [17] prägten den dazu passenden Begriff vom "sozialen Nahfeld".
Merksatz:
7.0 Desinteresse am Großen Ganzen ist typisch für viele Menschen.
7.0 Desinteresse am Großen Ganzen ist typisch für viele Menschen.
Ähnlich sieht es auch um 2020 aus. Großpolitische Themen wie der Klimawandel, die zunehmende Zuspitzung eines neues Ost-West-Konfliktes (mit China) oder gesellschaftliche Umwälzungen infolge künstlicher Intelligenz spielen in persönlichen Gesprächen im Kreis von Freunden und Bekannten kaum bis keine Rolle. Der Klimawandel bleibt meist nur kurz erwähnt. Reale Gespräche drehen sich eher um die eigene Familie, berufliche Gemeinsamkeiten und Freizeitinteressen der beteiligten Personen. Das könnte man allgemein als ein verengtes oder tunnelblickartiges Interesse bezeichnen. Ein Vorteil davon kann sein, dass man keine Ressourcen auf erfolglose Lernbemühungen verwendet, sondern sich optimal um die Ausführung seiner lokal begrenzten Funktion kümmert. Siehe auch 👉 Provinzialismus
d) Verblassende Personalität
Sein eigenes Ding machen, originelle Gedanken haben, ein Fels in der Brandung sein oder Rückgrat haben: Menschen, die sich nicht farbgleich mit ihrer Umwelt machen, die den Mut haben, auch unangenehm aufzufallen und die sich eigenständig Gedanken machen nennt man oft eine Persönlichkeit. Das Gegenteil davon wären langweilige, vorhersagbare Figuren; vielleicht laut, bunt und unkonventionell, aber letztendlich nur ein Produkt ihrer Umwelt ohne echt innerem Kern. Sie setzen ihre Reden zusammen aus vorgefertigten Bausteinen aus Serien und der Werbung, das Internet Kaufportal Amazon kann recht gut ihr Kaufverhalten vorhersagen und bei komplexen Themen hört man von ihnen nur Dinge, die man schon zuvor zig mal gehört hat.
Merksatz:
8.0 Individualität aus vorgefertigten Konsum-Bausteinen
8.0 Individualität aus vorgefertigten Konsum-Bausteinen
Der Vorteil für das Kollektiv kann hier darin bestehen, dass Individuen a) zuverlässig in der Ausführung bleiben und große Stoßkraft durch Konformität (Kriege), also eine gleichsinnige Ausübung von Kräften, erlangen. Typischerweise beeindrucken Militärparaden besonders durch die insektenhafte Gleichartigkeit der Soldaten (Uniform, Haarschnitt, Bewegungsabläufe). Siehe auch 👉 Personalität
e) Eugenik durch die Hintertür
Künstliche Intelligenzen geben zukünftigen Eltern eine Beratung, welche Genausstattung ihrer Kinder für einen gesellschaftlichen Erfolg am besten geeignet sind [37]. Dabei können im Sinne einer arbeitsteilig organisierten Planwirtschaft nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage auch sozial niedrige Positionen erfolgversprechend sein.
Merksatz:
9.0 Eugenik für eine bessere kollektive Arbeitsteilung
9.0 Eugenik für eine bessere kollektive Arbeitsteilung
In diesem Sinne könnten auf Empfehlung übergeordneter Algorithmen neu geschaffene Menschen von vornherein auf einen niedrigen Status festgelegt werden. Könnten Eltern zunächst noch frei über die Annahme der Empfehlungen entscheiden, wäre dies eine Art freiwilliger Selbst-Eugenik. Siehe auch 👉 Eugenik
f) Austauschbarkeit der Individuen
Der französische Soziologe Rene Worms verglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts soziale Körper (corps sociale) mit biologischen Organismen. [38] Eine wichtige Gemeinsamkeit sei die Austauschbarkeit der Individuen des Übergebildes. Er beschrieb, wie etwa beim Wechsel der US-amerikanischen Regierung von Republikanern zu Demokraten (oder umgekehrt) nicht nur Minister sondern sehr weitgehend das gesamte Personal der Administration ausgetauscht wird.
Merksatz:
10.0 Wichtig ist nicht das Individuum sondern die Funktion.
10.0 Wichtig ist nicht das Individuum sondern die Funktion.
Im Tierreich könne man das am Beispiel der Hydra (Wasserpolyp) beobachten. Wo das Individuum im Übergebilde aber so leicht austauschbar wird, fehlt dem Individuum ein wesentliche Voraussetzung seiner Selbstbehauptung, nämlich gerade seine Unersetzlichkeit.
g) Google-Effekt (sinkende Gedächtnisleistung)
Im Jahr 2011 wurde im Rahmen einer Studie [39] beobachtet, dass Menschen sich Daten eher weniger dauerhaft merken, wenn sie wissen, dass sie jederzeit digital auf die Daten zugreifen können. Manche Autoren sahen darin Vorboten einer allgemeinen gesellschaftlichen Demenz [40], was aber nicht zwangsläufig aus dem Google-Effekt folgen muss [41].
Merksatz:
11.0 Individuelles Gedächtnis wird zunehmend ausgelagert auf Maschinen.
11.0 Individuelles Gedächtnis wird zunehmend ausgelagert auf Maschinen.
Dennoch können weniger Gedächtnisinhalte zu einer verminderten Einsicht menschlicher Individuen in tiefere Zusammenhänge führen. Siehe dazu den Artikel zum 👉 Google-Effekt
Der gesellschaftliche Nutzen einer individuellen Degeneration
Es klingt zunächst paradoxo: wie soll ein Kollektiv von Individuen als Ganzes intelligenter werden, wenn die einzelnen Individuen für sich gesehen an Intelligenz und Autonomie verlieren? Das hat Stanislaw Lem meines Wissens nach an keiner Stelle in seinen Werken ausführlicher behandelt. Doch es lassen sich verschiedene Szenarien entwerfen, in denen genau das als der natürliche Gang der Dinge erscheinen kann.
Merksatz:
5.0 Die Degeneration der Einzelnen muss dem Kollektiv nutzen.
5.0 Die Degeneration der Einzelnen muss dem Kollektiv nutzen.
Wie kann es sein, dass eine Gruppe von Menschen gerade dann bessere Entscheidungen trifft, wenn der IQ aller Individuen gedeckelt, also nach oben begrenzt ist? Mögliche Antworten sind: Ressourcenschonung, Robustheit, Kontinuität, die Vorteile einer Arbeitsteilung und die zeitliche Fokussierung kollektiver Aufmerksamkeit. Ein weiterer Nutzen einer Degeneration ist es, dass die degenerierten Teile gerade aufgrund ihrer Degeneration nicht aus dem Kollektiv ausbrechen können, also stärker daran gebunden sind. [27]
a) Ressourcenschonung
Nichts lernen, was Maschinen billiger können: die meisten Schulstysteme weltweit bieten mehr als 10 Jahre Schulzeit als Standard an. Schüler, Lehrer und ein oft großer Verwaltungsapparat verwenden viel Zeit auf das Erlernen von Sprachen, der Mathematik oder anderer Fächer. Selbst unter der Annahme, dass es letztendlich zu guten Lernerfolgen kommt, kann man die Frage nach dem Nutzen stellen: wozu soll jemand das Lösen quadratischer Gleichungen erlernen, wenn es später in kaum einem Beruf wirklich benötigt wird? Wozu soll man Englisch lernen, wenn für alle praktischen Zwecke Übersetzungsroboter Sprache simultan übersetzen können? Ein Kollektiv im Wettbewerb mit anderen Kollektiven, etwa Volkswirtschaften untereinander, müssen ihre Ressourcen klug einsetzen, um im Wettkampf bestehen zu können. Ein Land, dass in Schulen alle Lerninhalt abschafft, deren Nutzeffekt billiger von Maschinen erbracht werden kann, hätten darwinistich gesehen einen Evolutionsvorteil. Die theoretische Voraussetzung für diesen Effekt ist die sogenannte 👉 Gruppenselektion
b) Robustheit
Dumme kann man leicht ersetzen: Die F-35 ist ein US-amerikanischer Kampfjet mit einem Triebwerk, 1930 km/h schnell, 15,7 Meter lang und zum Tragen von Atombomben fähig. Die Kosten pro Stück lagen 2020 bei rund 80 Millionen Euro. Eine türkische Kampfdrohne vom Typ Bayraktar TB2 kostet hingegen weniger als 2 Millionen Euro. Für einen Jet kann man über 40 Drohnen kaufen. Fällt ein elektronische Bauteil in dem teuren Kampfjet aus, ist die gesamte Kampfkraft zunichte. Fällt ein elektronisches Bauteil in einer Drohne aus, ist - bei denselben Kosten - nur ein Vierzigstel der Kampfkraft vernichtet. Insbesondere wenn ein kollektiv schwarmartig aus vielen möglichst primitiven Einzelindividuen aufgebaut ist, ist der Schwarm als Ganzes recht robust gegen die Zerstörung einzelner Komponenten. Sind die Individuen untereinander sehr ähnlich, kann die Funktion eines ausgefallenen Individuums leicht von anderen Individuen übernommen werden. Man spricht von Robustheit und Redundanz. Dieser Effekt setzt aber voraus, dass die einzelnen Individuen kein besonders hohes Maß an Individualität haben. Siehe auch 👉 Personalität
c) Kontinuität
Blasse Leute halten den Apparat stabil: Arbeitsplatzbeschreibungen, Industriestandards, Qualitätsmanagement, Assessment Centres, Corporate Identity oder ein Code of Conduct (Verhaltenskodex): in Unternehmen gibt es viele Mechanismen, die dem einzelnen Mitarbeiter bis hin zu höheren Führungskräften klare Signale geben und feste Zwänge auferlegen, wie er sich zu verhalten hat. Und das macht Sinn. Angenommen eine Mitarbeiterin in der Arbeitsplanung eines größeren Steinbruches soll täglich eine Liste von Materialien erstellen, die aus dem Materiallager entnommen werden sollen. Diese Liste muss einerseits an Mitarbeiter des Lagers weitergeleitet werden, sodass diese das Material vorausschauend nachbestellen können. Gleichzeitig soll immer eine Kopie an die Werkstatt gehen, sodass man dort abschätzen kann, welche Reparaturen möglicherweise anstehen. Für einen reibungslosen Betriebsablauf ist es hilfreich, dass die Liste immer gleich aufgebaut ist und immer an die gleichen Personen versandt wird. Eine individuelle Gestaltung der Liste oder die eigenmächtige Verschickung an einen anderen Verteilerkreis könnte mehr Schaden als Nutzen bringen, auf jeden Fall bringt es Unruhe in der Betrieb. In der Regel stecken Unternehmen ihren Mitarbeitern einen mehr oder minder kleinen Bereich ab innerhalb dessen sie Individualität und Kreativität zum Ausdruck bringen können. Jenseits der Grenzen sind aber Konformität und Fremdbestimmung (extrinsische Motivation) gefragt. Nur so kann die Kontinuität aller Betriebsabläufe sicher gestellt werden.
d) Fokussierung im Denkkollektiv
Es wird immer wieder - möglicherweise zu unrecht - darüber geklagt, dass sich die Menschen eines Landes über zwei Monate hinweg für einen bestimmten Krieg interessieren. Und dann plötzlich, wenn sich die Schlagzeilen in den Medien ändern, weicht das alte Interesse einem neuen Thema, etwa einem Sportereignis. Kaum ein Individuum stemmt sich gegen solche Umschwünge im öffentlichen Interesse, viele bemerken es nocht nicht einmal. Der große Nutzen liegt darin, dass über einen bestimmten Zeitraum hinweg eine Gesellschaft oder ein Unternehmen als Ganzes auf ein Thema fokussiert bleiben kann. Dadurch stehen allen Interessierten über eine längere Zeit gleichzeitig viele Aspekte, Meinungen und Fakten zur Verfügung um damit zu Arbeiten. In der Analogie mit einzelnen Menschen könnten man hier von einem sozialen Arbeitsgedächtnis und von einem Denkkollektiv [18] sprechen. Zu einem solchen gemeinsamen thematischen Fokus kann es aber nur kommen, wenn sich die einzelnen Individuen auf ein übergeordnetes Thema einlassen, das sie nicht selbst vorgeben müssen. Was aus Sicht des Individuums wie eine Degeneration erscheint, ermöglicht es dem Kollektiv seine Aufmerksamkeit zu steuern. Siehe auch 👉 Denkkollektiv
e) Arbeitsteilung
Hararis Sündenfall
Der Autor Yuval Noah Harari [4] argumentiert, dass mit dem steinzeitlichen Übergang von der Jäger-Sammler-Struktur menschlicher Gesellschaften hin zur sesshaften Lebensweise und der Ausbildung von Städten das Los des einzelnen Menschen durchaus schwieriger geworden sein konnte. Krankheiten, Aggession aufgrund der Enge, stupide Arbeitsabläufe und die Ausbildung hierarchischer Machstrukturen trugen nach Harari möglicherweise zu einer Abnahme individueller Lebensqualität bei. Gleichzeitig beschreibt er, wie diese arbeitsteilig organisierten Gesellschaften als Ganzes aber an Macht gewannen. Eine solche Gegenläufigkeit von individuellem Potential einerseits und organisationaler Effizienz andererseits charakterisiert auch den Prozess der soziointegrativen Degeneration.
Scheinverständnis
Mit ganz anderer Interessensrichtung, aber dazu passend, wurde 2002 eine Studie zu einem vorschnellen Gefühl von Scheinverständnis bei vielen Menschen betrachtet. [43] Wenn Menschen, so die Autoren der Studie, ein praktisch ausreichendes Gerüst scheinbarer Erklärungen (illusion of explanatory depth) im Kopf hätten, würde ein trügerisches Gefühl von Verständnis sie davor bewahren, nutzlos weiter nach tieferen Wissen zu suchen, was sie letzten Endes ohnehin nur überfordern würde. Genau ein solcher Mechanismus müsste auch an den Grenzen arbeitsteilig organisierter Wissensgebiet wirksam sein: innerhalb der Grenzen ihres zugewiesenen Arbeitsfeldes haben die beteiligten Menschen Gefühl von Verständis, dass sie dort glücklich und funktional hält. Es wäre für das Funktionieren einer großen Verwaltung nützlich, wenn einzelne Sachbearbeitter niederer Gehaltsstufen ihr kleines Umfeld gut ausfüllen und nicht nach einem - ohnehin unerreichbaren - Verständnis der Gesamtzusammenhänge streben. Mehr dazu unter 👉 Scheinverständnis
f) Zusammenhalt
Sind einzelne Menschen ausreichend degeneriert, so können sie alleine und autonom nicht mehr leben. Oder die Kosten für ein Verlassen der Gesellschaft sind deutlich höher als der Nutzen in ihr zu verbleiben. So gesehen fördert Degeneration den Zusammenhalt. Diesen Prozess hat detailliert der Neurowissenschaftler und Anthropologe Terrence Deacon (geboren 1950) beschrieben. [42]
Die ethische Frage nach der eigenen Haltung
Die Ethik beschäftigt sich mit Kriterien anhand derer man für sich erkennen kann, was richtig und falsch in einem wertenden moralischen Sinn ist. Geht man davon aus, dass sich menschliche Gesellschaften hin zu einem Übergebilde entwickeln, die nicht automatisch zum Wohl des Individuums existieren und in denen sich einzelne oder alle Individuen zum Nutzen des Ganzen zurückentwickeln, dann tun sich verschiedene Möglichkeiten einer eigenen Haltung dazu auf.
Hingabe
No brain - no pain: auf Deutsch in etwa: wo es kein Gehirn gibt, dort gibt es auch keine Schmerzen. Man kann sich dem Prozess der soziointegrativen Degeneration preisgeben und darauf hoffen, dass man selbst oder die eigenen Nachfahren in einen dumpfen leidlosen Gemütszustand verfallen, so wie man sich vielleicht den Bewusstseinszustand grasender Kühe auf einer Weide vorstellen kann. Nietzsche beginnt seine Betrachtung über den Nutzen und Nachteil der Historie mit diesem Bild [4]. Darauf passt auch gut ein Zitat des Schrifstellers H. P. Lovecraft: "The most merciful thing in the world, I think, is the inability of the human mind to correlate all its contents. We live on a placid island of ignorance in the midst of black seas of infinity, and it was not meant that we should voyage far. The sciences, each straining in its own direction, have hitherto harmed us little; but some day the piecing together of dissociated knowledge will open up such terrifying vistas of reality, and of our frightful position therein, that we shall either go mad from the revelation or flee from the light into the peace and safety of a new dark age." Siehe auch 👉 H. P. Lovecraft (Zitate)
Opportunismus
Im Jahr 1932 beschrieb der englische Autor Aldous Huxlex einen Weltstaat, in dem die Menschen in vier Klassen eingeteilt waren. Während die Mitglieder der höchsten Klasse Privilegien genossen und das Geschehen steuern konnten, lebten die Anhänger der untersten Schicht, die Deltas, in einem Zustand angeborener Zufriedenheit. Hält man ein solches Szenario für denkbar, könnte man versuchen, selbst zur privilegierten Elite zu gehören, dann auch idealerweise mit vererbbaren Bestandsgarantien für die eigenen Nachkommen. Siehe auch 👉 Schöne Neue Welt [Roman]
Emigration
Man kann versuchen, die Erde zu verlassen und im Weltraum eine Kolonie der Gleichgesinnten zu gründen. Vor allem die Kolonisierung Nordamerikas bietet hier vielleicht einige historische Vorbilder. Nach dort wanderten viele religiöse Glaubensgruppen aus, um ungestört von europäischen Moralvorstellungen ihre Lebensideale zu verwirklichen. Sollte die soziointegrative Degeneration als Prozess wirksam sein, dürfte die Erde wenig Platz für unabhängige Kolonien bieten, bestenfalls vielleicht einmal Reservate. Daher der Gedanke, Kolonien im Weltraum zu gründen, etwa eine 👉 Marskolonie
Widerstand
Man kann gewillt sein, der Prozess aufzuhalten. Zwar argumentieren viele Wissenschaftler mit fast naturgesetzlichen Prinzipien, dass der Prozess möglicherweise nicht aufzuhalten ist (evolutionäre Transitionen), doch muss das ja keine Sicherheit sein. Der US-Amerikaner Howard Bloom argumentiert, dass der Prozess nicht erst mit der Entstehung von Computern begann sondern schon immer Teil evolutionärer Prozesse auf der Erde war [44]. In diesem Fall ginge es nicht nur um Widerstand sondern sogar um eine Umkehrung bereits geschehener Dinge. Folgende Einzelschritte könnten im Sinne eines Widerstandes sinnvoll sein:
- Stärkung dezentraler, lokaler Lebensweisen 👉 Provinzialismus
- Eigene individuelle Aufrüstung 👉 Transhumanismus
- Mobilisierung ähnlich denkender Menschen
- Bekämpung von KI 👉 Luddismus
- Förderung von 👉 Bildung
Verwandte Konzepte
- Technische, biologische oder hybride Strukturen 👉 kollektive Intelligenz
- In der Evolution Entwicklung von Einzellern zu Vielzellern👉 [9]
- Insekten und andere Tiere im Schwarm 👉 Schwarmintelligenz
- Allgemeine Überwesen aus primitiven Teilwesen 👉 Metabiont
- Abnehmende Intelligenz 👉 negativer Flynn-Effekt
- Was bedroht sein könnte ist die 👉 Personalität
- Ein mögliches Indiz 👉 Entfremdung
Sinnverwandte Zitate
ZITAT:
Joseph Conrad, 1896: "They were two perfectly insignificant and incapable individuals, whose existence is only rendered possible through the high organisation of civilised crowds. Few men realise that their life, the very essence of their character, their capabilities and their audacities, are only the expression of their belief in the safety of their surroundings. The courage, the composure, the confidence; the emotions and principles; every great and every insignificant thought belongs not to the individual but to the crowd: to the crowd that believes blindly in the irresistible force of its institutions and of its morals, in the power of its police and of its opinions." [11]
Joseph Conrad, 1896: "They were two perfectly insignificant and incapable individuals, whose existence is only rendered possible through the high organisation of civilised crowds. Few men realise that their life, the very essence of their character, their capabilities and their audacities, are only the expression of their belief in the safety of their surroundings. The courage, the composure, the confidence; the emotions and principles; every great and every insignificant thought belongs not to the individual but to the crowd: to the crowd that believes blindly in the irresistible force of its institutions and of its morals, in the power of its police and of its opinions." [11]
ZITAT:
Maurice Maeterlinck, 1901: "Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu fügen. Ob es recht oder unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu machen: Das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt unserer Moral. Inzwischen ist es nicht belanglos, den Willen der Natur in einer anders gearteten Welt zu belauschen, und gerade bei den Honigwespen, die nächst dem Menschen unzweifelhaft die intelligentesten Bewohner dieses Erdballs sind, tritt dieser Wille sehr deutlich zutage. Er trachtet sichtlich nach Veredelung der Art, aber er zeigt auch, dass er diese nur auf Kosten der individuellen Freiheit und des individuellen Glücks erreichen will oder kann." [9]
Maurice Maeterlinck, 1901: "Der Mensch hat das Vermögen, sich den Naturgesetzen nicht zu fügen. Ob es recht oder unrecht ist, von diesem Vermögen Gebrauch zu machen: Das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklärteste Punkt unserer Moral. Inzwischen ist es nicht belanglos, den Willen der Natur in einer anders gearteten Welt zu belauschen, und gerade bei den Honigwespen, die nächst dem Menschen unzweifelhaft die intelligentesten Bewohner dieses Erdballs sind, tritt dieser Wille sehr deutlich zutage. Er trachtet sichtlich nach Veredelung der Art, aber er zeigt auch, dass er diese nur auf Kosten der individuellen Freiheit und des individuellen Glücks erreichen will oder kann." [9]
ZITAT:
Ernst Jünger, 1927: "Wenn es auch nicht unsere Absicht ist, so ist es doch unser innerster Wille, unsere Freiheit zum Opfer zu bringen, uns aufzugeben als Einzelne und einzuschmelzen in einen großen Lebenskreis, in dem das Individuum ebenso wenig selbständig ist wie eine Zelle, die bei der Trennung vom Körper sterben muss." [29]
Ernst Jünger, 1927: "Wenn es auch nicht unsere Absicht ist, so ist es doch unser innerster Wille, unsere Freiheit zum Opfer zu bringen, uns aufzugeben als Einzelne und einzuschmelzen in einen großen Lebenskreis, in dem das Individuum ebenso wenig selbständig ist wie eine Zelle, die bei der Trennung vom Körper sterben muss." [29]
ZITAT:
George Orwell, 1946: "[…] the tendency of many modern inventions - in particular the film,the radio and the aeroplane - is to weaken his [mans] consciousness, dull his curiosity, and, in general, drive him nearer to the animals." [5]
George Orwell, 1946: "[…] the tendency of many modern inventions - in particular the film,the radio and the aeroplane - is to weaken his [mans] consciousness, dull his curiosity, and, in general, drive him nearer to the animals." [5]
ZITAT:
Kazem Sadegh-Zadeh, 2000: "Alle Menschen sind vom Internetfieber befallen. Das ist der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende der verblödete Mensch stehen wird […] Sie [eine Theorie] vermittelt erstens den Gedanken, daß ähnlich den biologischen Lebewesen auf der Erde die technischen Geräte eine Darwinsche Evolution durchmachen, und zweitens die Überzeugung, daß daraus die Machina sapiens hervorgeht, eine erdumspannende, autonome und geistbegabte Maschine, zu deren Werkzeug die Menschheit zunehmend degeneriert." [3]
Kazem Sadegh-Zadeh, 2000: "Alle Menschen sind vom Internetfieber befallen. Das ist der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende der verblödete Mensch stehen wird […] Sie [eine Theorie] vermittelt erstens den Gedanken, daß ähnlich den biologischen Lebewesen auf der Erde die technischen Geräte eine Darwinsche Evolution durchmachen, und zweitens die Überzeugung, daß daraus die Machina sapiens hervorgeht, eine erdumspannende, autonome und geistbegabte Maschine, zu deren Werkzeug die Menschheit zunehmend degeneriert." [3]
ZITAT:
Wissenschaftler, 2016: "We found a direct correlation in our study between poor fitness and brain volume decades later, which indicates accelerated brain aging." [6]
Wissenschaftler, 2016: "We found a direct correlation in our study between poor fitness and brain volume decades later, which indicates accelerated brain aging." [6]
Quaestiones
- Kann man eine individuelle Degeneration trennscharf 👉 definieren [?]
- Kann man eine individuelle Degeneration empirisch 👉 messen [?]
- Beispiele wodurch individuelle Degeneration kollektiven Mehrwert erzeugt
Fußnoten
- [1] Stanislaw Lem: Peace on Earth. Originaltitel: Pokój na ziemi (1987). Verlag: Harcourt Brace & Company. 1994. ISBN: 0-15-171554-8. Seite 52.
- [2] Stanislaw Lem: Waffensysteme der Zukunft. Suhrkamp Verlag. Originaltitel: Weapon Systems of the 21st Century or The Upside Down Evolution.Suhrkamp Taschenbuch 998. Erste Auflage 1983. Seite 68.
- [3] Kazem Sadegh-Zadeh: Als der Mensch das Denken verlernte: Die Entstehung der Machina sapiens. Burgverlag, Tecklenburg. 2000. ISBN: 3-922506-99-2
- [4] Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. Pantheon Verlag, München, ISBN 978-3-641-10498-6.
- [5] George Orwell: Pleasure Spots (Tribune, January 11th, 1946). In: George Orwell. Essays. Everyman Library. 242. Herausgegeben von Alfred A. Knopf. 2002. ISBN: 978-1-85715-242-5. Seite 989.
- [6] Nicole L. Spartano, Jayandra J. Himali, Alexa S. Beiser, Gregory D. Lewis,Charles DeCarli, Ramachandran S. Vasan and Sudha Seshadri. Midlife exercise blood pressure, heart rate, and fitness relate to brain volume 2 decades later. Neurology, 2016 DOI: 10.1212/WNL.0000000000002415
- [7] Edward Dutton, Dimitri van der Linden, Richard Lynn: The negative Flynn Effect: A systematic literature review. In: Intelligence 59, 2016, S. 163–169, doi:10.1016/j.intell.2016.10.002.
- [8] Eugène Nielen Marais: Die Seele der weissen Ameise. (übersetzt von Margarete von der Groeben nach der engl. Übers. von Winifred de Kok. Originaltitel: Die siel van die mier.) Ullstein, Frankfurt/M., Berlin 1987. ISBN 3-548-34374-0
- [9] Maurice Maeterlinck: Das Leben der Bienen. Aus dem Französischen von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Mit einem Essay über Maeterlinck und die Bienen von Gerhardt Roth. Unionsverlag, Zürich 2011, 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 3-293-00427-X
- [10] Hubert Oesterle. Maschinelle Intelligenz – Evolution oder Lebensqualität. Informatik Spektrum. 44. 1-9. 10.1007/s00287-021-01382-8. 2021.
- [11] Joseph Conrad: An Outpost of Progress. 1896.
- [12] Keller, Gustav: Das Klagelied vom schlechten Schüler. Eine aufschlussreiche Geschichte der Schulprobleme.
- [13] Theodor Fontane: Briefe an seine Familie. Das Zitat stammt wahrscheinlich aus der Zeit um 1883.
- [14] Philip T. Hoffman: Wie Europa die Welt eroberte. Theiss, Konrad; 1. Edition. 336 Seiten. ISBN: 978-3806234763.
- [15] Friedrich von Bernhardi: Deutschland und der nächste Krieg. Cotta, Stuttgart 1912.
- [16] George Orwell: Such, Such were the Joys. 1947.
- [17] Dass sich die meisten Angehörigen der deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg nur für ihr "soziales Nahfeld" interessierten ist einer der zentralen Befunde in: Sönke Neitzel, Harald Welzer: Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben (Die Zeit des Nationalsozialismus). Fischer Taschenbuch. 528 Seiten. ISBN: 978-3596188734.
- [18] [1] Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Ersterscheinung bei Benno Schwabe & Co. in Basel. 1935. Seite 130. Siehe auch 👉 Ludwik Fleck
- [19] William H. Whyte: The Organization Man. First published by Simon & Schuster in 1956.
- [20] Eva Johach: Wilde Soziologie. Soziale Insekten und die Phantasmen moderner Vergesellschaftung. Fink Verlag. 2020. ISBN: ISBN: 978-3-7705-6522-1. Seite 378, 431f.
- [21] Nick Bostrom: The Future of Humanity. In: J.-K. B. Olsen, S. A. Pedersen & V. F. Hendricks (Eds.), Companion to philosophy of technology, pp. 551-558. Wiley-Blackwell. 2010. Wissenschaftliche Veröffentlichung.
- [22] Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire. 1776 bis 1789. (Dekadenz wird als ein Grund für den Niedergang Roms beschrieben.)
- [23] Bénédict Augustin Morel: Traité des dégénérescences physiques, intellectuelles et morales de l’espèce humaine et des causes qui produisent ces varitétés maladives. Paris 1857.
- [24] Günter Anders: Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen. Novalis, Schaffhausen 1990.
- [25] Eine Einstieg in psychologische Konzepte von Willensstärke gibt: Bucciol, A., Houser, D. & Piovesan, M. Willpower in children and adults: a survey of results and economic implications. Int Rev Econ 57, 259–267 (2010). https://doi.org/10.1007/s12232-010-0103-8
- [26] Schweppenhäuser, G. (2018). Die Selfiekultur der Social Media: Pseudo-Individualität und die Ambivalenz des Konzepts »Identität« im Zeitalter der »sozialen Netzwerke«. In: Revisionen des Realismus. Abhandlungen zur Philosophie. J.B. Metzler, Stuttgart. https://doi.org/10.1007/978-3-476-04628-4_9
- [27] Mehrere Schritte einer Degenation, auch für soziale Prozesse betrachtet der Neurowissenschaftler und Anthropologe Terry Deacon (1950). Er beschreibt zunächst sehr abstrakt einen Prozess, bei dem Überfluss (redundancy) dazu führt, dass funktionale Einheiten dupliziert werden. Dabei werden die Duplikate einem verminderten Druck reinigender selektiver Kräfte ausgesetzt (relaxes purifying selection). Das wiederum ermöglicht die Ausbildung degenerativer Veränderungen (degenerative changes to accumulate in one or more of the duplicates). Zufällige Kombinationen verschiedener degenerierter Einheiten können zu erhöhter Fitness dieser Kombinationen degenerIERTer Teil führen. Das wiederum führt zu Transititionen hin zu höheren Ebenen der Synergie (transition to a synergistic higher order). Gleichzeitig verhindert die Degeneration ein Aufbrechen der neuen Kombination, da jedes Teil für sich alleine keine sinnvolle Funktion mehr hat. Der Autor sieht solche Prozesse auf vielen Ebenen, von der Genetik hin zu sozialen Organisationen (at many levels, from genetics to social organization). In: Deacon TW. A degenerative process underlying hierarchic transitions in evolution. Biosystems. 2022 Dec;222:104770. doi: 10.1016/j.biosystems.2022.104770. Epub 2022 Sep 6. PMID: 36075549.
- [28] HyperNormalisation: Dokumentarfilm der BBC aus dem Jahr 2016. Regie: Adam Curtis. Länge: 166 Minuten. Siehe mehr unter 👉 Hypernormalisation
- [29] Ernst Jünger: Fortschritt, Freiheit und Notwendigkeit. Die Seiten 325 bis 229. In: Politische Publizistik. Klett-Cotta, Stuttgart 2001 (1927), dort auf Seite 327.
- [30] Als organische Theorie bezeichnet man zu Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem (aber nicht nur) staatstheoretisch motivierte Gleichsetzungen von Nationen mit biologischen Organismen. Die Ideengeschichte dieses Gedankens ist mit vielen Zitat vorgestellt im Artikel über die 👉 organische Theorie
- [31] Spätestens seit den 1970er Jahren spekulieren verschiedene Biologen und andere Wissenschaftler über Analogien und tiefere sich wiederholende Gesetzmäßigkeiten beim Zusammenschluss ehemals autonomer Individuen zu komplexeren Gebilden (Zellen zu Organismen, Organismen zu Herden). Insbesondere werden Tendenzen aus erdgeschichtlichen Zeiträumen auch in die soziotechnische Realität des 21. Jahrhunderts (und darüber hinaus) extrapoliert. Siehe dazu den Artikel über 👉 evolutionäre Transitionen
- [32] "… but the robots who replaced workers on the assembly line were not made in the likeness of men; they were, rather, human parts selected and enlarged: a brain with a big steel hand or a brain with eyes." In: Stanislaw Lem: Peace on Earth. Originaltitel: Pokój na ziemi (1987). Verlag: Harcourt Brace & Company. 1994. ISBN: 0-15-171554-8. Dort die Seite 50.
- [33] Sue E. Kase1, Chou P. Hung1, Tomer Krayzman, James Z. Hare, B. Christopher Rinderspacher, Simon M. Su: The Future of Collaborative Human-Artificial Intelligence Decision-Making for Mission Planning. In: Front. Psychol., 04 April 2022. Sec. Cognitive Science. Volume 13 - 2022. Beispielhafte Stichworte sind: warfighter-machine interfaces, AI-directed decisional guidance, computationally informed decision-making, realistic representations of decision spaces, human-AI collaborative decision-making. Online: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.850628
- [34] "The nonliving army was far more complex than a beehive or ant hill; it was more like a biotope in nature, an ecoystem, a subtle equilibrium between competetive, antagonistic, and symbiotic species. A sergeant or a corporal in such an army obviously had nothing to do. To grasp the whole picture, merely to inspect the troops, not even the brain power of an entire university would suffice." In: Stanislaw Lem: Peace on Earth. Originaltitel: Pokój na ziemi (1987). Verlag: Harcourt Brace & Company. 1994. ISBN: 0-15-171554-8. Dort die Seiten 52 und 53.
- [35] J. McCarthy (Dartmouth College), M. L. Minsky (Harvard University N. Rochester, I.B.M. Corporation), C.E. Shannon (Bell Telephone Laboratories): A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artifical Intelligence. August 31, 1955. Siehe auch 👉 künstliche Intelligenz
- [36] Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sieht erstmals den großflächigen Einsatz von Drohnen, und zwar aus genau den Gründen, die auch Stanislaw Lem voraus gesagt hatte. In einem Interview mit Oberst Reisner vom österreichischen. Dort dass der ARD (deutscher Rundfunk) die Situation im November 2023 zusammen: "Ein relativ neues Phänomen sind sogenannte FPV-Drohnen - also First-Person-View-Drohnen mit Sprengsätzen, mit der Drohnenpiloten fast wie bei einem Computerspiel mit AI-Brille direkte Sicht auf den Gegner haben." Dazu Reisner: "Wir erleben eine Menschenjagd auf einzelne Personen. Im Ersten Weltkrieg konnte man sich noch in den Schützengraben retten, wenn man nicht unter direktem Beschuss eines Maschinengewehrs stand. Aber auf dem gläsernen Gefechtsfeld können wir heute aus zwei Meter Distanz durch eine Drohne Menschen beim Sterben zusehen." Und der ARD beschreibt dann genau das, was Stanislaw Lem um 1980 vorausgesagt hatte: "Mit einer verhältnismäßig günstigen kleinen Drohne kann man einzelne Menschen, aber auch schwere Militärtechnik wie Kampfpanzer angreifen und zerstören. Man kann in Unterstände und Gebäude fliegen." In: Dieses elende Fegefeuer bringt kein Ergebnis. ARD online. 3. Dezember 2023. Online: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/ukraine-krieg-interview-100.html
- [37] Andrew Kimbrell: Ersatzteillager Mensch. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. Ersterscheinung 1997. ISBN: 978-3423305860.
- [38] [1] René Worms: Organisme et Société. V. Giard et E. Brière, Paris 1896. Dort ab Seite 73.
- [39] Betsy Sparrow: Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Information at Our Fingertips. In: Science 333, 776 (2011). DOI: 10.1126/science.1207745
- [40] Manfred Spitzer: Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Verlag. 2012. 368 Seiten. ISBN: 978-3426276037.
- [41] B. Storm, S. M. Stone: Saving-Enhanced Memory: The Benefits of Saving on the Learning and Remembering of New Information. Psychological Science, 26(2), 182–188. 2015. Online: https://doi.org/10.1177/0956797614559285
- [42] Ein Nutzen der Degeneration ist es, dass die degenerierten Teile gerade aufgrund ihrer Degeneration nicht mehr aus dem Kollektiv ausbrechen können. Mehrere Schritte einer Degenation, auch für soziale Prozesse betrachtet der Kognitionswissenschaftler Terry Deacon (1950). Es wird ein Prozess beschrieben, bei dem Überfluss (redundancy) dazu führt, dass funktionale Einheiten dupliziert werden, wobei die Duplikate einem verminderten Druck reinigender selektiver Kräfte unterliegen (relaxes purifying selection). Das ermöglicht die Ausbildung degenerativer Veränderungen (degenerative changes to accumulate in one or more of the duplicates). Zufällige Kombinationen verschiedener degenerierter Einheiten können zu erhöhter Fitness dieser Kombinationen degenertierter Teil führen. Das wiederum führt zu Transititionen hin zu höheren Ebenen der Synergie (transition to a synergistic higher order). Gleichzeitig verhindert die Dgeneration ein Aufbrechen der neuen Kombination, das jedes Teil für sich alleine keine sinnvolle Funktion mehr hat. Der Autor sieht solche Prozesse auf vielen Ebenen, von der Genetik hin zu sozialen Organisationen (at many levels, from genetics to social organization.). In: Deacon TW. A degenerative process underlying hierarchic transitions in evolution. Biosystems. 2022 Dec;222:104770. doi: 10.1016/j.biosystems.2022.104770. Epub 2022 Sep 6. PMID: 36075549.
- [43] Rozenblit, Leonid; Keil, Frank (2002). "The misunderstood limits of folk science: an illusion of explanatory depth". Cognitive Science. 26 (5). Wiley: 521–562. doi:10.1207/s15516709cog2605_1. ISSN 0364-0213. Zur Studien von 2002 siehe auch den Artikel über das 👉 Scheinverständnis
- [44] Howard Bloom: The Global Brain: The Evolution of Mass Mind from the Big Bang to the 21st Century. Wiley, 2000, ISBN 978-0-471-29584-6; deutsch: Global brain : die Evolution sozialer Intelligenz / Aus dem Amerikan. und mit einem Nachw. von Florian Rötzer. DVA, 1999, ISBN 978-3-421-05304-6. Siehe auch 👉 Howard Bloom