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Gradualismus (Bewusstsein)

Evolution

© 2026




Definition


In der Bewusstseinsforschung steht Gradualismus für einen mehr oder minder stufenlosen Übergang von verschiedenen Ausprägungen von Bewusstsein zwischen verschiedenen biologischen Lebensformen. Es gibt demnach keine scharfe Trennung zwischen bewussten und unbewussten Organismen sondern nur Unterschiede im Ausmaß oder der Ausprägung von Bewusstsein.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Links sieht man die vermutete Vorgeschichte der Menschheit über die Jahrmillionen, die sogenannte Phylogenese. In der Mitte sieht man die individuelle Entwicklung eines Menschen über seine Lebenszeit, die Ontogenese. Der Hintergrund des Mittelteiles deutet an, dass die Ontogenese oft als Nachleben der Phylosgenese gedeutet wird. Das rechte Bild zeigt individuelle Bewusstseinszustände die ohne festgelegte Reihenfolge zu jedem Lebensabschnitt, synchron, angesteuert werden können. © Gunter Heim/Gemini ☛


Zur Gliederung


Der Artikel zum Gradualismus des Bewusstseins ist in drei Sinngruppen aufgeteilt. Man kann Bewusstsein als Phänomen über Arten und geologische Zeiträume hinweg betrachten, über die Lebenszeit eines Individuums oder über verschiedene Zustände eines Individuums unabhängig vom Lebensalter. Betrachtungen von Entwicklungen über eine Zeit hinweg bezeichnet man als diachron, Betrachtungen innerhalb eines Zeitraums hingegen als synchron.

  • 1) Diachron-phylogenetisch: man kann verschiedene Ausprägungen von Bewusstsein über verschiedene biologische Arten und deren Entwicklung über die Jahrmillionen betrachten. Das kann man als phylogenetischen, das heißt stammesgeschichtlichen Gradualismus bezeichnen. Siehe auch 👉 Phylogenese

  • 2) Diachron-ontogenetisch: Von der Geburt über die Kindheit, Jugend, das Erwachsenenalter bis zum Greisentum sind wahrscheinlich verschiedene Stufen von Bewusstsein erreichbar. Ontogenetisch heißt so viel wie die Entwicklung eines einzelnen Organismus über seine Lebenzeit betreffend, von der Geburt bis zum Tod. Siehe auch 👉 Ontogenese

  • 3) Synchron-individuell: hiermit sind verschiedene Bewusstseinszustände gemeint, die ein Individuum innerhalb eines Lebensalters erfahren kann: Gradationen zwischen Wachsein und Schlaf, bei einesetzender Narkose, unter dem Einfluss von Psychopharmaka oder Drogen, als Ergebnis von konzentrierter Arbeit, von Meditation oder unwillkürlich als Deja Vu und Ähnliches.

Die phylo- und die ontogenetische Betrachtungen gehen von einer Entwicklung von Bewusstsein durch die Zeit hinweg aus. Man könnte beide Weisen der Betrachtung damit auch als diachron bezeichnen. Synchron meint dann nicht, dass man alle Zustände gleichzeitig erleben kann, aber von einem und demselben Lebensalter oder Entwicklungsstand aus herbeiführen kann.

Diachron
Eine zweite wichtige Unterscheidung ist die zwischen einer gerichteten Stufenfolge und einem ungerichteten Kontinuum. Bei einer Stufenfolge kann man eine aufsteigende Rangfolge von nieder zu höher angeben. Die niederen Bewusstseinsstufen sind dabe eine notwendige Voraussetzung für die höheren. Ein solche Modell schlug etwa Antonio Damasio mit seinem Proto- Kern- und erweiterten Bewusstsein vor. [26] Das erweiterte Bewusstsein benötigt das Kernbewusstsein. Und das Kernbewusstsein wiederum benötigt ein Protobewusstsein. Das Durchlaufen solcher aufeinander aufbauender Stufen von Bewusstsein durch die Zeit kann man in der Phylogenese als auch in der Ontogenese suchen. Daher wurden diesen zwei Begriffen das Wort diachron vorangestellt, was so viel wie durch die Zeit hindurch (betrachtet) meint.

Synchron
Es ist aber auch denkbar, dass die verschiedenen Bewusstseinszustände völlig unahbängig voneinander eingenommen werden können. So könnte der komplexe Bewussseinszustand einer nostalgischen Schwermut, in der man in alten Erinnerungen schwelgt und seine eigenen Gefühlszustände aus alten Zeiten wieder wachruft, auch dann auftreten, wenn ihm nirgends ein niederer Bewusstseinszustand wie ein bloße Hungergefühl, ein Gefühl wärmender Behaglichkeit oder Ähnliches zugrunde liegt. Die Träger vo Bewusstsein könnten dann ähnlich wie ein Computer mit RAM-Speicher (Random Access Memory) jeden Zustand direkt ansteuern, ohne ihm zugrundeliegende Zustände vorher durchlaufen haben zu müssen. Wenn die Übergänge zwischen den Zuständen dennoch fließend sind, könnte man von einem Kontinuum sprechen. Da in diesem Modell keine zeitliche Entwicklung nötig ist, bezeichne ich es als synchron: zu jedem beliebigen Zeitpunkt kann ein Träger von Bewusstsein jeden beliebigen Zustand einnehmen. Ein Individuum, etwa ein Mensch, kann dann synchron-individuell durch das Kontinuum von Bewusstseinszuständen reisen. Man denke an Meditation, Drogen wie Alkohol, spirituelles Reisen, konzentriertes Arbeiten, Wurausbrüche oder Melancholie.

Diachron-phylogenetisch


In der Evolutionstheorie steht Gradualismus für die Idee eines langsamen in kleinen Schritten sich vollziehenden Wandels bei der Veränderung von Arten:

DEFINITION:

Gradualismus bezeichnet "die herkömmliche, bereits von C.R. Darwin vertretene Vorstellung, daß der mikroevolutionäre Artwandel allmählich und nicht sprunghaft (durch das plötzliche Entstehen neuer Typen) abgelaufen ist."

Bleibt man eng an diesem Konzept, dann müssen alle Eigenschaften heute lebender Organismen aus mehr oder minder kleinen Veränderungen von der toten Materie aufwärts entstanden sein. Und zu diesen Eigenschaften zählt dann auch das Bewusstsein:


ZITAT:

Ernst Häckel, 1899: "Die wundervollste aller Naturerscheinungen, die wir herkömmlich mit dem einen Worte 'Geist' oder 'Seele' bezeichnen, ist eine ganz allgemeine Eigenschaft des Lebendigen. In aller lebendigen Materie, in allem Protoplasma müssen wir die ersten Elemente des Seelenlebens annehmen, die einfache Empfindungsform der Lust und Unlust, die einfache Bewegungsform der Anziehung und Abstoßung – Nur sind die Stufen der Ausbildung und Zusammensetzung dieser 'Seele' in den verschiedenen lebendigen Geschöpfen verschieden; sie führen uns von der stillen Zellseele durch eine lange Reihe aufsteigender Zwischenstufen allmählich bis zur bewußten und vernünftigen Menschenseele hinauf." [6]


Ernst Häckel verwendete hier statt Bewusstsein die auch theologisch bedeutsamen Begriffe Geist und Seele. Dabei muss man vorsichtig sein. Geist [7], Seele [8] und Bewusstsein [9] haben durchaus wichtige Unterschiede in der Bedeutung. Aus dem Gesamtwerk von Häckel aber wird klar, dass er mit den Worten im Wesentlichen das meinte, was man heute als Bewusstsein bezeichnet.


ZITAT:

Peter Godfrey-Smith, 2024: "Eine evolutionäre Sicht bestärkt auch einen gradualistischen Blick auf Bewusstsein: eine einfache Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Tieren wird wahrscheinlich einem Blick weichen, der Unterschiede im Maß erlaubt". [3]


Das letzte Zitat soll stellvertretend für ein Aufleben der naturwissenschaftlichen Erforschung von Bewusstsein den 2010er Jahren stehen. Es gibt inzwischen eine breite, empirische Strömung an Forschungen zum Bewusstsein von Tieren, die evolutionär weit vom Menschen entfernt sind, aber Anzeichen eines bewussten Erlebens zeigen.

Vorgeschichte


Dass sich das Phänomen des Bewusstseins in leichten Abstufungen über das gesamte Reich der Lebewesen erstrecken, ist keine Offensichtlichkeit. Über lange Zeiten hinweg betrachte man Tiere als bloße Maschinen. Kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges etwa beschrieb der Philosoph Rene Descartes (1596 bis 1650) Tiere als bloße Automaten:


ZITAT:

Rene Descartes, 1649: "… es erscheint vernünftig, da die Kunst die Natur nachahmt und der Mensch verschiedene Automaten erschaffen kann, die sich unbewusst bewegen, dass die Natur selbst weitaus prächtigere Automaten hervorbringt als die künstlichen. Diese natürlichen Automaten sind die Tiere." [10]


Doch sollte man den Mechanismus Descartes nicht stellvertretend für die ältere Philosophie an sich nehmen. Differenzierter sah es zum Beispiel der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225 bis 1274). Er gestand Tieren durchaus Empfindsamkeit, nicht aber Denkfähigkeit zu:


ZITAT:

Thomas von Aquin (1225 bis 1274): "Keine Tätigkeit des empfindungsfähigen Teils kann ohne einen Körper stattfinden. Doch in den Seelen stummer Tiere finden wir keine höhere Tätigkeit als die des empfindungsfähigen Teils. Dass Tiere weder verstehen noch denken können, zeigt sich darin, dass sich alle Tiere derselben Art gleich verhalten, als ob sie von ihrer Natur getrieben wären und nicht nach irgendeinem Prinzip der Kunst handelten: Denn jede Schwalbe baut ihr Nest gleich und jede Spinne ihr Netz gleich. Daher gibt es in der Seele stummer Tiere keine Tätigkeit, die ohne einen Körper stattfinden könnte." [11]


Und auch im Zeitalter des aufkommenden mechanistischen Denkens, verwiesen Denker auf Anzeichen, dass Tiere mehr sein müssen als bloß Automaten:


ZITAT:

de Fontenelle, 1683: "Sagst du, dass Tiere Maschinen sind, genau wie Uhren? Stell eine männliche und eine weibliche Hunde-Maschine nebeneinander, und irgendwann entsteht eine dritte kleine Maschine, wohingegen zwei Uhren ihr ganzes Leben lang nebeneinander liegen, ohne jemals eine dritte Uhr hervorzubringen." [12]


Einen interessanten Umkehrschluss hin zum modernen Gradualismus machte im Jahr 1651 Thomas Hobbes. Er folgerte aus der Ähnlichkeit von Maschinen und Menschen, dass möglicherweise auch Maschinen eine Art von Lebendigkeit haben könnten:


ZITAT:

"Da das Leben nichts anderes ist als die Bewegung der Glieder, deren Ursprung in einem inneren Hauptteil liegt, warum sollten wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich wie eine Uhr durch Federn und Räder selbst bewegen) ein künstliches Leben besitzen? Denn was ist das Herz anderes als eine Feder, die Nerven anderes als viele Saiten und die Gelenke anderes als viele Räder, die dem ganzen Körper Bewegung verleihen, wie es der Erfinder beabsichtigt hat?" [13]


Die Sache bleibt also unentschieden. Der Franzose Denis Diderot vergleicht das menschliche Denken mit den Schwingungen der Saiten eines Cembalos und folgert konsequent, dass bei dieser Analogie auch die Cembalos lebendig werden könnten:


ZITAT:

Denis Diderot, 1769: "Wenn dieses empfindungsfähige und beseelte Cembalo nun mit der Fähigkeit ausgestattet wäre, sich selbst zu ernähren und zu reproduzieren, würde es leben und entweder allein oder mit seiner weiblichen Partnerin kleine Cembali gebären, die leben und klingen." [14]



Gunter Heim, Autor dieser AnmerkungANMERKUNG:

Bemerkenswert an all diesen Argumentationen finde ich etwas, das doch eigentlich jeden Menschen direkt anrühren sollte, nämlich die starke Ausdrucksfähigkeit vieler Tiere. Wer etwa die Körpersprache und Mimik eines Hundes, einer Katze oder eines Papageien kennt, wird sich schwer tun, sein Tier als bloße Reflexmaschine zu sehen. Waren die mechanistischen Philosophen des 17. bis 20. Jahrhunderts blind und taub auf diesen Kanälen?


Eine sehr enge und konsequente Verbindung von materieller Mechanik und Bewusstsein kann man in zwei Richtungen deuten: Leben ist letzten Endes nur Mechanik (Materie) und man kann es behandeln wie Dinge. Oder, ganz anders: alle Materie, alles Mechanische könnte Ausdruck von Bewusstsei und Leben sein. Letzte Position bezeichnet man auch als Panpsychismus. Der Panpsychismus passt sehr gut auf die Idee eines über erdgeschichtliche Zeiträume hinweg erwachenden oder wachsenden Bewusstsein.


ZITAT:

William James, 1890: "Damit die Evolution reibungslos ablaufen kann, muss Bewusstsein in irgendeiner Form bereits am Ursprung aller Dinge vorhanden gewesen sein. Dementsprechend beginnen fortschrittlichere Evolutionstheoretiker, es dort zu vermuten. Jedes Atom des Nebels, so nehmen sie an, muss ein ursprüngliches Bewusstseinsatom besessen haben; und genau wie die materiellen Atome durch ihre Verdichtung Körper und Gehirne gebildet haben, so haben sich die mentalen Atome durch einen analogen Aggregationsprozess zu jenen größeren Bewusstseinszuständen verschmolzen, die wir in uns selbst kennen und deren Existenz wir auch bei unseren Mitgeschöpfen annehmen." [28]


In Deutschland war es der Biologie Ernst Häckel, der auch den "niedersten" Lebensformen, dem einzelligen Protoplasma, schon erste Regungen von Bewusstsein zugesteht:


ZITAT:

Ernst Häckel, 1899: "In aller lebendigen Materie, in allem Protoplasma müssen wir die ersten Elemente des Seelenlebens annehmen, die einfache Empfindungsform der Lust und Unlust, die einfache Bewegungsform der Anziehung und Abstoßung". [6]


Machen wir nun einen Sprung vorwärts ins 20. Jahrhundert. Die naturwissenschaftliche Strömung des Behaviorismus versucht dem Vorbild der Physik folgenden, allen psychischen Zustände aus ihrem Methodenkatalog zu verbannen. Nur direkt messbare Vorgänge oder Zustände werden zugelassen:


ZITAT:

John B. Watson, 1913 und 1927: "...das Verhalten von Tieren kann untersucht werden, ohne auf das Bewusstsein zurückzugreifen... Die Psychologie, wie sie vom Behaviorismus betrachtet wird, ...kann im psychologischen Sinne auf das Bewusstsein verzichten." [15] Sowie: "Der Behaviorist findet kein Bewusstsein in den Reagenzgläsern seiner Wissenschaft." [16]


Hier muss man vorsichtig deuten: das Zitat lässt offen, ob a) Bewusstsein nur überflüssig für eine Beschreibung des Verhaltens ist, aber tatsächlich doch vorkommt, oder ob b) aus der methodischen Entbehrlichkeit des Bewusstseins (fälschlicherweise) auf sein Nichtvorhandensein geschlossen wird. Eine Analogie macht die Gefahr des Trugschlusses deutlich. Um den Sturz eines Menschen von einem Hausdach physikalisch als freien Fall zu beschreiben, benötigt man keinerlei psychischen Zustände der stürzenden Person. Soll man daraus schließen, dass die Person weder Schrecken, Angst noch Schmerz empfindet? Die Wurzel des Trugschlusses ist daran begründet, dass man Verhalten im Behaviorismus mit äußerem Verhalten gleichsetzt. Ein inneres Verhalten, etwa im Sinne eines kreativen aktiven Denkens oder der bewussten Herbeiführung von Gefühlszuständen in der Meditation würde der Behaviorismus nicht erkennen, solange entsprechende Mensch keine messbaren Anzeichen davon von sich gibt.

Eine krasse der Vorstellung, dass wohl nur ältere Menschen ein Bewusstsein haben könnten, führte bis in die 1980er Jahre dazu, dass man Operationen an Säuglingen nur mit wenig oder gar keiner Narkose durchührte. Einer der Gründe war, dass wohl das Nervensystem zu schwach ausgebildet sei. [17]

Als Fazit kann man festhalten, dass innerhalb der Naturwissenschaften die Frage nach einem Bewusstsein von Tieren oder anderen Erscheinungen der materiellen Welt, etwa Automaten, bis weit ins 20. Jahrhundert mit widersprüchlichen Positionen oft angerissen wurde. Dabei blieb es aber meist mehr bei apodiktischen Behauptungen. Wo eine Position begründet wurde, galt als Beleg meine eine fertige Theorie (Beseelung durch Gott, Leben als Automat etc.). Und auch aufwändigen empirischen Betrachtungen wie denen von einem Ernst Häckel [18], fehlte oft ein tragfähiger philosophischer Unterbau.

21. Jahrhundert


Ab etwa den 2010er Jahren mehren sich wissenschaftlich gut dokumentierte Belege dafür, dass auch kleinste Lebewesen ein Empfinden und ein inneres psychisches Erleben haben könnten:


Damit einher gehen Bemühungen, etwa von Neurowissenschaftlern, das Phänomen des Bewusstsein gut nachvollziehbar messbar im Sinn von empirischen Naturwissenschaften zu machen:


ZITAT:

Stanislas Dehaene, 2011: "Anschließend vergleichen wir die Vorhersagen des globalen neuronalen Arbeitsraums mit experimentellen Studien, die versucht haben, die physiologischen Merkmale der bewussten Sinneswahrnehmung zu beschreiben, indem sie diese mit der unterschwelligen Verarbeitung kontrastierten." [23]


Es lohnt sich, den zitierten Artikel im Original zu lesen. Der Franzose Stanislas Dehaene (geboren 1965) und seine Kollegen haben ausgefeilte Experimente ersonnen, mit denen sie überzeugend Indizien angeben können, welche neuronalen Erregungsmuster mit bewusst empfundenen Erleben bei Menschen einhergehen können. Und solche Erkenntnisse kann man dann dazu nutzen, ähnliche Muster auch anderswo im Reich des Lebendigen zu finden.

Der australische Philosoph Peter Godfrey-Smith (geboren 1965) argumentiert verträglich mit Dehaene mit dem Konzept des NDS (neural dynamics of subjectivty), dass Bewusstsein einhergeht mit bestimmten Kombinationen von Netzwerk-Interaktionen und Aktivitätsmustern in Nervensystemen. [3] Dabei haben sich starke Ähnlichkeiten zwischen so weit voneinander entfernten Tierstämmen wie den Gliederfüßern (z. B. Spinnen, Insekten, Krebse), Kopffüßern (z. B. Oktopusse) und Wirbeltieren ausgebildet. Wichtig ist hier, dass sich diese Ähnlichkeiten ausgebildet haben, nachdem sich die Tierstämme im fernen Zeitalter des Kambriums vor mehr als 500 Millionen in ihrer evolutionären Entwicklung voneinander getrennt hatten. Und diese Ähnlichkeiten [4] verweisen auf genau jene Zustände die Menschen als bewusst empfinden (apparent link to felt experience in humans). Nicht wichtig für das Aufteten von Bewusstsein, so Godfrey-Smith, seien hingegen einzelne anatomische Bauteile der Gehirne. [5]

Die moderne Bewusstseinsforschung an Tieren ähnelt also insofern Häckels Ansatz aus dem 19. Jahrhundert, dass man Ähnlichkeiten in der materiellen Welt als Indiz für ähnliche psychische Zustände sucht. Aber während man im 19. und auch im 20. Jahrhundert weitgehend bei anatomischen Strukturen (Bau des Nervensystems) blieb, ist im frühen 21. Jahrhundert das Muster der elektrischen Erregungen in den Vordergrund getreten.

MERKSATZ:

1.0 Naturwissenschaftliche Betrachtungen zum Bewusstsein über evolutionäre Zeiten hinweg neigen oft zu der Sicht, dass sich Bewusstsein stufenartig aufbauend aus niedersten Stufen (Mind-stuff) bis hin zu höheren Formen (Selbstbewusstsein) entwickelt. Dabei wird meist auch eine enge Kopplung an die Zustände oder Dynamik der angenommenen Materie unterstellt.

Diachron-ontogenetisch


Die Ontogenese ist die zeitliche Entwicklung eines einzelnen Lebewesens über seine Lebensheit hinweg. Die Ontogenese reicht damit von der Befruchtung über die Geburt bis zum Tod. Ein Gradualismus im Bezug auf die Entwicklung eines einzelnen Menschen etwa könnte dann zum Beispiel heißen, dass sich das Bewusstsein langsam von dumpfen Vorformen ausbildet, voll erwacht, und im Alter wieder herabsinkt in einfachere Zustände.


ZITAT:

G. Stanley Hall, 1904: Kinder sind "in ihrem unvollständigen Entwicklungsstand in manchen Aspekten näher an den Tieren als an Erwachsenen." [24]


Biolgenetische Grundregel
Dieses Zitat stammt aus der Zeit, als man die sogenannte biogenetische Grundregel von Ernst Häckel auf verschieden Fachgebiete übertrug. Häckel zufolge zeichnet die Ontogenese als die Entwicklung eines einzelnen Indivdiuums auch Schritte in der Entwicklung der ganzen biologischen Art, der Phylogenese, nach. Der wohl bekannteste Beleg ist die Ausbildung von Kiemen bei menschlichen Embryos. Diese, so Häckel, verweisen auf unsere Herkunft von Fischen im Urmeer. Übertragen auf die Psychologie des Bewusstseins hieße das, dass wir als Embryos, Säuglinge und vielleicht noch als Kinder Bewusstseinszustände haben, die denen unserer stammesgeschichtlichen Vorfahren entsprechen. Diese kann man sich in der Zeit absteigend dann als ähnlich zu Affen, Lemuren, Nagetieren, Amphibien, Fischen, Würmern und in letzter Konsequenz ähnlich zu Gebilden wie Schwämmen vorstellen. Was zumindest vorsichtig in diese Richtung verweist, ist, dass die menschliche Furcht vor Spinnentieren sehr wahrscheinlich genetisch bedingt ist. Sie verweist damit auf eine ferne Zeit, als unsere Vorfahren vor Spinnen mehr Angst haben mussten, als vor vielen anderen Tieren. [25] Das könnte so weit wie bis in die Kreide- oder Jurazeit zurückreichen, als unsere Vorfahren nur so groß waren wie Mäuse, aber jagende Spinnen deutlich größer.

Die Idee, dass unsere psychologische Entwicklung als individuelle Menschen in gewissen Zügen unseren Stammesgeschichte nachzeichnet, wird tatsächlich in der Forschung näher betrachtet:


Doch nicht alle Forschungen zur individuellen Entwicklung von Bewusstsein orientieren sich so eng an unseren stammesgeschichtlichen Vorfahren:


ZITAT:

"In den letzten Jahren haben zahlreiche Studien versucht, die scheinbaren Geheimnisse des Bewusstseins aus naturalistischer Sicht zu ergründen. Viele Autoren konzentrierten sich dabei auf die Erklärung der phylogenetischen Ursprünge des Bewusstseins. Paradoxerweise finden sich Kommentare zur Ontogenese des Bewusstseins kaum. Durch die Verknüpfung von Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie mit einer philosophischen Analyse zielt diese Arbeit darauf ab, diese Forschungslücke zu schließen." [35]


Ältere und aktuelle Forschungen betrachten vor allem die frühe Entwicklung von Säuglingen und jungen Kindern:


Was aber nach meinen bisherigen Recherchern (Stand 2026) fehlt, ist eine Betrachtung der Entwicklung von Bewusststein über das Kindesalter hinaus. Zwar gibt es Betrachtungen zu einzelnen, isolierten Aspekten wie dem Selbstbewusstsein (self-awareness) oder dem Konzept des Handelns (agency). Aber die ganzheitliche Schau auf das Phänomen des Bewusstseins ist damit verloren gegangen.

MERKSATZ:

2.0 Die Entwicklung von Bewusstsein in individuellen Menschen wird oft - aber nicht immer - im Sinne eines Nachlebens unserer stammesgeschichtlichen Vorgeschichte gedeutet. Aber auch wo das nicht der Fall ist, enden solche Betrachtungen meist im Kindesalter.

Persönliche Anmerkung


 Portrait von Gunter Heim Wenn für das bewusste Erleben nicht besondere anatomische Teile wie ein Neokortex oder ein Thalamus wichtig sind, sondern, so Godfrey-Smith, ein zellulärer Aufbau (networked) sowie räumlich übergreifende und diffuse Aktivitätsmuster, dann wäre es naheliegend, auch entsprechende Aktivitätsmuster in technischen Kommunikationsstrukturen oder künstlichen neuronalen Netze in Betracht zu ziehen. Siehe dazu den Artikel zum hypothetischen 👉 Global Brain

Fußnoten



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