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Flutberg

Gezeiten

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Basiswissen


Das Zusammenspiel der Bewegungen von Mond und Erde ergibt Ebbe und Flut an Meeresküsten und auf den Ozeanen. Man spricht von den Gezeiten. Zur Erklärung findet man oft Bilder, in denen eine von Wasser umhüllte Erde einen gut sichtbaren Wasserberg hin zum Mond und einen Wasserberg auf der mondabgewandten Seite hat. [1, Seite 13] [2, Seite 32] [5] Diese modellhaft gedachten Wasserberge nennt man auch Flutberge. Newton sprach von einer northern und einer southern flood.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Diese Skizze aus der Zeit von 1851 bis 1874 diente der Illustration einer Erklärung zur Entstehung von Ebbe und Flut. Der große Kreis ist die Erdscheibe, umgeben von der Bahn des Mondes. Oben sieht man Sonne und Mond wie sie auf einer gemeinsamen Geraden mit den zweit Flutbergen stehen. © Theodor Schmedes ☛


Zitate



ZITAT:

Simon Stevin: "Wir postulieren, daß der Mond und sein Gegenpunkt kontinuierlich das Wasser der Erde zu sich hinsaugen." [1]



ZITAT:

Isaac Newton, 1727: "For the whole sea is divided into two huge and hemispherical floods, one in the hemisphere […] on the north side, the other in the opposite hemisphere […], which we may therefore call the northern and the southern floods. These floods, being always opposite the one to the other, come by turns to the meridians of all places, after an interval of 12 lunar hours. And seeing the northern countries partake more of the northern flood, and the southern countries more of the southern flood, thence arise tides, alternately greater and less in all places without the equator, in which the luminaries rise and set." [2]



ZITAT:

Hans-Erich Reineck, 1970: "Durch die stärkere Anziehungskraft des Mondes entsteht auf der zum Mond zugewandten Erdseite und durch dei stärek Fliehkrat de Zweikörpersystems Erde und Mond auf der vom Mond abgewadten Seite der Erde je ein Flutberg." [3]



ZITAT:

Hans-Heiner Bergmann, 2012: "Der Mond, wie jeder Himmelskörper, übt auf Materie eine Anziehungskraft aus. Das bewegliche Wasser auf der Erdoberfläche wird unter ihm zu einem Wellenberg aufgehäuft, der allerdings im freien Ozean nur eine Höhe von einem halben Meter erreicht." Und: "Durch die Drehung der Erde zieht der Mond täglich einmal über uns hin und damit eine Flutwelle über die Ozeane." [4]


Naive Fehldeutung


Die Idee von einem Flutberg und einem Ebbtal ist über die Geschichte seit mindestens der Zeit um 1600 belegt. Eine naive Fehldeutung ist es jedoch, sich die Wassermassen der Erde wirklich mit zwei global sichtbaren Erhebungen, je eine auf der mondzugewandten und der mondabgewandten Seite vorzustellen. Doch diese Fehldeutung gab es:


ZITAT:

Theodor Schmedes, um 1860: "Die Zeit seines [des Mondes] Durchganges durch den Meridian des Orts ist die Zeit des Hochwassers auf dem ganzen Meridian, wenn auch der höchste Stand (Hochwasser) erst etwas später eintritt". [5, Seite 188]


Wenn mit Meridian hier auch der Längengrad im Sinne der Geographie gemeint ist, hatte Schmedes die Faktenlage nicht mit berücksichtigt. Schmedes war in der Zeit von 1851 bis 1874 Pastor auf der Nordseeinsel Wangerooge. Damals waren Gezeitentabellen bereits weit verbreitet. Seefahrer nutzten sie, um die günstigen Zeiten für ein Ein- und Auslaufen aus Häfen bestimmen zu können. Solchen Tabellen hätte er entnehmen können, dass es einen erheblichen zeitlichen Unterschied zwischen den Hochwasserständen an zwei entfernten Orten auf demselben Meridian geben kann.

  • Hochwasser in Wangerooge, 10 August 2026: 10.03 Uhr
  • Hochwasser in Harlesiel, 10 August 2026: 10.13 Uhr
  • Hochwasser in Wilhelmshaven, 10 August 2026: 11.09 Uhr

Wangerooge und Harlesiel liegen in etwa auf demselben Längengrad und doch gibt es eine nicht unerhebliche Abweichung der Hochwasserstände von gut 10 Minuten. In Wilhelmshaven, weiter südlich und etwa östlich gelegen, tritt das Hochwasser sogar erst um 11.09 ein, also über eine Stunde später als in Wangerooge. Das aber widerspricht der Idee eines Flutberges, der nahezu mit der Tangentialgeschwindigkeit der Erddrehung von West nach Ost um die Erdkugel wandern müsste. Das einfache Bild zweier Flutberge auf der Erdkugel erfasst zwar einen physikalisch korrekten Kern, ist aber kein getreues Abbild der Wirklichkeit. Siehe dazu auch den Artikel zum 👉 Gezeitenparadoxon

Korrekte Deutung


Schon im westeuropäischen Mittelalter, um das Jahr 700, war es dem gelehrten nordenglichen Mönch Beda bekannt, dass sich die Hochwasserstände entlang eines Längengrades zeitlich sehr unterscheiden können. Es ist also keineswegs so, dass sich ein durchgängiger Flutberg unterhalb des Mondes ausbildet.

Korrekt ist aber, dass das komplizierte gravitative System aus Sonne, Erde und Mond im zeitlichen Rhytmus bestimmter Mond- und Sonnenstände jeweils unterschiedliche Krafteinwirkungen erfährt. Modellhaft kann man sich das wie eine Hin- und Herbewegung einer mit Wasser gefüllten Wellenwanne vorstellen. Wenn nun auf dem Boden der Wellenwanne ein Relief mit Höhen und Tiefen eine reale Küstenlandschaft nachbildet, wird man erkennen, dass das Wasser eine beträchtliche Zeit benötigt, um Strecken zurück zu legen. Die Form der Küstenlinien und die Wassertiefen spielen dabei eine wichtige Rolle. Dadurch kommen zeitliche Unterschiede zwischen einzelnen Orten zustande, die von ihrer Dauer der Zeit nahe kommen, die der Rotation der Erde unter dem Mond hindurch entspricht. So entsteht letzten Endes ein schwingendes System, in dessen Frequenzen und Periodendauern an einzelnen Orten zwar die Rhythmen der Bewegungen der Himmelskörper durchscheinen, die aber stark phasenversetzt zu den Ständen der Himmelskörper sein können. Das war schon Newton, Laplace und vielen anderen früh bewusst. Siehe auch 👉 Gezeiten

Fußnoten


  • [1] Im Jahr 1608 veröffentlichte der niederländische Ingenieur und Physiker Simon Stevin folgende Hypothese: "Wir postulieren, daß der Mond und sein Gegenpunkt kontinuierlich das Wasser der Erde zu sich hinsaugen." Also war bereits im Jahr 1608 bekannt, dass zu der Zeit, wenn in Amsterdam das Wasser hoch stand, wahrscheinlich auch auf der gegenüberliegenden Seite der Erde ein "Flutberg" anzutreffen war. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, das zu dieser Zeit - noch vor dem Dreißigjährien Krieg - eine Reise um die halbe Erdkugel viele Monate dauerte und keine genauen Uhren vorhanden waren. In: The principal works of Simon Stevin, 5 Bände, Amsterdam, C. V. Swets und Zeitlinger, 1955. Dort besonders der Band 3. Siehe auch 👉 Gezeiten
  • [3] Hans-Erich Reineck: Das Watt. Ablagerungs- und Lebensraum. Senckenberg-Buch 50. Verlag von Waldemar Kramer. Frankfurt am Main. 1978. ISBN: 3-7829-1067-2. Dort werden im Kapitel zur Hydrographie auf Seite 13 die Worte Flutberg und Ebbtal erklärt. Reineke zitiert zwar die Idee der Flutberge, deutet aber gleichzeitig die komplexere Realität an.
  • [4] Eine klassische Zeichnung mit einer kreisförmigen Erdkugel umgeben von einer elliptischen Wasserfläche mit zwei genau so gekennzeichneten "Flutbergen" und "Ebbtälern" findet sich in: Hans-Heiner Bergmann, Herbert Zucchi: Watt. Lebensraum zwischen Land und Meer. Boyens Buchverlag. Heide. 2012. ISBN: 978-3-8042-1224-4. Im Textteil dazu steht dann: "Der Mond, wie jeder Himmelskörper, übt auf Materie eine Anziehungskraft aus. Das bewegliche Wasser auf der Erdoberfläche wird unter ihm zu einem Wellenberg aufgehäuft, der allerdings im freien Ozean nur eine Höhe von einem halben Meter erreicht. [Seite 31] Und weiter [Seite 32]: "Durch die Drehung der Erde zieht der Mond täglich einmal über uns hin und damit eine Flutwelle über die Ozeane." Es wird dann weiter gefragt: "Wie aber entstehen zwei Tidenwellen?" Das wird dann darüber erkärt, dass Mond und Erde "ein Gespann" bilden, das "gemeinschaftlich um einen bestimmten Drehpunkt rotiert".
  • [4] Für die deutsche und die niederländische Küste wird definiert: "Zum Wattenmeer als übergeordneter Einheit gehören auch die Salzwiesen und die Inseln". Das Wattenmeer ist als größer als das eigentliche Watt im engeren Sinn, welches definiert ist als "der täglich zweimal vom Meerwasser überspülte und wieder trockenfallende Küstenraum zwichen dem Vordeichsland und den Salzwiesen der Inseln" ist. In Martin Stock, Hans-Heiner Bergmann, Herbert Zucchi: Watt. Lebensraum zwischen Land und Meer. Boyens Buchverlag. Heide. 2012. ISBN: 978-3-8042-1224-4. Dort auf Seite 28.
  • [5] Eine einfache Handskizze zeigt ein kreisförmige Erdscheibe mit oben und unten je einer Ausbeulung. Um die Erde ist die kreisförmige Umlaufbahn des Mondes eingezeichtet, ganz oben der klein gezeichnete Monat auf seiner Umlaufbahn. Und über dem Mond seht die Sonne als Scheibe. Die zwei Flutberge, der Mond und die Sonne liegen damit alle auf einer gemeinsamen Geraden. Das Wort Flutbeg verwendete Schmedes in seinen längeren Bemerkungen zu den Gezeiten nicht. In: Theodor Schmedes: Die Insel Wangerooge nach ihrem früheren und gegenwärtigen Zustande. Erschlossen von Peter Sievert, Hannover. 1983. Ein Exemplar findet sich in der katholischen Bücherei auf der Insel Wangerooge (Stand 2026). Dort auf Seite 189.



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