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Schicksal

Philosophie

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Grundidee


Die meisten, nicht alle [2] Auffassungen vom Schicksal gehen von einer unpersönlichen Macht [6] aus, die die auffälligen und folgenreichen [7] Geschicke der Menschen bestimmt und von den Menschen selbst nicht kontrolliert [1] und [1] oder weil sie vom Menschen nicht durchschaut [6] werden kann. Von dieser Gemeinsamkeit ausgehend, unterscheiden sich die einzelnen Vorstellungen von einem Schicksal dann aber oft erheblich. Bemerkenswert ist, wie selten Autoren einen Bezug zu den Erkenntnissen und Methoden der gegenwärtigen Naturwissenschaften herstellen, und umgekehrt, wie selten Verfasser naturwissenschaftlicher oder mathematischer Fachbücher das Wort Schicksal verwenden.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Man sieht eine der drei Nornen (nordische Schicksalsgöttinen). © John Melhuish Strudwick ☛


Historische Sichten


Lexika fangen gut die allgemein gebräuchliche Bedeutung eines Begriffes ein. Betrachtet man die Artikel in Lexika, kann man so eine gute Idee davon gewinnen, mit welche Ideen ein Begriff im üblichen Sprachgebrauch, speziell auch außerhalb von Fachwissenschaften, enthält.

Spätestens im Jahr 1672 wurde das Wort Schicksal greifbar. Ein Obrist, also ein Mann mit militärischem Rang, wurde wohl aufgrund eines Gerichtsurteils in der ehemalig preußischen Stadt Memel enthauptet. Schicksel, oder später Schicksal, ist von Anfang an mit auffälligen Geschehnissen im Leben eines Menschen verbunden.


ZITAT:

1672: "der […] obriste C. L. von Kalckstein auf vorher ergangenes urtheil […] zur Memmel enthauptet worden, […] mit angehenckt dessen lebenslauff und schicksel" [1]


Über 100 Jahre später hat sich das Wort dann mit einer klaren Bedeutung etabliert. Es steht nun für die Idee von Abläufen außerhalb der Kontrolle und Erkenntnis von Menschen.


ZITAT:

Der Mensch hat keine Macht über sein Schicksal.
1798: "Von Begebenheiten und Veränderungen eines Dinges, welche nicht in dessen Willkühr stehen, welche ohne dessen Zuthun in einer unbekannten Ursache außer ihm gegründet sind, wo man es besonders von solchen menschlichen Veränderungen, und selbst von solchen gebraucht, deren Grund in dem vorher gehenden Verhalten des Menschen man nicht einsiehet, wenn sie gleich wirklich in demselben gegründet sind." [2]


Wichtig, auch für eine spätere Betrachtung aus physikalischer Sicht, ist, dass schon Ende des 18. Jahrhunderts die Idee eines subjektiven Zufalls als Keim gedacht wird. Es wird nämlich ausdrücklich der Gedanke gedacht, dass die Geschehnisse in der Sphäre des Menschlichen kausal abgeschlossen sein könnten, man aber die kausalen Zusammenhänge nicht durchblicken kann. Die Gründe für diese Erkenntnisschranke lässt das Lexikon von 1798 noch offen.

Der folgende Artikel aus dem 1837 stellt innerhalb aller hier betrachten Artikel eine einzigartige Ausnahme dar. Der Mensch, so der Artikel, sei seinem Schicksal als einer "Entwicklung der Außendinge" nicht gnadenlos wie eine "Maschine" ausgeliefert. Vielmehr habe er eine "sittliche Freiheit":


ZITAT:

Der Mensch hat doch Macht über sein Schicksal.
1837: "Schicksal. Unsere Zeit hat auch den strengen Begriff dieses Wortes gemildert. Das Schicksal ist weder ein blindes Ungefähr, das Alles planlos geschehen läßt, noch eine eiserne Nothwendigkeit, nach der Alles erfolgen muß. Nenne es vielmehr die Menge und den Wechsel der Ereignisse, welche die Zeit herbeiführt. Allerdings machen äußere Umstände und Verhältnisse den Menschen in vielen Fällen von sich abhängig. Doch kann er sich durch seine sittliche Freiheit über die Macht des Schicksals erhoben und der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden. Viel vermag der Mensch über die Einwirkung der Außendinge durch ernstliches Wollen und ausdauernde Beharrlichkeit. Kein Naturgesetz erniedriget ihn zur willenlosen Maschine und auf kein Machtgebot braucht er das Böse zu begehen. Denn es steht in seiner Gewalt, zu wählen und zu unterlassen. Die eherne Kette, die ihn umschnüren will, kann er mit starker Hand zerreißen. In den meisten Fällen bestimmt daher das Verhalten des Menschen sein trauriges oder erfreuliches Schicksal." [3]


Dem kurzen Ausflug in den Optimismus folgen nun weitere Artikel, die in der Idee des Schicksals eine unabänderliche oder doch zumindest undurchsichtige Macht sehen, die stets auch "Grausiges" zu bieten hat:


ZITAT:

1854: "Fatum, sors. das im [Mittelhochdeutschen] noch nicht vorhandene wort ist eine jüngere bildung zu schicken mit dem suffix -sal, abgeschwächt -sel. in der form schicksel schon früh im niederl. schicksel, apparatus, ordo, dispositio et fatum Kilian; fatum geschicke, niederl. schicksel […] es bedeutet: […] das was dem menschen durch fügung bestimmt ist, ihm begegnet: schweres, trübes, grausiges schicksal." [4]



ZITAT:

Auffällig und folgenreich, mysteriös
1857: "Schicksal, die Summe der Erlebnisse und Ereignisse in der Geschichte der Menschheit, des einzelnen Volkes, Volksstammes, Ortes, der einzelnen Familie oder Person, dann auch jedes einzelne auffallende oder folgenreiche Erlebniß oder Ereigniß. Weil das Wesen des S.s in letzter Instanz für uns ein Mysterium bleibt u. die Ansichten hierüber weit auseinander gehen, deßhalb fehlt eine genügende Bestimmung des Begriffes S. und sind für S. allerlei Ausdrücke im Umlauf z.B. Geschick oder Verhängniß, das S., insofern es als absolut nothwendig od. von überirdischen Mächten vorausbestimmt oder doch als vom Willen und Thun des Menschen unabhängig gedacht wird; Glück, Unglück, das S., insofern es das Wohlergehen des Individuums fördert oder hemmt oder insofern es als zufällig gedacht wird […]" [5]


Der nächste Artikel ist hier nur stark verkürzt zitiert. Unterschlagen wurden viele Bezüge zur Literatur und Kulturgeschichte. Wichtig für die naturwissenschaftliche Betrachtung ist aber, dass der Artikel Begriffe wie Determiniertheit und Zufall mit ins Spiel bringt, Begriffe, die auch in der Welt der Naturwissenschaften gebraucht werden:


ZITAT:

Determinismus, Zufall, Freiheit
1862 "Schicksal, heißt im gewöhnlichen Sprachgebrauch ein Ereigniß od. eine Reihe von Ereignissen, welche sich nicht vorhersehen u. abändern ließen, weil ihre Ursachen unbekannt waren. In diesem Sinne spricht man von den S-en eines einzelnen Menschen, wie ganzer Reiche u. Völker. Die Frage, ob die Wirkung der unbekannten Ursachen, welche das unvorhergesehene S. herbeiführten, durch andere Ursachen, also auch durch menschliches Handeln, sich würde haben abwenden lassen, wird dabei in der Regel nicht aufgeworfen; das S. erscheint als ein nothwendiger Erfolg, welcher, nachdem einmal geschah, was geschehen ist, unvermeidlich ist. Deshalb wird bei Weitem der größte Theil dessen, was dem Menschen begegnet, als sein S. aufgefaßt, namentlich insofern als die Ursachen u. Verhältnisse, welche seine Existenz, seine Anlagen, die sich ihm darbietenden Gelegenheiten zur Thätigkeit sammt deren glücklichem od. unglücklichem Erfolg, sein Leiden, seine Genüsse u. Entbehrungen bestimmen, stärker u. mächtiger sind, als sein eigenes Wollen u. dieses selbst vielfach bedingen. Hierbei ist jedoch der allgemeine Begriff eines ursachlichen Zusammenhanges nicht aufgegeben, u. deshalb entspricht diese Auffassung dem strengen Begriff des S-s od. Fatum nicht vollständig Dieser beruht auf der Ausschließung jedes ursachlichen Zusammenhanges; er bezeichnet die blinde unentfliehbare Vorherbestimmtheit des Geschehens ohne Grund u. Zweck trotz aller Ursachen, welche außerdem ein anderes Geschehen bedingen würden; was der absolute Zufall für einzelne Ereignisse, ist das S. in diesem Sinne für die Totalität des Geschehens. Die von jeder Verschiedenheit des Causalzusammenhanges u. des Handelns unabhängige, trotz derselben stattfindende Unentfliehbarkeit des vom S. Vorherbestimmten ist das wesentliche Merkmal dieses Begriffes, welcher in dieser Strenge dem Begriffe eines veränderlichen ursachlichen Zusammenhanges gegenüber eigentlich nur innerhalb solcher philosophischen Systeme vorkommt, welche zu einem ursachlosen u. zwecklosen (absoluten) Werden als dem letzten Principe ihre Zuflucht nehmen zu müssen glauben. Die Frage, ob u. in welchem Sinne dem Begriffe des S-s Gültigkeit zu- od. abzusprechen sei, hängt mit der Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens aufs genaueste zusammen (s. Determinismus, Fatum, Freiheit)." [6]


Der nun folgende Artikel stellt den Einflüsse einer äußeren Welt auch Bedingungen bei, die aus den inneren Veranlagungen des Menschen selbst stammen. Möglicherweise ist das auf die um das Jahr 1909 schon allgemein bekannte und viel diskutierten Theorien rund um den Darwinismus zurück zu führen:


ZITAT:

Äußere Wirkungen überwiegen
1904: "Schicksal (moira, atê, heimarmenê, anankê, fatum) bedeutet: 1) das Geschick, die Summe der Erlebnisse eines Wesens als abhängig von der Natur desselben und den Gesetzen der Außenwelt betrachtet, 2) die Hypostasierung der Factoren, welche das Geschick, die Lebenswendung bestimmen (insbesondere der äußeren Factoren, der Notwendigkeit des Alls, des äußeren Causalnexus) zu einer selbständigen, blind-gesetzvoll handelnden Macht, welche den Erfolg des menschlichen Handelns letzten Endes determiniert, oft so gedacht, daß die Freiheit des einzelnen, der Persönlichkeit gar nicht zur Geltung kommt, die doch selbst ein Aktiver, das Geschick beeinflussender, bestimmender Factor ist, sein kann." [7]


In unserer kleinen Zeitreise durch die Geschichte des Wortes Schicksal sind wir nun in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg angelangt. Die Frage, ob das Schicksal eher von einer persönliche Macht (Gott) oder etwas Unpersönlichem gelenkt wird, greift der folgende Artikel auf. Dabei wird auch die Frage nach der Gerechtigkeit des Schicksal aufgeworfen.


ZITAT:

Unpersönliche, übermenschliche Macht
1909: "Schicksal (Geschick), sowohl das Geschickte, d.h. ein einzelnes Ereignis oder eine ganze Reihe solcher, von denen angenommen wird, daß sie durch eine übermenschliche Macht bestimmt sind, als auch das Schickende, d.h. das (im Gegensatz zur Gottheit) unpersönlich gedachte Wesen, von dem die Begebenheiten und Verhältnisse ausgehen, die wir Schicksale nennen. Im erstern Sinn unterscheidet man verdientes (selbstverschuldetes) und unverdientes (unverschuldetes), im letztern gerechtes (Nemesis) und ungerechtes S. (Fatum). Dem S. im ersten Sinne steht einerseits der (grundlose) Zufall, anderseits die natürliche Abhängigkeit der Erfolge von unsern vorausgegangenen Handlungen, dem S. im zweiten Sinne die (persönliche) Vorsehung gegenüber." [8]


Und zu guter letzte bestätigt gut 100 Jahre nach der Verfassung der obigen Artikel ein Lexikon der Philosophie noch einmal die Kernbedeutung von Schicksal, nämlich das Ausgeliefertsein des Menschen gegenüber Mächten außerhalb seiner Kontrolle:

DEFINITION:

1999: Das Schicksal ist die "Einwirkung auf das Leben des Menschen, die außerhalb seiner Verfügungsgewalt liegt." [9]

Naturwissenschaftliche Sicht


Das Wort Schicksal findet man eher nicht im Register von physikalischen oder mathematischen Fachbüchern. Wo Wissenschaftler sich mit solchen Gedakenkreisen beschäftigt haben, taten sie das meist als Privatperson außerhalb ihrer naturwissenschaftliche-akademischen Rolle. Dennoch: die Artikel oben haben zu Genüge gezeigt, wie eng die Idee eines Schicksals mit den Konzepten von Kausalität, Determiniertheit oder Zufall verbunden sind. Diese Worte spielen in den Naturwissenschaften dann durch aus eine Rolle. Die Bezüge zum Schicksal sollen hier nur kurz angedeutet werden.

Kausalität
Die Idee der Kausalität, konsequent als alles beherrschende Prinzip gedacht, besagt, dass nichts ohne Ursache passiert. Damit ist zumindest der Zufall als Urheber von Schicksal ausgeschlossen. In einer irreführenden Verengung des Kausalitätsgedankens auf rein naturwissenschaftlich fassbare Zusammenhänge war der Mensch am Ende nur ein Stück Materie im Strudel eines im Voraus vorgezeichneten Weltgeschehens. Doch tatsächlich kann der Begriff der Kausalität philosophisch weiter gefasst werden als ein bloßes gegenseitiges Angeschubse von Materie. Man kann zum Beispiel Wirk- von Zielursachen unterscheiden und damit der Getriebenheit durch Vorvergangenes Geschehen ein Hinarbeite auf zukünftige Ziele gegenüber stellen. Und es widerspricht auch nicht einem allgemeinen Kausalitätsgedanken, dass Abläufe in der materiellen Welt ihren Ursprung in einer Regung des Geistes haben: mens agitat molem, der Geist bewegt die Materie. Siehe mehr zur Offenheit zumindest denkmöglicher Weltentwürfe im Artikel zur 👉 Kausalität

Determinismus
Der Determinismus im Sinne der Naturwissenschaften ist eng mit einem naiven Kausaldenken verwandt. Wenn nichts ohne Grund geschieht, und wenn eine Ursache immer eine eindeutige Wirkung zur Folge hat, dann ist das Weltgeschehen von Anbeginn der Zeit vorgezeichnet. Das klassische Sinnbild einer so gedachten Determiniertheit des Weltprozesses ist der Laplacesche Dämon. Aber auch von außerhalb der Naturwissenschaften kamen Denker zu deterministischen Weltbildern. Die Idee etwa, dass Gott allwissend sei, schließt zwangsläufig auch mit ein, dass er über unsere Zukunft Bescheid weiß. Und damit ist unsere Zukunft, unser Schicksal, eigentlich vorherbestimmt, das heißt determiniert. Ein Weltbild, das jede Einflussnahme auf das Weltgeschehen nach der Ingangsetzung der Welt ausschließt, bezeichnet man als 👉 Determinismus

Zufall
Fühlt sich der Mensch übermächtigen Kräften als seinem Schicksal wirkungslos ausgeliefert, so kann es ihm eigentlich recht egal sein, ob die Geschehnisse aus echtem Zufall oder aus kausal tieferen Gründen passieren. Möglicherweise kann er es ohnehin nicht herausfinden. Und ändern würde die Erkenntnis auch nicht viel. Aber dennoch beschäftigen sich Mathematiker, Physiker und Informatiker doch recht engagiert mit der Frage, wie man Zufall von Notwendigkeit (Kausalität) unterscheiden könnte und ob es echten Zufall überhaupt gibt. Siehe als Einstieg dazu den Artikel zum 👉 Zufall

Synonyme



Fußnoten


  • [4] Der Artikel "Schicksal". In: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 12. Oktober 2026. Online: https://www.dwds.de/wb/dwb/schicksal
  • [9] Metzler Philosophie Lexikon. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar, 1999. ISBN: 3-476-01679-X.

Siehe auch

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