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Numen

Naturwissenschaftlich

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Basiswissen


Als numinos bezeichnet man ein intensives, oft körperliches, Gefühl von etwas Göttlichem, Überirdischem oder Jenseitigem. Substantiviert als das Numinose oder Numinosum wurde der Begriff von dem evangelischen Theologen Rudolf Otto in diesem Sinn geprägt und sehr differenziert ausgearbeitet. Wesentlich ist, dass sich die wahrgenommen Eindrücke nicht rational fassen lassen. Die Empfänglichkeit für solche Gefühle kann man unter anderem mit Hilfe von passend inszenierten Experimenten steigern.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Großartige Landschaften aber auch der Zauber von Licht und Intellekt können Gefühle des Numinosen befördern. Den verschiedenen Katalysatoren numinoser Zustände gemeinsam ist vielleicht der Wink, der Fingerzeig auf eine tiefere Wahrheit, die unser Fassungsvermögen übersteigt. © Caspar David Friedrich Joseph Wright of Derby (1734–1797) ☛


Etymologie


Das Wort Numen bezeichnete im antiken Rom ursprünglich ein kurzes Neigen des Kopfes im Sinne einer Andeutung, eines Winks, üblicherweise von Höhergestellten Person gegeben. [2] Man kann sich hier vielleicht ein kurzes Nicken vorstellen, mit dem ein Diener ein Zeichen erhielt, den nächsten Gang beim Essen aufzutischen. Später wurde aus dem Wink der sozial höher gestellten Person das Wirken eines Gottes [3], eine Offenbarung göttlicher "Wundermacht". In diesem Sinn wird das Wort heute, vor allem in der Theologie verwendet.

Das Numinöse


Das Numinöse ist ein zentraler Begriff in Rudolf Ottos Theologie: es beschreibt das gestaltlos Göttliche, das als oft starke Gefühlsregung deutlich wahrgenommen werden kann. Es lässt sich aber begrifflich nicht fassen. Es entzieht sich jeder Festlegung durch Sprache und deutet eine Sphäre des Heiligen, einer überweltlichen Seinsordnung an.

DEFINITION:

Rudolf Otto, 1917: "Ich bilde hierfür zunächst das Wort: das Numinöse, (wenn man von omen ominös bilden kann, dann auch von numen numinös." [4]

Otto sprach vom Numinösen, manche Autoren [9] [11] machten daraus dann auch das Numinose, andere [14] blieben bei Ottos Variante. Für Ottos Variante spricht, dass man aus Omen nicht ominos oder das Ominose sonder ominös und das Ominöse bildet.

Die Idee eines gestaltosen Etwas findet sich auch als Archetyp in der Psychologie von C. G. Jung. Viele Beispiele findet man in Ottos Buch über das Irrationale in der Idee des Göttlichen. [4] Dazu passend ist auch Ottos Interesse an fernöstlichen Religionen. [5] Siehe auch 👉 Rudolf Otto

Otto charakterisiert verschiedene Qualitäten der Wahrnehmung, die sich aber alle in einer Polarität zwischen Schauer (mysterium tremendum) und der Anziehung (mysterium fascinans) einordnen lassen.

Wege zum Numinösen


Menschen, zumindest einem doch recht großen Anteil, scheint eine Empfänglichkeit für Gefühle des Numinösen innezuwohnen. Und wenn dieses Gefühl einmal erkannt wurde, scheinen manche (eher recht viele) Menschen ein Gefallen daran zu haben. So kann man vielleicht einige Eigenarten erklären, die vielen religiösen Riten und Praktiken, der Einrichtung von Museen, Erlebnissen unter dem Einfluss von Drogen und auch Erzählungen gemeinsam sind. Der englische Schriftsteller Aldous Huxley spricht von einer Fähigkeit Menschen in eine andere Welt zu versetzen (transporting power). [6]

Dunkelheit und Licht


Wandert man in Gedanken quer durch alle Länder und Zeiten in denen Menschen dem Gefühl des Religiösen nachgehen wollten, etwa Kirchen, Gebetshäusern, Tempeln aber auch heiligen Orten und derlei mehr, dann fallen hier schon bemerkenswerte Besonderheiten auf. Die Abgeschiedenheit und Stille scheinen wichtig zu sein. Edle Gerüche und besondere Klänge scheinen auch eine Rolle zu spielen. Und die Orte sind selten lichtdurchflutet. Meist werden bunte Lichteffekte oder Kerzen im Dämmerlicht (Kirchen) oder der Dunkelheit (Grotten, Höhlen) eingesetzt. Gesteigert wird der Effekt des Lichtes oft noch durch Glitzern und Farbigkeit.

Gehirnchemie


Der chemische Zustand unseres Gehirns scheint eine weitere förderliche Rolle zur Erlangung numinöser Zustände zu spielen. Huxley vermutet, dass ein gesteigerter CO2-Gehalt im Blut sehr zuträglich ist. Damit erklärt er, dass viele Religionen Riten für langes, monotones und erschöpfendes Singen kennen oder Atemübungen vorschlagen. Aber auch Krankheiten, über die sonst im Körper eher nicht vorhandene Stoffe erzeugt werden, sollen helfen. Die Abkürzung, so Huxley, seien dann viele Drogen, mit denen er in den 1950er Jahren in den USA selbst (unter ärztlicher Kontrolle) experimentierte. [6]

Erzählkunst


Das Schauerliche, das ahnungsvoll-Andersweltliche kommt in verschiedensten Erzählungen quer durch alle Völker und Zeiten vor. Geschicthen von Dämonen [11], ägyptische Zaubermärchen [11], die Anime-Serie "Yōkai Watch" [11], aber auch Klassiker wie Frankenstein, Dracula oder das Düstere Universum eines H. P. Lovecraft leben von einem ständigen Miteinander von Diesseits und Jenseits, von Alltag und Anderwelt. Der schweizer Literaturwissenschaftler Max Lüthi (1909 bis 1991) hat aus europäischen Märchen eine Reihe von Zügen heraus abstrahiert, die er ausdrücklich mit dem "Numinösen" in Verbindung bringt. Das sind zum Beispiel eine gewisse Eindimensionalität, Magisches und Mythisches, das Wunder und eine "potentielle Allverbundenheit". [13]

Wissenschaft


Ein lateinischer Spruch wie Via scientiae ad numen wäre eine prägnante Formel für die Idee, dass die Beschäftigung mit Wissenschaft ein Weg (via) zum Nachspüren des Göttlichen (numen) in der Welt sein könnte.

Verschiedene Naturforscher berichteten davon, dass sie bei einer tiefgehenden Beschäftigung mit ihren Themen etwas spürten, das dem Numinösen Ottos ähnelt. Bezeichnenderweise waren gerade die Mitbegründer der modernen Naturwissenschaften, Isaac Newton und Wilhelm Leibniz auch religiös äußerst interessiert. Ein Beispiel für das Gefühl des Numinösen bei einem Naturwissenschaftler ist James Clerk Maxwell (Elektrodynamik) englisches Gedicht 👉 Recollections of a Dreamland

Das Gefühl für das Geheimnisvolle, das anrührend Schauerhafte lässt sich auch gezeilt provozieren, zumindest im Sinn einer gesteiergerten Empfänglichkeit. Nicht nur im Naturerlebnis, der kirchlichen Liturgie, der Askese oder mit Hilfe von Drogen [6] kann man das Gefühl des Numinösen suchen. In unserer Lernwerkstatt in Aachen [7] haben sich einige Experimente oder Gedankengänge heraus kristallisiert, bei denen Kinder und Jugendliche oft spontan Gefühlsregungen beschrieben, die dem Numinösen sehr nahe kommen. Dazu folgen jetzt einige Beispiele.

Unsichtbare Strahlung


Kinder und Jugendliche zeigen oft ein intensives Gefühl der Verwunderung wenn ihnen bewusst wird, dass die Welt aus einer Fülle unsichtbarer Dinge besteht. Man kann versuchen, das Gefühl etwa darüber zu provozieren, dass man die unsichtbare Wärmestrahlung spürbar macht. Auch die Vorstellung, dass in einem kleinen Raum die Luft so viel wiegt wie ein Mensch kann mitunter das Gefühl des Geheimnisvollen erregen. Wir können das seit der Eröffnung der Mathe-AC Lernwerkstatt in Aachen immer wieder bei jüngeren Menschen beobachten. Und so wie Otto eine Polarität zwischen Schauer (tremendum) und Staunen (fascinans) im Bereich des Religiösen beschrieb, so beobachten auch wir, dass Kinder sowohl mit Schauer (Grusel) als auch Faszination auf die Entdeckung der Welt des Unsichtbaren reagieren können.

Ein geeigneter Versuch von vielen ist es, weißes Granulat von Glaubersalz (in jeder Drogerie erhältlich) mäßig mit Infrarot zu bestrahlen. Dazu eignen sich ganz einfache haushaltsübliche Heizstrahler. Nach einiger Zeit scheint die Körner des Granulats zu schmelzen. Wasser tritt aus und das Granulat verändert sichtbar seine Beschaffenheit. Immer wieder haben Kinder und Jugendliche verwundert und fasziniert darauf reagiert, dass hier wohl irgendwelche unsichtbare Strahlen am Werk sein müssen. Der Versuch ist ausführlich beschrieben im Artikel über die 👉 Dehydratisierung (Glaubersalz)

Gravitation


Zwei Stückchen Masse ziehen sich gegenseitig immer an. Könnte man zwei Steine in 10 Kilometern voneinander mitten im dunklen Weltraum aus dem Nichts entstehen lassen, so würden sie sich nach einer gewissen Zeit aufeinander zu bewegen. Aber woher "wissen" die Steine voneinander? Woher kennen sie die richtige Richtung ihrer geforderten Bewegung? Auch bei diesem Gedanken, genau so vermittelt, stellt sich bei einigen Jugendlichen ein Gefühl intenstiven Staunens ein. Es wäre unpassend, in so einem Moment die verschiedenen Theorien der Gravitation zu diskutieren.

Mysterium Zeit


Spätestens ab einem Alter von etwa 8 bis 10 Jahren können Kinder den Gedanken nachvollziehen, dass das Licht vom Mond (etwas über 1 s), von der Sonne (etwas über 8 min) oder von den Sternen (z. B. 10 Jahre) Zeit benötigt, bis es bei uns auf der Erde eintrifft. Und nicht wenige dieser Kinder folgern daraus spontan, dass man dann ja eigentlich nur die Vergangenheit sieht. Und wiederum ein Teil zeigt daraufhin deutlich Zeichen der Verwunderung, einer Mystifizierung. Sie werden zum Beispiel still und nachdenklich oder sprechen ihre Verwunderung ganz klar aus.

Pythagoras


Von 2010 bis 2010 erlebte ich drei Schüler, die die Gültigkeit geometrischer Gesetze als gruselig beschrieben. Ein Beispiel betraf den Satz des Phytagoras. Hier frage ein Schüler ausdrücklich, woher die Seiten des Dreiecks wissen, wie lang sie sein müssen. Spontan sprach der Schüler die Worte "geheimnisvoll", "gruselig" und "spooky" aus. Noch Wochen später erinnerte er sich an dieses Erlebnis. Richtig in Szene gesetzt, konnte der Satz des Pythagoras auch bei einigen (eher wenigen) anderen Kindern ein ähnliches Erstaunen hervor rufen.

Zauberwürfel


Mit einer gefühlten Zuverlässigkeit von vielleicht 60 % kann man auch mit dem gleichzeitigen Werfen von 200 Würfeln einen sanften Schauereffekt erreichen. Nach den Gesetzen der Statisik müsste etwa ein Sechstel der Würfel eine Sechs zeigen. Toleriert man die üblichen Schwankungen, bleibt doch ein Wundern übrig, woher die Würfel wissen sollen, was sie zu zeigen haben. Siehe auch 👉 200-Würfel-Versuch

Quantenmystik


Die Befunde der Quantenphysik lassen daran zweifeln, ob man jemals überhaupt ernsthaft verstanden hat, aus was die materiell Welt um uns überhaupt bestehen soll. Vielleicht noch besser für Laien der Physik geeignet als das doch nicht ganz einfach zu durchauende Doppelspaltexperiment ist dazu der wahrhaft spukhafte 👉 Ramsauer-Effekt

Persönliche Anmerkung


 Portrait von Gunter Heim Mit meiner Arbeit in der Lernwerkstatt versuche ich, Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Konzentration, Ruhe, Fokussierung und passend gestalteten Experimenten die Möglichkeit zu bieten, selbst das Numinöse erfahren zu können. Inmitten einer lauten und trubeligen Welt, die angetrieben von ständig entzündeten Begierden, Empörungen und unerfüllbaren Sehnsüchten einen herzlosen Konsumapparat gleich am daherfahrenden Panzer am Rattern hält, halte ich in die flüchtigen Erlebnisse des Numinösen für wertvolle Fingerzeige hin zu vielleicht ganz anderen Wirklichkeiten.

Fußnoten


  • [2] "nūmen, inis, n. (= nuimen v. nuo), der durch die Neigung des Hauptes angedeutete Wink, Wille, das Geheiß, bes. eines Gebietenden" In: Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Hannover 1918. Online: http://www.zeno.org/nid/20002520605
  • [3] "Gott, deus (im allg.). – divinum illud (jenes göttliche Wesen, δαιμόνιον, τό). – numen divinum, im Zshg. auch bl. numen (eig. der Wink, der mächtige Wille, die Macht Gottes; dann auch die Gottheit selbst, insofern ste ihre Majestät u. Macht wirksam zeigt)." In: Karl Ernst Georges: Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch. Hannover und Leipzig 71910 (Nachdruck Darmstadt 1999), Sp. 1154-1155. Online: http://www.zeno.org/nid/20001993445
  • [4] Rudolf Otto: Das Heilige: Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Verlag: Trewendet & Granier, erschienen 1917 in Breslau. 2004 neu aufgelegt unter der ISBN: 3-406-51091-4.
  • [5] Rudolf Otto: West-östliche Mystik. Zweite ergänzte Auflage. Leopold Klotz Verlag, Gotha. 1929.
  • [6] Aldous Huxlex: The Doors of Perception. (Die Pforten der Wahrnehmung). 1954.
  • [7] Gemeint ist die Mathe-AC Lernwerkstatt in Aachen, gegründet im Jahr 2010. Dort werden vor allem (aber nicht nur) Experimente aus den Naturwissenschaften und der Psychologie eingesetzt.
  • [8] Thomas Gärtner: Numen. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 25, Hiersemann, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-7772-1318-7, Sp. 1160–1171
  • [9] Dirk Johannsen: Das Numinose als kulturwissenschaftliche Kategorie. Norwegische Sagenwelt in religionswissenschaftlicher Deutung. Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17020518-5
  • [10] Francesca Prescendi: Numen. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 8, Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-01478-9, Sp. 1047–1049.
  • [11] Numinoses Erzählen. Das Andere – das Jenseitige – das Zauberische. Beiträge zur Volkskunde für Sachsen-Anhalt, Band 5. Herausgegeben von Kathrin Pöge-Alder und Harm-Peer Zimmermann. Halle (Saale) 2018.
  • [12] William James: The Varieties Of Religious Experience: A Study In Human Nature. Longmans, Green & Co., New York/London 1902
  • [13] Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. Francke Verlag. Berlin, München. 1947.
  • [14] Janik Phlipsen: Das Heilige heute. Die Relevanz von Rudolf Ottos Religionsphilosophie für die kirchliche Praxis des 21. Jahrhunderts. Bachelor Thesis. Evangelische Hochschule Nürnberg. 2018.

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