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Gezeiten

Das Wechselspiel von Ebbe und Flut

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Basiswissen


Den täglich zweimal stattfindenden Wechsel von Ebbe und Flut nennt man auch die Gezeiten. Die Gezeiten werden vor allem durch die Bewegung des Mondes um die Erde erzeugt. Das ist näher beschrieben.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Zwischen Hochwasser (oben) und Niedrigwasser (unten) lagen rund sechs Stunden. Das Bild entstand in einem Sporthafen auf einer deutschen Nordseeinsel.☛


Was meint Gezeiten an den Küsten?


  • An vielen Meeresküsten ändert das Meer ständig seine Höhe.
  • Ungefähr sechs Stunden lang sinkt die Wasserhöhe, das Meer zieht sich zurück.
  • Diese Zeit, wenn sich das Wasser zurückzieht nennt man auch 👉 Ebbe
  • Dann steigt das Wasser etwa sechs Stunden lang wieder an.
  • Dieses Ansteigen des Wassers nennt man 👉 Flut

Was ist der Tidenhub?


  • Der Unterschied der Meereshöhe zwischen Ebbe und Flut heißt 👉 Tidenhub
  • Den Tidenhub kann man besonders gut in Häfen erkennen.
  • Bei Hochwasser ist das Wasser im Hafenbecken am höchsten.
  • Bei Niedrigwasser steht es oft 2 bis 4 Meter tiefer im Hafen.

Sind die Gezeiten gefährlich?


  • Ja. Durch die Gezeiten können sehr starke Strömungen entstehen.
  • Diese ziehen immer wieder Badegäste auf das offene Meer hinaus.
  • Auch laufen viele Leute ahnungslos bei Ebbe auf Sandbänke oder das Watt.
  • Wenn dann die Flut kommt schneidet das Wasser den Leuten oft den Rückweg ab.
  • Auch so kommen immer wieder Menschen an der Nordseeküste ums Leben.

Wodurch entstehen die Gezeiten?


  • Die Ursache für die Gezeiten war lange Zeit unbekannt.
  • Doch früh bekannt waren Sonne und Mond als Teil der Ursache [4] [5]
  • Der Hauptverursacher der Gezeiten auf der Erde ist der Mond.
  • Eine kleinere Rolle spielt auch die Sonne [2].
  • Der Mond und die Erde umkreisen sich gegenseitig.
  • Dabei wird das Meer so mitgeschleudert, dass die Gezeiten entstehen.
  • Wie das im Detail passiert ist nicht einfach nachzuvollziehen.

Dauern Ebbe und Flut gleich lang?


Überraschenderweise nicht: nach der Logik der Mondbewegung um die Erde sollte der Abstand zwischen zwei aufeinanderfolgenden Hoch- und Niedrigwasserständen - oder umgekehrt - etwa 6 Stunden und 12 Minuten betragen. Tatsächlich beobachtet man davon aber örtlich starke Abweichungen. In Cuxhaven zum Beispiel dauert die Flut 5 Stunden (h) und 40 Minuten (min), die Ebbe aber 6 h und 45 min. In Hamburg liegen die entsprechenden Zeiten bei 5 h 4 min für die Flut und 7 h 21 min und in Geesthacht sogar 4 h 18 min zu 8 h 7 min. Was aber immer und überall gilt ist, dass sich das Hochwasser täglich um etwa 48 min verspätet. [1, Seite 18]

Wozu sind die Gezeiten gut?


Durch die Gezeiten entstehen oft große Sandbänke, Küstenwälle und andere Formen der Oberfläche [8] wie zum Beispiel auch die ausgedehnten Wattflächen. Das ist Meeresboden aus Schlick, der bei Ebbe ganz trocken fällt. Dort leben sehr viele Kleinstlebewesen. Diese sind eine wichtige Futterquelle für Vögel. Auch brüten im Watt viele Fische. Auch Seehunde leben gerne im Watt. Mehr zu dieser Lebewelt an der deutschen Küste steht im Artikel zum 👉 Nordseewatt

Gibt es überall Gezeiten?


  • Ja, aber nicht so, dass man es überall merkt.
  • An der Ostsee und im Mittelmeer merkt man kaum etwas davon.
  • Im offenen Ozean gibt es sogar einzelne Stellen ganz ohne Gezeiten.

Was ist der Gezeiten-Weltrekord?


  • Starke Gezeiten gibt es an der Nordseeküste.
  • An der Nordsee ändert sich der Meeresspiegel dabei oft um 3 bis 4 Meter.
  • Auch in der Normandie und in der Bretagne gibt es sehr starke Gezeiten.
  • Den Weltrekord aber hält die Bay of Fundy in Amerika, dort sind es über 12 Meter.
  • Einen Vergleich zu den Höhenunterschieden steht auf der Seite 👉 Tidenhübe

Gibt es Gezeiten auch in Flüssen?


  • Ja, aber nicht in allen.
  • Vor allem in flachen Landschaften reichen die Gezeiten weit ins Binnenland hinein.
  • So liegt der Hamburger Hafen an der Elbe sehr weit weg vom offenen Meer.
  • Trotzdem gibt es sogar noch im Hafen Ebbe und Flut.
  • Auch in England gibt es viele Flüsse mit Gezeiten.
  • In ihnen enstehen oft große Solitone oder Gezeitenwellen.

Was sind Gezeiten in der Astronomie?


  • In der Astronomie hängen die Gezeiten eng mit der Anziehungskraft zusammen.
  • Himmelskörper mit viel Masse, wie etwa der Jupiter, haben eine starke Anziehungskraft.
  • Aber diese Anziehungskraft wird schwächer je weiter man von dem Himmelskörper entfernt ist.
  • Umkreist ein kleinerer Himmelskörper so einen massereichen, schweren Himmelskörper, dann ...
  • wirkt die Anziehungskraft stärker auf den Seiten, mit denen sich die zwei Körper "ansehen".
  • Die Anziehungskraft wirkt (viel) schwächer auf die Seiten, die in den offenen Weltraum zeigen.
  • Durch diesen Unterschied der wirkenden Kräfte können sich die Himmelsköper gegenseitig durchkneten.
  • Das vermutet man zum Beispiel bei dem Jupitermond Io, der dadurch sogar Vulkanismus produziert.
  • Werden die Gezeitenkräfte zu stark, dann können sogar Monde oder Planeten auseinaderbrechen.
  • Man vermutet, dass die Saturnringe auf so eine Weise entstanden sein können.

Was bedeuten Abkürzungen wie MSpThw oder MW?


  • MSpThw = Mittleres Springtidenhochwasser
  • MThw = Mittleres Tidenhochwasser
  • MNThw = Mittleres Nipptidenhochwasser
  • MW = Mittelwasser
  • MNTnw = Mittles Nipptidenniedrigwasser
  • MTnw = Mittleres Tidenniedrigwasser
  • MSpTnw = Mittleres Springtidenniedrigwasser

Zur Forschungsgeschichte der Gezeiten


Indien

Schon 1200 vor Christus sind in Indien mit den Veden Schriften entstanden, die die Gezeiten mit dem Mond in Verbindung brachten. [9, Seite 62] Das hinduistische Mahabharata-Epos erwähnte dann auch den Zusammenhang von Springtiden mit dem Neu- und Vollmond. In Gujarat, am arabischen Meer, wurden sogar die Reste von Wasserbecken gefunden, die sich bei Flut füllten, deren Verbindung zum Meer aber bei Ebbe geschlossen werden konnte. Dieses Wasserbecken, vermutlich bei der Stadt Lothal, diente als Hafenbecken, in dem Schiffe auch bei Ebbe ausreichend Wasser unter dem Kiel hatten. Der verantwortliche Harappa-Kultur wird eine gute Kenntnis der Effekte der Gezeiten zugeschrieben. Die Kultur existierte von etwa 2500 bis 1800 vor Christus.

Aristoteles

Im Alter von etwa 60 Jahren soll sich der antike griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) von der betriebsamen Stadt Athen auf einen Altersitz bei der Stadt Chalkida zurück gezogen. Dort verläuft die große und lange Insel Euböa fast parallel zur Küste von Böotien. Zwischen beiden liegt ein langer und schmaler Streifen des Mittelmeers. An einer engen Stelle mit Namen Euripos-Kanal, bewegt sich das Wasser oft wechselnd mal in die eine und mal in die andere Richtung. Die Geschwindigkeit erreicht dabei bis drei Meter pro Sekunde. Kein Schwimmer und kein Ruderboot kommt dagegen an. Aristoteles hatte dort bemerkt, dass die Strömung nichts mit dem Wind zu tun habe. Forschungen aus dem 20. Jahrhundert zeigten dann, dass der Tidenhub auf der einen Seite des Kanals gut vier mal so groß ist wie auf der anderen. Aus dem Höhenunterschied ergeben sich die für das Mittelmeer ungewöhnlich schnellen Strömungen. Verkompliziert wird die Sache dadurch, dass südlich und nördlich des Euripos weitere Meeresengen liegen. In jedem der so nur schwach miteinander verbundenen Wasserbecken können auch vom Wetter ausgelöste Osziallationen unterschiedlicher Frequenzen auftreten. Das zeitliche Muster der Euripos-Strömung ist demnach schwer vorherzusagen. [9, Seite 44 ff.]

Pytheas

Im Jahr 325 vor Christus umsegelte der Grieche Pytheas die britischen Inseln. Möglicherweise erkundete er auch Teile von Skandinavien und erreichte den Polarkreis. Pytheas Beobachtungen sind uns nur von seiner Nachwelt überliefert. Aber er soll zum Beispiel das Mündungsgebiet der Gironde in Frankreich mit einem Tidenhub von über 10 Metern bemerkt haben. Und auch die enorm großen Tidenhübe an der Westküste von England und Wales muss er bemerkt haben. [9, Seite 58 ff.]

Beda

Der englische Benediktiner und Gelehrte Beda Venerabilis (672/73 bis 735) lebte im Norden Englands. In seinen Büchern De natura rerum und De temporum ratione beschäftigte er sich auch mit den Gezeiten. Beda erkannte an, dass der Rhytmus der Gezeiten mit dem Mond zusammen hängt, etwa dass die Höhe der Wasserstände von den Mondphasen abhängen. Er hielt auch fest, dass sich der Zeitpunkt für Hochwasser genau wie auch der Moment des Mondaufganges über dem Horizont täglich um 47½ Minuten verspätet. Sehr bemerkenswert ist, dass Beda zumindest als Metapher davon sprach, dass das Meer "in sein angestammtes Becken zurückfließe", wenn sich "die Kräfte des Mondes abschwächen". Damit nahm er Newtons spätere Idee von Gravitationskräften um gut 1000 Jahre vorweg, aber wahrscheinlich nur metaphorisch. Bemerkenswert ist auch, dass Beda ein systematisches Sammeln von Daten bei anderen Klöstern der britischen Inseln beauftragte. Bei der späteren Auswertung wurde dann erkannt, dass der Höchststand bei Flut an einem Ort zu einem ganz anderen Zeitpunkt stattfinden kann, als an einem anderen Ort. Für die Ostküste Englands konnte man festhalten, dass das Hochwasser im Norden früher stattfindet als weiter im Süden. Es war klar, dass der Höchstand des Mondes zeitlich sowohl mit den Höchst- als auch mit dem Niedrigstwasserstand oder irgendetwas dazwischen zusammenfallen konnte. Eine einfache Formel der Art wie "Hochwasser ist dann, wenn der Mond am höchsten am Himmel steht" ließ sich also nicht finden. Man konnte aber für einen beliebigen Ort an der britischen Küste sagen, dass der Zeitpunkt des Hochwassers mit einem für diesen Ort bestimmten Winkel des Mondes über dem Horizont korreliert.

Albumasar

Der persische Gelehrte Albumasar (787 bis 886 n. Chr.) übersetzte die Werke des Aristoteles ins Arabische, von wo aus sie später ins Lateinische übersetzt wurden. Albumasar erkannte den Einfluss des Mondes auf die Gezeiten an und suchte nun nach einer plausiblen Ursache, nach einer kausalen Erklärung. Auch das mutet ganz wie Bedas Forschungsprogramm zur Erhebung von Daten sehr wie unsere heutige Wissenschaft an. Albumasar vermutete, dass das Licht des Mondes das Wasser erwärme und es so zur Ausdehnung brächte. Albumasar hatte auch beobachtet, dass die höchsten Wasserstände dann auftreten, wenn der Mond am größten erscheint, also der Erde am nächsten steht. Auch dass die Sonne bei Voll- und Neumond die Gezeitenunterschiede verstärkt, hatte er bemerkt. Und auch modern in seinem Denken wirkt, dass er nicht bei einfachen Erklärungen stehen blieb. Um zu erklären, dass selbst bei nahe beieinander liegenden Orten an einer Küste die Zeiten für Hoch- oder Niedrigwasser sehr verschieden sein können, zog er die Wirkung von Winden und der Topographie in betracht. [9, Seite 82 ff.]

Shen Gua

Im 11. Jahrhundert nach Christus habe der chinesische Gelehrte Shen Gua festgestellt, dass die Gezeiten stärker vom Mond als von der Sonne beeinflusst werden. [9, Seite 62 f.] Und unabhängig von Shen Gua entstand um 1056 die heute älteste überlieferte Gezeitentabelle. In ihr ist listenartig vorhergesagt, wann eine große Gezeitenwelle, eine sogenannte Bore, den Fluss Quiantang hinaufrollen wird. Die Liste enthält auch eine Vorhersage, wie hoch die Welle dann sein wird. Noch heute lockt diese größte Bore der Welt viele Touristen an. [9, Seite 84]

John of Wallingford

Die erste Gezeitentabelle in Europa stammt aus dem Jahr 1220. Sie wurde von dem Benediktinermönch John of Wallingford für die London Bridge angefertigt. Die Tabelle gibt die Stunden und Minuten für den Hochwasserstand sowie die Zeit, wann der Mond am nördlichen Himmel zu sehen ist. Für die London Bridge eilte der Mond dem Hochwasser immer um etwa 3 Stunden voraus. [9, Seite 84]

Robert Grosseteste

Der englische Scholastiker Roberte Grossetest (1170 bis 1253) beschäftigte sich als mittelalterlicher Gelehrter unter anderem mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit, etwa auch den Gezeiten. [10] Grosseteste griff die Idee von Albumasar auf, dass nämlich das Licht des Mondes zu einer Erwärmung und Ausdehnung des Wassers auf der Erde führe. Grosseteste thematisierte aber auch den Schwachpunkt dieser Theorie. Denn obwohl der Mond nur einmal am Tage hoch am Himmel steht, kommt es doch zu zwei Hochwassterständen pro Tag. Grosseteste entwarf zur Lösung die Hypothese, dass das Mondlicht am Himmelszelt umgelenkt würde. Dadurch entstünde ein zweiter virtueller Mond, der aber dennoch das Wasser mit seinem Licht erwärmen könne. [9, Seite 99]

Roger Bacon

Ein Schüler von Grosseteste war Roger Bacon (1214 bis 1294). Dieser habe die Theorien seiner Lehrers in aufgewärmter Form dem Papst vorgelegt und selbstbewusst behauptet: "Ich habe eine der berühmtesten, größten und schwierigsten Gegebenheiten, die uns in der Wirklichkeit begegnen, erklärt, nämlich das Hin- und Herfließen des Meeres". [9, Seite 99] Siehe auch 👉 Roger Bacon

Thomas von Aquin

Ein Schüler von Bacon war der Italiener Thomas von Aquin. Auch dieser entwickelte das Wissen um die Gezeiten nicht wirklich weiter, hielt aber das Interesse daran wach. In seinem Werk De occultis operationibus naturae sprach er dem Mond ausdrücklich eine "Kraft" zu, die etwas mit den Gezeiten zu tun habe. [9, Seite 100] Siehe auch 👉 Thomas von Aquin

Simon Stevin

Im Jahr 1608 veröffentlichte der niederländische Ingenieur und Physiker Simon Stevin folgende Hypothese: "Wir postulieren, daß der Mond und sein Gegenpunkt kontinuierlich das Wasser der Erde zu sich hinsaugen." [11]

Galileo Galilei

Allgemein bekannt ist, dass der Italiener Galileo Galilei (1564 bis 1642) mit der Kirche in Streit geriet, als er sich dem kopernikanischen Weltmodell mit der Sonne als Mittelpunkt (statt der Erde) zuwandte. Weniger bekannt ist, dass es vor allem die Tatsache der Gezeiten im Mittelmeer gewesen sein sollen, die Galilei für die Idee gewannen, dass die Erde nicht ruhender Mittelpunkt der Welt sondern ein in ihr bewegter Himmelskörper sein könnte. Der Gedankengang könnte folgender gewesen sein [9, Seite 112 ff.] Galilei fuhr mit großer Sicherheit auf Barken (Lastschiffen) mit, die Süßwasser in die Stadt Venedig transportieren. Dabei konnte er beobachtet haben, wie das Wasser am Bug nach oben schwappt, wenn das Boot seine Fahrt vermindert. Anschließend befand sich das Wasser längere Zeit in einer Kreisbewegung, vielleicht einer Art Schwingung.



Galileis mögliche Beobachtung vom schwappenden Wasser in einem Schiffskörper als Modell für die Gezeiten der Adria kann man leicht selbst nachstellen. Es genügt ein Backblech (oder irgendeine ähnlich große flache Kiste) und etwas Wasser.

Die Adria, an deren nördlichem Ende auch Venedig liegt, erscheint auf einer Landkarte wie ein langgezogenes Rechteck. Galilei wusste, dass die Gezeiten für die Verhältnisse des Mittelmeers am nördlichen Ende (Triest, Venedig) und am südlichen Ende (Brindisi) vergleichsweise stark waren, in der Mitte aber (Pescara, Ancona) weniger ausgeprägt sind. Diese Beobachtung passte gut zum schwappenden Wasser in Barken. Am Bug und am Heck war der Wasserausschlag am größten, auf halber Strecke entlang des Rumpfes aber deutlich niedriger. Galilei vollzog nun möglicherweise den Analogieschluss, dass das Wasser der Adria ähnlich wie das Wasser in der Barke eine Eigenfrequenz habe. Im Falle der Adria führte die Eigenfrequenz zu ungefähr einem Höchsstand pro Ort und Tag, etwa alle 22 Stunden. Und was für die Adria gilt, kann in ähnlicher Weise auch für die Meere der ganzen Welt gelten. Ebbe und Flut werden durch eine Bewegung der Erde selbst erzeugt. In seinem Buch "Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme", welches 1632 veröffentlicht wurde, äußert Galilei die Überzeugung, dass "eine genauere Untersuchung der Ozeane die notwendigen Stützen für seine Theorie der Bewegung der Erde um die Sonne liefer würde". [9, Seite 113] Galilei ging dabei davon aus, dass die Rotation der Erde um sich selbst sowie die ihre mutmaßliche Reise um die Sonne in einem Jahr ein komplexes Muster von Be- und Entschleunigen ergäbe, das letzten Endes die Muster der Gezeiten erzeugt. [9, Seite 114] Der Mond kommt als Teilursache der Gezeiten in Galileis Theorie übrigens nicht vor, obwohl doch der statistische Zusammenhang der Mondstände mit den Gezeiten seit über tausend Jahren bekannt war. Andere Wissenschaftler hielten Galilei vor, seine "Wasserbarkentheorie" [9, Seite 115] könne nicht erklären, warum es in den meisten Teilen der Welt zwei Höchststände pro Tag gäbe. Von seinen Untersuchungen an Pendeln hätte Galilei stutzig werden müssen, dass die viel größeren Ozeane eine höhere Eigenfrequenz haben sollten als die kleine Adria. Denn bei Pendeln haben die Kürzeren die höhere Frequenz. Kurioserweise hatte Galilei mit seinem Modell des Sonnensystems recht, begründete die wahre Theorie aber mit einer falschen Vorstellung vom Wesen der Gezeiten.

Isaac Newton

In dem Jahr als Galilei starb, wurde in England Isaac Newton (1642 bis 1727) geboren. England war in dieser Zeit eine aufstrebende Seemacht. Eine gute Kenntnis der Gezeiten hatten viele praktische Vorteile. So liegt die Stadt London an einem Fluss, der Themse, die bei Ebbe in großen Teilen trocken fällt und kaum befahrbar ist. Ab dem Jahr 1683 veröffentlichte der Astronom Flamsteed eigene Gezeitentafeln. Newton begann scon während seines Studium in Cambridge Fragen, seine berühmten Quaestiones, zu formulieren. Darin tauchten auch die Gezeiten auf. Newton interessierte sich weniger für die "mondlose" [9, Seite 141] Theorie Galileis. Stattdessen griff er einen Gedanken von Rene Descartes auf, wonach "der Mond auf die dünne Schicht der irdischen Ozeane Druck ausübt". [9, Seite 141] Newton ging diesem Gedanken mit Gedankenexperimenten nach. So dachte er daran, den Luftdruck über dem Wasser zu messen und einen Zusammenhang mit den Gezeitenständen zu untersuchen. Tatsächlich führen niedrige Luftdrücke, etwa bei Wirbelstürmen, zu meterhohen Anstiegen des Meeres (zum Beispiel am Golf von Mexiko), aber als Erklärung für die Gezeiten genügt das alleine nicht. Weiter untersuchte Newton, ob die Höhe der Wasserstände zu verschiedenen Jahreszeiten unterschiedlich ist, und ob das etwas mit der Orbitalgeschwindigkeit der Erde zu tun haben könnte. Newton berücksichtige aber auch die Oberflächengestalt der Erde.


ZITAT:

Isaac Newton, 1727: "it may happen that the tide may be propagated from the oceanthrough different channels towards the same port, and may pass quickerthrough some channels than through others ; in which case the same tide, divided into two or more succeeding one another, may compound new motions of different kinds." [12]


Letzten Endes erklärte Newton die Gezeiten - korrekterweise - mit den gravitativen Wirkungen im Dreikörper-System von Sonne, Erde und Mond. Newtons Argumente findet man in seinem Hauptwerk, der Principia.

Laplace

In Frankreich war es dann Pierre-Simon Laplace (1749 bis 1827), der Newtons Gedanken weiter entwickelte und viele Besonderheiten der tatsächlichen Gezeiten auf der Erde vorhersagen konnte. So stellte er korrektweise einen Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit der Gezeitenwellen und der Tiefe der Meere her. Laplace stellte mathematischen Gleichungen auf, die man zu seinen Lebzeiten noch nicht nutzen konnten. Zu aufwändig wären die Rechnungen gewesen. Erst die Konstruktion mechanischer Rechenmaschinen im späteren 19. Jahrhundert machte das möglich. Solche Maschinen, mit Kurbeln und Trommeln, wurde noch Mitte des 20. Jahrhunderts eingesetzt, etwa um den günstigsten Zeitpunkt einer Landung der Allierten an der von Deutschland besetzen Küste in der Normandie zu bestimmen. Dass es am Ende der 6. Juni 1944 war, wurde auch mit durch die Gezeiten bestimmt.

Fußnoten


  • [1] Klaus Jahnke; Bruno P. Kremer: Das Watt. Lebensraum, Tiere und Pflanzen. Franckh-Kosmos Verlag. 1990. ISBN: -440-06035-7.
  • [2] Flut und Ebbe des Meeres entstehen aus den Einwirkungen von Sonne und Mond. In: Isaac Newton: Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie. Proposition XXIV. Theorem XIX. In der Übersetzung von Ed Dellian. Felix Meiner Verlag Hamburg. 1988. ISBN: 3-7873-0764-8. Seite 217.
[3] In einem Lexikon aus dem Jahr 1857: "Ebbe und Fluth, Gezeiten, das periodische Steigen und Fallen des Meeres, wobei in 24 Stunden das Wasser 2mal am höchsten und 2mal am niedrigsten steht, den Strand abwechselnd überschwemmt und wieder trocken legt. Beim höchsten Stande (hohe Fluth, Hochwasser) verharrt es einige Minuten, beginnt [483] dann zu fallen (zu ebben), erst langsam, aber mit wachsender Geschwindigkeit, die nach 3 Stunden ihr Maximum erreicht, dann wieder allmälig langsamer, bis es nach 61/4 Stunden den niedrigsten Stand erreicht hat (tiefe E.), Niedrigwasser. So verharrt es wieder einige Minuten, um dann durch 61/4 Stunden auf die gleiche Weise wieder zu steigen (zu fluthen), wie es gefallen ist." Der Artikel geht dann noch weiter ausführlich auf verschiedene Formen der Gezeiten und die Ursachen ein. In: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1854, Band 2, S. 483-485. Online: http://www.zeno.org/nid/20003310426
  • [4] Noch Johannes Kepler (1571 bis 1630) ging von einer Art magnetischer Kraft (gravitas) des Mondes als Erklärung der Gezeiten aus. In: Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes. Astronomie, Physik und Meßtechnik in der Kulturgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. Dort die Seite 83.
  • [5] Im Jahr 1608 veröffentlichte der niederländische Ingenieur und Physiker Simon Stevin folgende Hypothese: "Wir postulieren, daß der Mond und sein Gegenpunkt kontinuierlich das Wasser der Erde zu sich hinsaugen." An diesem Zitat sind zwei Dinge besonders bemerkenswert. Erstens, dass man im Jahr 1608 bereits wusste, dass es auf der Erde sozusagen zwei Flutberge gleichzeitig gibt, die sich jedoch auf der Erdkugel genau gegenüberstehen. Wieh ist man darauf gekommen, wenn doch eine Reise auf die gegenüberliegende Seite der Erde mehrere Monate dauerte und es noch keine genauen Uhren gab? Und zweites zeigt das Zitat, dass die Masse noch keineswegs als Ursache einer anziehenden Kraft als wesentliche Ursache in Frage kam. Auf diese Idee sollte aber bald schon Isaac Newton kommen. In: The principal works of Simon Stevin, 5 Bände, Amsterdam, C. V. Swets und Zeitlinger, 1955. Dort besonders der Band 3.
  • [6] Spätestens Galileio Galilei argumentierte dann mit Hilfe dessen, was wir heute korrekterweise mit den Gezeitenkräften meinen. Er argumentierte, dass die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne auf der Nachtseite schneller laufe als auf Tagseite. "Das führe zu periodischer Bremsung und Beschleunigung" und damit würde in ähnlicher Weise wie das Wasser in einem schwankenden Schiff das Wasser der Erde außen schnelle laufen als innen und damit "vorschwappen". In: Jürgen Teichmann: Wandel des Weltbildes. Astronomie, Physik und Meßtechnik in der Kulturgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. Dort die Seiten 140 und 141. Siehe auch 👉 Gezeitenkraft
  • [7] Die Entstehung der Gezeiten in den Worten von Isaac Newton (1642 bis 1727), veröffentlicht im Jahr 1687: "Suppose now the spherical body T, consisting of some matter not fluid, to be enlarged, and to extend its 'If on every side as far as that annulus, and that a channel were cut all round its circumference containing water and that this sphere revolves uniformly about its own axis in the same periodical time. This water being accelerated and retarded by turns (as in the last Corollary), will be swifter at the syzygies, and slower at the quadratures, than the surface of the globe, and so will ebb and flow in its channel after the manner of the sea." In: Isaac Newton: Principia Mathematica (1687). Aus dem Lateinischen übersetzt ins Englische von Andrew Motte im Jahr 1846. Dort das Korollar 19 (corollary 19). Siehe auch 👉 Korollar
  • [8] Je nach Stärke der Gezeiten bilden sich unterschiedliche Formen von Küsten aus: "Die Gezeiten, die Energie der Wellen und ausreichend bewegliches Sediment führen an der deutschen Nordseeküste zu Küstenformen wie "Küstenwällen und Nehrungen im Mikrotidal (Tidenhub <1,8 m) bis hin zu Ästuaren und vegetationslosen Sandbänken im Makrotidal (Tidenhub >3,6 m). Das Mesotidal (Tidenhub 1,8 – 3,6 m) ist hingegen der Bereich, in dem sich die für die niedersächsische Küste typischen Dünen- oder auch Barriereinseln einstellen." In: Mellumrat, Natur- und Umweltschutz 22 (2) S. 15-18. 2023.
  • [9] Hugh Aldersey-Williams: Flut. Das Wilde Leben der Gezeiten. Carl Hanser Verlag. München, 2016. ISBN: 978-3-446-25497-8. Englisches Original: Tide. The science and lore of the greates force on earth. 2016.
  • [11] Im Jahr 1608 veröffentlichte der niederländische Ingenieur und Physiker Simon Stevin folgende Hypothese: "Wir postulieren, daß der Mond und sein Gegenpunkt kontinuierlich das Wasser der Erde zu sich hinsaugen." Also war bereits im Jahr 1608 bekannt, dass zu der Zeit, wenn in Amsterdam das Wasser hoch stand, wahrscheinlich auch auf der gegenüberliegenden Seite der Erde ein "Flutberg" anzutreffen war. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, das zu dieser Zeit - noch vor dem Dreißigjährien Krieg - eine Reise um die halbe Erdkugel viele Monate dauerte und keine genauen Uhren vorhanden waren. In: The principal works of Simon Stevin, 5 Bände, Amsterdam, C. V. Swets und Zeitlinger, 1955.



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