Phänomen
Erscheinung
© 2016
- 2026
Definition|
Das doppelte Problem mit den Phänomenen|
I Gibt es eine Welt hinter den Phänomenen?|
II Können wir die Dinge an sich erkennen?|
Unwichtig: Epiphänomen|
Unerklärliche Phänomene|
Fußnoten
Definition
Das Wort Phänomen stand ursprünglich für Erscheinungen der Atmosphäre. [1] In der Alltagssprache wird es schon lange auch im Sinn eines erstaunlichen oder überraschenden Effektes benutzt. [2]. Es hat hat sich später als philosophischer Begriff weiter entwickelt. [7] Dabei wird das Phänomen einerseits unterschieden von den gedanklich gemachten Begriffen, den Noumen [11] sowie auch vom Ding-an-sich als Objekte der Außenwelt. [13] In der Didaktik unterscheidet man eine Vorstellung von Phänomen als Ausdruck einer dahinter liegenden Wirklichkeit, verbunden mit Ideen von Staunen und Täuschung [14] einerseits sowie die Vorstellung, dass das Phänomen als psychisches Erleben in sich das Wesentliche ist. [15]
Das doppelte Problem mit den Phänomenen
Wer in Lexika zur Philosophie unter Stichworten wie Phänomen oder Phänomenologie sucht, wird eine große Anzahl von oft langen Artikeln dazu finden. Schnell macht sich beim Lesen der Eindruck stark, dass Philosophen und Erkenntnistheoretiker mit der Idee des Phänomens gleichzeitig auch schwierige Fragen verbinden. Viele dieser Fragen lassen sich grob zwei großen Problemkreisen zuordnen.
I Gibt es eine Welt hinter den Phänomenen?
Blickt man auf einen Regenbogen, so kann sich die Frage aufdrängen, wie dieser überhaupt zustande kommt. In populärwissenschaftlichen Büchern geht die Erklärung oft in die Richtung, dass sich das Licht der Sonne an kleinen Wassertropfen breche. Wer tiefer in das Thema einsteigt wird bald auf die Wellentheorie des Lichts stoßen. Dort ist dann die Rede elektromagnetischen Schwingungen und Wellen, von elektrischen und magnetischen Feldern, die in engster Verbindung mit den kleinsten Teilchen des Lichts, den Photonen stehen sollen.
Solche Erklärungen nehmen an, dass es eine für uns nicht direkt wahrnehmbare Wirklichkeit hinter den Phänomen gibt. Es ist das Spiel von physikalischen Feldern, von Photonen und Molekülen, die letztendlich das Phänomen des Regenbogens ergeben. Schnell schleicht sich in die Sprache ein, dass man von diesen Dingen als etwas redet, das ganz selbstverständlich und unhinterfragt real existiert. Auf kaum jemanden dürften Sätze wie die folgenden befremdlich oder vorschnell wirken.
Was soll an den Sätzen links unten falsch sein?
- Der Lichtstrahl des Lasers traf sie genau ins Auge.
- Das Feuer setzte große Mengen an Energie frei.
- Die Erde ist von einem Gravitationsfeld umgeben.
- Das Molekül Wasserstoff diffundiert durch die Rohrwand.
Wer bei solchen Sätzen nicht stockt, nimmt wahrscheinlich als mehr oder minder gegeben hin, dass es Lichtstrahlen, Energie, Gravitationsfelder und Wasserstoffmoleküle wirklich gibt. Ohne sich selbst großartig über philosophische Begriffe wie a priori, Modellvorstellung oder Außenwelthypothese Gedanken gemacht zu haben, legt uns die Allgegenwärtigkeit von solche Wendungen nahe, dass da wohl schon etwas in derart der erwähnten Dinge sein müsste. Damit aber begibt man sich in eine Denkweise, die mit Theorien über die direkt sicheren Phänomene hinausgeht. Und das kann ein Problem sei. Denn wenn man die vermuteten Dinge hinter den Phänomen ernst nimmt, gerät man oft in enorme Schwierigkeiten.
Äthertheorie! Im gesamten 19. Jahrhundert suchte man einem Stoff, den man Äther nannte. So wie Wasser der Träger oder das Medium von Wasserwellen ist, so sollte der schwingende Äther das Medium der Lichtwellen sein. Man gab dem Äther physikalische Eigenschaften wie eine Elastizität und stellte Formeln auf, um ihm näher auf die Spur zu kommen. Das berühmte Experiment von Michelson und Morley sollte zeigen, dass sich der Äther im Weltraum (Licht wandert durch Vakuum
Wenn nun die Annahme einer Welt hinter den Phänomen zu großen Problemen führt, kann man im Umkehrschluss die Annahme erwägen, dass es eine solche Welt vielleicht überhaupt nicht gibt. Das was wir in unserem Bewusstsein wahrnehmen, die Phänomene die möglichst nahe an unseren Sinneserlebnissen sind, wären dann die eigentliche und vielleicht einzige Wirklichkeit. Die Position ist weder neu noch selten. Ein bekannter Vertreter ist Ire George Berkeley (1685 bis 1753). Er schrieb:
ZITAT:
George Berkeley, 1710: "Es ist in der Tat eine seltsam vorherrschende Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, kurz alle wahrnehmbaren Dinge eine natürliche oder reale Existenz abseits von der bloßen Wahrnehmung durch die Vernunft haben sollten. Doch ganz gleich mit welch großer Sicherheit und Anerkennung dieses Prinzip in der Welt auch gehandhabt wird: wer es anzweifeln wolle, wird darin wohl einen Widerspruch erkennen. Denn was sind die oben erwähnten Gegenstände anderes als die Dinge aus unserer Wahrnehmung, und was abseits unserer Ideen und Sinneseindrücke nehmen wir überhaupt wahr? Und ist es nicht offensichtlich widersinnig, dass irgendetwas davon alleine oder zusammengefügt ohne Wahrnehmung existieren sollte?"
George Berkeley, 1710: "Es ist in der Tat eine seltsam vorherrschende Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, kurz alle wahrnehmbaren Dinge eine natürliche oder reale Existenz abseits von der bloßen Wahrnehmung durch die Vernunft haben sollten. Doch ganz gleich mit welch großer Sicherheit und Anerkennung dieses Prinzip in der Welt auch gehandhabt wird: wer es anzweifeln wolle, wird darin wohl einen Widerspruch erkennen. Denn was sind die oben erwähnten Gegenstände anderes als die Dinge aus unserer Wahrnehmung, und was abseits unserer Ideen und Sinneseindrücke nehmen wir überhaupt wahr? Und ist es nicht offensichtlich widersinnig, dass irgendetwas davon alleine oder zusammengefügt ohne Wahrnehmung existieren sollte?"
Weitere Vertreter dieser Skepsis an der Existenz einer Welt hinter der Phänomenen oder außerhalb von unserem Bewusstsein waren etwa auch Johann Wolfgang von Goethe sowie der berühmte österreichische Physiker Ernst Mach. Die Idee, dass es jenseits der von uns im Bewusstsein wahrgenommenen Phänomene keine weitere Welt mehr geben könnte, wird weiter diskutiert im Artikel über die 👉 Außenwelthypothese
II Können wir die Dinge an sich erkennen?
Die Abschnitte oben sollten andeuten, dass es zumindest zu Problemen führen kann, Dinge hinter den Phänomenen als tiefere Ursache anzunehmen. Dass es da Grenzen der Erkenntnis geben könnte war Philosophen spätestens seit Platons berühmten Höhlengleichnis aus dem 4. Jahrhundert vor Christus bewusst.
Im 18. Jahrhundert war es dann Immanuel Kant, der für das naturwissenschaftliche Denken seiner Zeit die Grenzen noch einmal neu absteckte. Berühmt ist heute sein "Ding an sich"
ZITAT:
Immanuel Kant: "Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwohl unmöglich ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem letzteren Falle in der transscendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein: was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann." [20] Siehe dazu mehr im Artikel zum 👉 Ding an sich
Immanuel Kant: "Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwohl unmöglich ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem letzteren Falle in der transscendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein: was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann." [20] Siehe dazu mehr im Artikel zum 👉 Ding an sich
Und die Probleme wurden mit der Zeit ganz sicher nicht weniger und kleiner. Im 21. Jahrhundert sind es etwa die Dunkle Materie und die Dunkle Energie, die für genau solche Probleme stehen. Aber nur weil die angenommenen Dinge zu Problemen führen muss nicht gleich heißen, dass sie dann auch nicht existieren. Eine etwas vorsichtigere Herangehensweise wäre es, statt einer Nicht-Existenz bloß eine Nicht-Erkennbarkeit anzunehmen. Auch dieser Weg wurde von Physikern und anderen Naturwissenschaftlern gegangen.
Elektronenbahn
Kopenhagener Deutung
ZITAT:
Max Born, 1926: "Schrödingers Quantenmechanik liefert daher eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Wirkung des Stoßes; es gibt jedoch keine kausale Beschreibung. Man erhält keine Antwort auf die Frage ‚Wie ist der Zustand nach dem Stoß?‘, sondern nur auf die Frage ‚Wie wahrscheinlich ist ein bestimmtes Ergebnis des Stoßes?‘" Und: "Es gibt keine Größe, die in einem einzelnen Fall die Folge des Stoßes kausal festlegt." [18]
Max Born, 1926: "Schrödingers Quantenmechanik liefert daher eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Wirkung des Stoßes; es gibt jedoch keine kausale Beschreibung. Man erhält keine Antwort auf die Frage ‚Wie ist der Zustand nach dem Stoß?‘, sondern nur auf die Frage ‚Wie wahrscheinlich ist ein bestimmtes Ergebnis des Stoßes?‘" Und: "Es gibt keine Größe, die in einem einzelnen Fall die Folge des Stoßes kausal festlegt." [18]
Wesentlich ist die Wendung "Zustand nach dem Stoß". Mit Zustand ist gemeint, wie die Teilchen wirklich sind, etwa wo im Raum sie sich befinden oder wie schnell sie sich bewegen. An diese Erkenntnis, so Born, sei nicht heranzukommen. Und genau das charakterisiert das Wesen der sogenannten Kopenhagener Deutung der Quantenphysik im Sinne von Werner Heisenberg. Es gibt Grenzen für unser Erkenntnisvermögen.
ZITAT:
Gerhard Grössing, 2005: "Sie [die Kopenhagener Deutung] ist nicht daran interessiert zu ergründen, was »hinter« den derzeit bekannten (und im reinen »Teilchen«-Bild unverstandenen wie unverstehbaren) Quanteneffekten liegt, sondern begnügt sich mit dem Formalismus der Quantentheorie, der allein ausreicht, um die unzähligen technologischen Verwertungserfolge stets weiter voranzutreiben." [17]
Gerhard Grössing, 2005: "Sie [die Kopenhagener Deutung] ist nicht daran interessiert zu ergründen, was »hinter« den derzeit bekannten (und im reinen »Teilchen«-Bild unverstandenen wie unverstehbaren) Quanteneffekten liegt, sondern begnügt sich mit dem Formalismus der Quantentheorie, der allein ausreicht, um die unzähligen technologischen Verwertungserfolge stets weiter voranzutreiben." [17]
Und auch Physiker, die im 21. Jahrhundert wirkten, sahen es so. Ein philosophisch sehr wacher Physiker ist etwa der Nobelpreisträger Anton Zeilinger aus Österreich. Er schrieb 1997:
ZITAT:
Anton Zeilinger (1997): "Es ist hier jedoch sicher am besten, ebenfalls wieder die Aussage der Kopenhagener Interpretation [ …], nämlich die, daß wir es in der Naturwissenschaft zu tun haben mit Aussagen über beobachtete Phänomene, und daß es für die Verstehbarkeit der Welt in der Quantenphysik Grenzen gibt." [19]
Anton Zeilinger (1997): "Es ist hier jedoch sicher am besten, ebenfalls wieder die Aussage der Kopenhagener Interpretation [ …], nämlich die, daß wir es in der Naturwissenschaft zu tun haben mit Aussagen über beobachtete Phänomene, und daß es für die Verstehbarkeit der Welt in der Quantenphysik Grenzen gibt." [19]
Es ist interessant, wie oft das Wort Phänomen von anerkannten Physiker verwendet wird, um die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit zu markieren.