Salzwasser-Schmeck-Versuch
Physik
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Grundidee
Ab welchem Salzgehalt können Menschen über eine Geschmacksprobe Salzwasser von Süßwasser unterscheiden? Eine Studie aus Marokko aus dem Jahr 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten Erwachsenen (84 %), Salzwasser ab einer Konzentration von etwa 0,9 Gramm Salz pro Liter erkennen können. Wir stellten den Versuch mit 1,0 Gramm Halit (fast reines NaCl) auf einen Liter und mit 25 Probanden nach. Alle konnten bei einer Blindverkostung eindeutig das leicht salzige Wasser vom reinen Leitungswasser unterscheiden. Da man Salz also bei schon sehr geringen Konzentration gut schmecken könne, empfahlen die Autoren, den Salzgehalt von Nahrungsmitteln (food items) zu senken.
Replikation
Eine Replikation im Sinne einer wissenschaftlichen Arbeitsweise ist die Wiederholung eines Versuches unter möglichst gleichen Bedingungen. Während man bei einer Reproduktion die Daten der ursprünglichen Studie verwendet werden und nur deren Analyse neu durchgeführt wird, führt man bei einer Replikation den gesamten Versuch einschließlich der Messungen neu durch.
Der Aachener Versuch weicht in einigen Details von der Studie aus Marokko ab. Was wir aber replizieren konnten war die Kernaussage der marokkanischen Studie: schon bei sehr geringen Gehalten an Salz (ab 1 g pro Liter), können Probanden sehr deutlich einen Unterschied im Geschmack gegenüber reinem Leitungswasser erkennen.
Die Lösung
Versuchsleitung: Oona Riihijärvi
Für die Herstellung der Salzlösung haben wir festes Schmucksalzsteine aus dem Mineralienhandel verwendet. Das gekaufte Salz besteht im wesentlichen aus NaCl, also Natriumchlorid. [2] Mit einer feinen Säge und einen elektronischen Laborwaage haben wir dann bis auf die zweite Nachkommastelle genau 1 Gramm Salz abgewogen. In einem großen gläsernen Messbecher [3] wurde das abgewogene Salz dann mit einem Liter warmen Leitungswasser übergossen. Der Füllstand wurde mit einem schwarzen Permanentschreibe am Glas markiert. Ein Rührfisch hielt die Flüssigkeit dann gut 30 Minuten in Bewegung. Anschließend stand die Flüssigkeit mit einem Deckel als Verdunstungsschutz eine Woche lang in einem Regal bei Zimmertemperatur. Man kann davon ausgehen, dass das gesamte Salz in Lösung übergangen ist.
Wie salzig Wasser ist, kann man auf sehe viele verschiedene Weisen angeben. Das Fachwort für die Salzigkeit ist Salinität. Ein Gramm NaCl auf einen Liter Wasser gibt eine Salinität von 1 g/l. Da ein Liter Wasser auch in etwa 1000 Gramm wiegt, kann man die Salinität (Salzigkeit) der Lösung auch als 1 Gramm Salz pro 1000 Gramm Wasser oder als 1/1000, als 1 ‰ (Promille) angeben oder als 0,1 % angeben.
In wissenschaftlichen Arbeiten wird die Salinität oft in Mol pro Liter angegeben. [1] In der marokkanischen Studie lag der kritische Salzgehalt der Lösung bei 15 mmol/l, also bei 15 Millimol pro Liter. Rechnen wir nach, ob wir mit einem Gramm NaCl pro Liter auf etwa diesen Wert der Studie kommen. Ein Mol ist eine Anzahl, und zwar von rund 6 mal 10 hoch 23 Teilchen. Das sind 600 Trilliarden Teilchen. Aus einer Tabelle [4] kann man entehmen, dass ein Mol NaCl rund 58 Gramm wiegen. Der Kehrwert, also 1/58 gibt dann die Anzahl von Mol pro Gramm. Als Dezimalzahl ist 1/58 rund 0,0172. Also wäre 1 Gramm Salz pro Liter rund 0,0172 Mol pro Liter oder 17,2 oder grob etwa 17 Millimol pro Liter, kurz 17 mmol/l. Die Studie aus Marokko gab 15 mmol/l an. Damit liegen wir mit einem Gramm Salz pro Liter Lösung sehr nahe an dem Ergebnis der Studie.
In offiziellen Definitionen gilt Wasser mit weniger als 0,1 % oder 1 ‰ als Süßwasser. Aber 0,1 bis 1,0 % oder zwischen 1 bis 10 ‰ als Brackwasser. Enthält das Wasser mehr als 1,0 % oder 10 ‰ Salz, ist es offiziell 👉 Salzwasser
Unsere Lösung befindet sich damit genau an der Grenze zwischen Süßwasser und sogenanntem Brackwasser. Es ist also streng gesehen kein Salzwasser. Wir bezeichnen es in dem Versuch hier dennoch als Salzwasser. Wir meinen damit aber nur das im Vergleich zum Leitungswasser etwa salzigere Wasser.
Vorbereitung
Wir haben den Versuch über gut eine Woche hinweg mit derselben angesetzen Salzlösung mit verschiedenen Probanden durchgeführt. Die Salzlösung hat daher die Raumtemperatur angenommen. Wurde das Leitungswasser frisch aus der Leitung entnommen, hatte es a) eine oft andere als die Raumtemperatur und b) zeigten sich Bläschen an der Innenwand der Schnapsgläser. Verschiedene Probanden deuten dies als Hinweis auf das Salz- oder Süßwasser. Um beide Wässer bis auf den Salzgehalt ununterscheidbar zu machen, ist es daher sinnvoll, auch das Leitungswasser in einer Flasche abzufüllen. Es sollte dann zeitgleich und in einem gleichartigen Gefäß mit der Salzlösung im Raum stehen.
Durchführung
Je eine Person bekommt zwei Schnapsgläser aus Kunststoff angeboten. Es wird erklärt, dass in eine Glas reines Leitungswasser ist, im anderen Glas schwach salziges Wasser. Die Person soll durch eine reine Geschmackprobe erkennen, was was ist. Es werden das Datum, Alter, Geschlecht und das Ergebnis (richtig oder falsch) notiert.
Rohdaten
- 09. Jan. 2026, männlich etwa 14 Jahre: ✓
- 09. Jan. 2026, weiblich etwa 15 Jahre: ✓
- 09. Jan. 2026, männlich etwa 14 Jahre: ✓
- 09. Jan. 2026, männlich etwa 14 Jahre: ✓
- 09. Jan. 2026, männlich etwa 09 Jahre: ✓
- 12. Jan. 2026, männlich etwa 15 Jahre: ✓
- 12. Jan. 2026, männlich etwa 16 Jahre: ✓
- 12. Jan. 2026, männlich etwa 17 Jahre: ✓
- 12. Jan. 2026, weiblich etwa 11 Jahre: ✓
- 12. Jan. 2026, weiblich etwa 44 Jahre: ✓
- 13. Jan. 2026, männlich etwa 14 Jahre: ✓
- 13. Jan. 2026, männlich etwa 18 Jahre: ✓
- 09. Jan. 2026, männlich etwa 14 Jahre: ✓
- 12. Jan. 2026, männlich etwa 13 Jahre: ✓
- 13. Jan. 2026, männlich etwa 15 Jahre: ✓
- 13. Jan. 2026, männlich etwa 18 Jahre: ✓
- 14. Jan. 2026, männlich etwa 16 Jahre: ✓
- 14. Jan. 2026, männlich etwa 18 Jahre: ✓
- 14. Jan. 2026, männlich etwa 16 Jahre: ✓
- 14. Jan. 2026, weiblich etwa 15 Jahre: ✓
- 15. Jan. 2026, weiblich etwa 15 Jahre: ✓
- 15. Jan. 2026, männlich etwa 59 Jahre: ✓
- 15. Jan. 2026, weiblich etwa 58 Jahre: ✓
- 15. Jan. 2026, weiblich etwa 15 Jahre: ✓
- 15. Jan. 2026, männlich etwa 15 Jahre: ✓
- 15. Jan. 2026, weiblich etwa 17 Jahre: ✓
Ergebnisse
Bis zum 15. Januar 2026 haben alle Probanden das leicht salzige Wasser eindeutig vom reinen ungesalzenen Leitungswasser unterscheiden können. Das salzige Wasser bestand aus 1 Lite Leitungswasser mit einem Gramm Halit. Das Süßwasser war das reine Leitungswasser.
Alle 26 Probanden erkannten eindeutig das leicht gesalzene Wasser als solches.
Zwei Probandinnen vom 15. Januar 2026 bemerkten unabhängig voneinander, dass das reine Leitungswasser "süß" schmecke. Zwei Probanden bezeichneten den Geschmack des Salzwassers als "anders" aber nicht als salzig.
Diskussion
In der marokkanischen Studie aus dem Jahr 2020 [1] lag der Schwellenwert für die sichere Erkennung von Salz- gegnenüber Süßwasser bei etwa 0,9 Gramm pro Liter. Während die Studie aus Marokko nur mit Erwachsenen durchgeführt wurde, waren die 26 Probanden bei unserer Nachstellung überwiegend Kinder und Jugendliche. Während die Trefferrate für die Erkennung in der ursprünglichen Studie mit 85 % angegeben wurde, waren es in unserem Aachener Versuch 100 %. In der Studie in Marokko erkannten Frauen den Salzgeschmack signifikant schlechter als Männer. Einen Einfluss des BMI oder des Alters konnten die Autoren der marokkanischen Studie nicht festellen. Und wurde für die Studie aus Marokko sehr wahrscheinlich reines Kochsalz NaCl verwendet, hatten wir die Lösung mit Halit (Steinsalz) angesetzt. Das Halit kann neben NaCl auch andere Salze (z. B. Kainit, Sylvinit) oder auch Tone oder sonstige Verunreinigungen enthalten. Und in der marokkanischen Studie wurde als Solvent destilliertes Wasser verwendet, während wir Leitungswasser aus dem Aachener Wassernetz verwendeten.
Die Aachener Ergebnisse sind also nicht ganz ohne Einschränkungen mit denen aus Marokko zu vergleichen. Insbesondere deutet die hohe Trefferrate von 100 % darauf hin, dass die Salinität unserer Lösung möglicherweise deutlich oberhalb des Schwellenwertes lag. Um die Ergebnisse noch besser vergleichbar zu machen, müssten wir den Versuch noch einmal mit 0,9 Gramm auf einen Liter und mit reinem Kochsalz NaCl als Solvat durchführen.
Ein Ratschlag für weitere Replikation ist es, Gefäße mit Eigengeruch zu vermeiden (kein Polyethylen). Geschmacksneutral ist Glas. Auch sollten die zwei unterschiedlichen Wässer gemeinsam in möglichst identische Gefäße abgefüllt werden und synchron abstehen.
Als Kuriosität interessant ist die Bemerkung von zwei Probandinnen, dass das reine Leitungswasser "süß" schmecke. Ist vielleicht der Eindruck eines leicht süßlichen Geschmacks von sehr salzarmen Wasser im direkten Vergleich zu erkennbar salzigem Wasser der Ursprung für das das Wort Süßwasser? Es ist ja schon verwunderlich, dass man salzfreies Wasser als süß bezeichnet, obwohl es ja keinen Zucker enthält.
Fazit
Die ursprüngliche Aussage der Studie aus Marokko von 2020 konnte in einem ähnlichen Versuch in Aachen im Jahr 2026 bestätigt werden: schon bei einer Zugabe von nur etwa 1 Gramm Salz auf einen Liter Wasser schmecken die meisten Menschen das Salz heraus. Betrachtet man ein Zuviel an Salz als ungesund, könnte man den Salzgehalt in Lebensmitteln vielleicht deutlich senken, ohne dass das gewünschte Geschmackserlebnis gänzlich verloren geht.
Fußnoten
- [1] Zur Schmeckbarkeit des Salzes in Wasser wurde eine Studie mit 201 Erwachsenen aus Marokko durchgeführt und im Jahr 2020 veröffentlicht: "A total of 11 prepared solutions of sodium chloride at different concentrations ranging from 0–500 mmol/L were used. […] 84% of the total population recognized the salt taste at the concentration of 15 mmol/L." Der Wert von 15 mmol/L entspricht einer Salinität von 0,88 g/L (oder 0,88 Promille) und liegt damit knapp oberhalb des Wertes für die Ostsee. In: El-Kassimi, Chaima, Saïd Boujraf, Mohammed El-Hattaoui und Abdellatif Bour. 2020. „The Threshold of Salt Taste Recognition Among a Sample of Moroccan Population“. Progress in Nutrition 22 (4): e2020054.
- [2] Verwendet wurde Halit, also Steinsalz, aus dem pakistanischen Bergwerk Kherwar. Das Salz wurde in der erdgeschichtlich fernen Zeit des Kambriums in einem verdunstenden Meer abgelagert. Es ist etwa 500 Millionen Jahre alt. Nach verschiedenen Quellenangaben soll dieses als Schmucksteinsalz verkauftes Salz weit überwiegend aus NaCl bestehen. Andere Salzarten wie Sylvinit oder Kainit können als Beimenung im Schumckstein zumindest in größeren Mengen ausgeschlossen werden. Diese zwei Salzminerale sind stark hygroskop und würden den Schmuckstein schnell mit Hilfe von gebundendem Wasser aus der Luft feucht machen. Siehe auch im Artikel zum 👉 Halit
- [3] In einem ersten Pilotversuch im Dezember 2025 hatten wir die Salzwasserlösung in eine Laborflasche aus Polyethylen abgefüllt. Der Kunststoff oder sein Weichmacher verbreitet jedoch einen starken Geruch, der möglicherweise das Messergebnis verfälschen könnte. Zwei Erwachsene hatten das in der Flasche abgefüllte Wasser an diesem typischen Laborflaschen-Geschmack erkannt, ohne dass sie dabei den Salzgehalt selbst wahrgenommen hätten. Zur Herstellung und Anfertigung des Salzwassers sollte also besser ein geruchs- und geschmacksneutraler Glasbehälter verwendet werden. Wir entschieden uns für einen großen 👉 Messbecher
- [4] Wie viel Mol als Teilchenanzahl ein Gramm NaCl enthält steht in der Tabelle 👉 molare Massen
- [5] Auf englisch wird die Grenze von Süß- zu Brackwasser (brackish water) genau bei unserem untersuchten Gehalt von 1 g/l (1000 mg/l) definiert: "The concentration of total dissolved solids in brackish water can vary from 1 000 mg/l to 10 000 mg/l. Brackish water is less saline than sea water (1000 to 10000 mg/l of TDS for brackish vs up to 35 000 mg/l for sea water)." Die Definition stammt aus der ISO 6107:2021 (water quality). Siehe auch 👉 Salzwasser
- [6] Die STAWAG als Versorger gibt für das Trinkwasser Aachens im Jahr 2024 an: "Wasserhärte als Calciumcarbonat mmol/l - 0,5 - 1,5", zum Geschmack aller Härtegrade ist angegeben "ohne", die "elektrische Leitfähigkeit" in "µS/cm" gehe von "180 bis 600", Chloridwerte in mg/Liter liegen zwischen "10 bis 40", Kalium zwischen "1 bis 2", Magnesium zwischen "2 bis 14", Natrium zwischen "10 bis 20" und Sulfat zwischen "20 bis 60". Die Salzkomponenten Natrium und Chlorid liegen mit einer Summe von maximal 60 Milligram pro Liter weit unterhalb unserer Zugabe von 1000 Milligramm auf einen Liter und dürften einen höchstens sehr geringen Einfluss haben. Quelle: Trinkwasseranalyse der RegioNetz, einem Unternehmen der STAWAG. Wahrscheinlich für das Jahr 2024.