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Das Banner der Rhetos-Website: zwei griechische Denker betrachten ein physikalisches Universum um sie herum.

Phänomen

Erscheinung

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Definition


Das Wort Phänomen stand ursprünglich für Erscheinungen der Atmosphäre. [1] In der Alltagssprache wird es schon lange auch im Sinn eines erstaunlichen oder überraschenden Effektes benutzt. [2]. Es hat hat sich später als philosophischer Begriff weiter entwickelt. [7] Dabei wird das Phänomen einerseits unterschieden von den gedanklich gemachten Begriffen, den Noumen [11] sowie auch vom Ding-an-sich als Objekte der Außenwelt. [13] In der Didaktik unterscheidet man eine Vorstellung von Phänomen als Ausdruck einer dahinter liegenden Wirklichkeit, verbunden mit Ideen von Staunen und Täuschung [14] einerseits sowie die Vorstellung, dass das Phänomen als psychisches Erleben in sich das Wesentliche ist. [15]



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Einen Regenbogen oder die Wellen des Meeres kann man direkt mit den Sinnesorganen wahrnehmen. Man bezeichnet sie als Phänomene. Mögliche Objekte die unsichtbar für uns diese Phänomene als tiefere Wirklichkeit erzeugen bleiben dabei theoretisch und unbewiesen. Sie gehören nicht mit zu den Phänomenen. Ob es so etwas wie die Wellenpakete der Physiker, Pilotwellen, Lichtstrahlen oder submikroskopisch kleine Moleküle wirklich gibt, lassen strenge Phänomenologen offen. Diese Vorsicht mag wie eine überspannte Spitzfindigkeit anmuten. Sie ist in den Naturwissenschaften aber überraschend verbreitet. © Gunter Heim/KI ☛


Das doppelte Problem mit den Phänomenen


Wer in Lexika zur Philosophie unter Stichworten wie Phänomen oder Phänomenologie sucht, wird eine große Anzahl von oft langen Artikeln dazu finden. Schnell macht sich beim Lesen der Eindruck stark, dass Philosophen und Erkenntnistheoretiker mit der Idee des Phänomens gleichzeitig auch schwierige Fragen verbinden. Viele dieser Fragen lassen sich grob zwei großen Problemkreisen zuordnen.

I Gibt es eine Welt hinter den Phänomenen?


Blickt man auf einen Regenbogen, so kann sich die Frage aufdrängen, wie dieser überhaupt zustande kommt. In populärwissenschaftlichen Büchern geht die Erklärung oft in die Richtung, dass sich das Licht der Sonne an kleinen Wassertropfen breche. Wer tiefer in das Thema einsteigt wird bald auf die Wellentheorie des Lichts stoßen. Dort ist dann die Rede elektromagnetischen Schwingungen und Wellen, von elektrischen und magnetischen Feldern, die in engster Verbindung mit den kleinsten Teilchen des Lichts, den Photonen stehen sollen.

Solche Erklärungen nehmen an, dass es eine für uns nicht direkt wahrnehmbare Wirklichkeit hinter den Phänomen gibt. Es ist das Spiel von physikalischen Feldern, von Photonen und Molekülen, die letztendlich das Phänomen des Regenbogens ergeben. Schnell schleicht sich in die Sprache ein, dass man von diesen Dingen als etwas redet, das ganz selbstverständlich und unhinterfragt real existiert. Auf kaum jemanden dürften Sätze wie die folgenden befremdlich oder vorschnell wirken.

Was soll an den Sätzen links unten falsch sein?


  • Der Lichtstrahl des Lasers traf sie genau ins Auge.
  • Das Feuer setzte große Mengen an Energie frei.
  • Die Erde ist von einem Gravitationsfeld umgeben.
  • Das Molekül Wasserstoff diffundiert durch die Rohrwand.

Wer bei solchen Sätzen nicht stockt, nimmt wahrscheinlich als mehr oder minder gegeben hin, dass es Lichtstrahlen, Energie, Gravitationsfelder und Wasserstoffmoleküle wirklich gibt. Ohne sich selbst großartig über philosophische Begriffe wie a priori, Modellvorstellung oder Außenwelthypothese Gedanken gemacht zu haben, legt uns die Allgegenwärtigkeit von solche Wendungen nahe, dass da wohl schon etwas in derart der erwähnten Dinge sein müsste. Damit aber begibt man sich in eine Denkweise, die mit Theorien über die direkt sicheren Phänomene hinausgeht. Und das kann ein Problem sei. Denn wenn man die vermuteten Dinge hinter den Phänomen ernst nimmt, gerät man oft in enorme Schwierigkeiten.

Äthertheorie! Im gesamten 19. Jahrhundert suchte man einem Stoff, den man Äther nannte. So wie Wasser der Träger oder das Medium von Wasserwellen ist, so sollte der schwingende Äther das Medium der Lichtwellen sein. Man gab dem Äther physikalische Eigenschaften wie eine Elastizität und stellte Formeln auf, um ihm näher auf die Spur zu kommen. Das berühmte Experiment von Michelson und Morley sollte zeigen, dass sich der Äther im Weltraum (Licht wandert durch Vakuum
) relativ zur Erde bewegt. Doch je detaillierter und realistischer man den Äther modellierte, desto größer wurden die Probleme. Heute haben die meisten Physiker den Äther als Wirklichkeit hinter dem Phänomen Licht aufgegeben. Aber was dann bei den ständig zitierten Wellen des Lichts schwingt können sie auch nicht sagen. Dieses Problem ist ausführlich beschrieben im Artikel zum 👉 Lichtäther

Wenn nun die Annahme einer Welt hinter den Phänomen zu großen Problemen führt, kann man im Umkehrschluss die Annahme erwägen, dass es eine solche Welt vielleicht überhaupt nicht gibt. Das was wir in unserem Bewusstsein wahrnehmen, die Phänomene die möglichst nahe an unseren Sinneserlebnissen sind, wären dann die eigentliche und vielleicht einzige Wirklichkeit. Die Position ist weder neu noch selten. Ein bekannter Vertreter ist Ire George Berkeley (1685 bis 1753). Er schrieb:


ZITAT:

George Berkeley, 1710: "Es ist in der Tat eine seltsam vorherrschende Meinung, dass Häuser, Berge, Flüsse, kurz alle wahrnehmbaren Dinge eine natürliche oder reale Existenz abseits von der bloßen Wahrnehmung durch die Vernunft haben sollten. Doch ganz gleich mit welch großer Sicherheit und Anerkennung dieses Prinzip in der Welt auch gehandhabt wird: wer es anzweifeln wolle, wird darin wohl einen Widerspruch erkennen. Denn was sind die oben erwähnten Gegenstände anderes als die Dinge aus unserer Wahrnehmung, und was abseits unserer Ideen und Sinneseindrücke nehmen wir überhaupt wahr? Und ist es nicht offensichtlich widersinnig, dass irgendetwas davon alleine oder zusammengefügt ohne Wahrnehmung existieren sollte?"


Weitere Vertreter dieser Skepsis an der Existenz einer Welt hinter der Phänomenen oder außerhalb von unserem Bewusstsein waren etwa auch Johann Wolfgang von Goethe sowie der berühmte österreichische Physiker Ernst Mach. Die Idee, dass es jenseits der von uns im Bewusstsein wahrgenommenen Phänomene keine weitere Welt mehr geben könnte, wird weiter diskutiert im Artikel über die 👉 Außenwelthypothese

II Können wir die Dinge an sich erkennen?


Die Abschnitte oben sollten andeuten, dass es zumindest zu Problemen führen kann, Dinge hinter den Phänomenen als tiefere Ursache anzunehmen. Dass es da Grenzen der Erkenntnis geben könnte war Philosophen spätestens seit Platons berühmten Höhlengleichnis aus dem 4. Jahrhundert vor Christus bewusst.

Im 18. Jahrhundert war es dann Immanuel Kant, der für das naturwissenschaftliche Denken seiner Zeit die Grenzen noch einmal neu absteckte. Berühmt ist heute sein "Ding an sich"


ZITAT:

Immanuel Kant: "Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwohl unmöglich ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem letzteren Falle in der transscendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein: was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann." [20] Siehe dazu mehr im Artikel zum 👉 Ding an sich


Und die Probleme wurden mit der Zeit ganz sicher nicht weniger und kleiner. Im 21. Jahrhundert sind es etwa die Dunkle Materie und die Dunkle Energie, die für genau solche Probleme stehen. Aber nur weil die angenommenen Dinge zu Problemen führen muss nicht gleich heißen, dass sie dann auch nicht existieren. Eine etwas vorsichtigere Herangehensweise wäre es, statt einer Nicht-Existenz bloß eine Nicht-Erkennbarkeit anzunehmen. Auch dieser Weg wurde von Physikern und anderen Naturwissenschaftlern gegangen.

Elektronenbahn
Anfang des 20. Jahrhunderts führte das neu "entdeckte" Elektron zu einer Flut neuer interessanter Experimente und Erkenntnisse. Viele davon sind aus der Schulphysik bekannt. Millikan hat die Masse und Ladung der Elektronen bestimmt, Rutherford verortete das Elektron als weit entfernt vom Kern der Atome, Niels Bohr bemühte sich die erlaubten Bahnen der Elektronen im Atom zu bestimmen, Franck und Hertz zeigten das Quantenverhalten von Elektronen auf und schließlich entdeckte man auch die Wellennatur des Elektrons. Doch je präziser man sich die Elektronen vorstellen wollte, desto widersprüchlicher wurden die Theorien von seinen eigentlichen Wesen. Was er lokal auf einen Punkt festgelegt? Existierte es als ausgedehnte Welle?

Kopenhagener Deutung
Mitte der 1920er Jahre bahnte sich um die Physiker Werner Heisenberg und Niels Bohr ein radikaler Verzicht darauf an, jemals eine tiefere Erkenntnis über die Dinge an sich zu erlangen. Das deutet sich etwa i einem für die Zeit typischen Zitat von Max Born an. Über den Zusammenstoß von submikroskopisch kleinen Teilchen schrieb er:


ZITAT:

Max Born, 1926: "Schrödingers Quantenmechanik liefert daher eine eindeutige Antwort auf die Frage nach der Wirkung des Stoßes; es gibt jedoch keine kausale Beschreibung. Man erhält keine Antwort auf die Frage ‚Wie ist der Zustand nach dem Stoß?‘, sondern nur auf die Frage ‚Wie wahrscheinlich ist ein bestimmtes Ergebnis des Stoßes?‘" Und: "Es gibt keine Größe, die in einem einzelnen Fall die Folge des Stoßes kausal festlegt." [18]


Wesentlich ist die Wendung "Zustand nach dem Stoß". Mit Zustand ist gemeint, wie die Teilchen wirklich sind, etwa wo im Raum sie sich befinden oder wie schnell sie sich bewegen. An diese Erkenntnis, so Born, sei nicht heranzukommen. Und genau das charakterisiert das Wesen der sogenannten Kopenhagener Deutung der Quantenphysik im Sinne von Werner Heisenberg. Es gibt Grenzen für unser Erkenntnisvermögen.


ZITAT:

Gerhard Grössing, 2005: "Sie [die Kopenhagener Deutung] ist nicht daran interessiert zu ergründen, was »hinter« den derzeit bekannten (und im reinen »Teilchen«-Bild unverstandenen wie unverstehbaren) Quanteneffekten liegt, sondern begnügt sich mit dem Formalismus der Quantentheorie, der allein ausreicht, um die unzähligen technologischen Verwertungserfolge stets weiter voranzutreiben." [17]


Und auch Physiker, die im 21. Jahrhundert wirkten, sahen es so. Ein philosophisch sehr wacher Physiker ist etwa der Nobelpreisträger Anton Zeilinger aus Österreich. Er schrieb 1997:


ZITAT:

Anton Zeilinger (1997): "Es ist hier jedoch sicher am besten, ebenfalls wieder die Aussage der Kopenhagener Interpretation [ …], nämlich die, daß wir es in der Naturwissenschaft zu tun haben mit Aussagen über beobachtete Phänomene, und daß es für die Verstehbarkeit der Welt in der Quantenphysik Grenzen gibt." [19]


Es ist interessant, wie oft das Wort Phänomen von anerkannten Physiker verwendet wird, um die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit zu markieren.

Unwichtig: Epiphänomen


Vor allem in der Philosophie des Geistes wird das Wort Epiphänomen - wörtlich: Rand- oder Begleitphänomen - im Sinne einer unwichtigen Erscheinung für den Geist und das Bewusstsein verwandt. Mehr dazu unter 👉 Epiphänomenalismus

Unerklärliche Phänomene


Von Phänomenen spricht man seit spätestens dem frühen 19. Jahrhundert [3] oft auch, wenn es um bisher unerklärte Erscheinungen geht. Hier nimmt das Wort auch die Bedeutung eines erstaunlichen Rätsels, eines unerklärten Geheimnisses an. Ein klassisches Beispiel aus dem 20. und 21. Jahrhundert ist das 👉 UFO

Fußnoten


  • [1] Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Phänomenologie des Geistes. 1807.
  • [2] 1770, ein Gott als Namensgeber, 1770: "PHANES, étis, Gr. Φάνης, ητος, soll der wahre und große Gott seyn, den man den erstgeborenen nennet, weil vor ihm nichts und von ihm alles erzeuget worden. Er hat daher auch den Namen, weil er zuerst aus dem Unendlichen erschienen; und man will, er soll aus der unermeßlichen Luft geboren. seyn. Orpheus ap. Lactant. Instit. l. I. c. 5. p. 28. Im Grunde soll er nur ein Beynamen des Amors seyn, welchen er von φαίνεσθαι, erscheinen, bekommen, weil er zuerst aus dem Chaos hervorgetreten. Gyrald. Synt. XIII. p. 409. Man hält ihn aber auch mit dem Osiris für einerley. Banier. Erl. der Götterl. I B. 212 S." In: Hederich, Benjamin: Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770., Sp. 1968. Online: http://www.zeno.org/nid/20002829037
  • [3] 1798, noch auf die Idee der Veränderung beschränkt, das Seltsame aber schon enthalten: "Das Phänomēn, des -es, plur. die -e, aus dem Griech. und Lat. Phaenomenon, eigentlich, eine merkliche Veränderung in der Atmosphäre der Erde, eine Lufterscheinung. In weiterer Bedeutung auch wohl eine jede seltene und merkwürdige Veränderung jeder Art." In: Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Leipzig 1798, S. 765. Online: http://www.zeno.org/nid/20000358304
  • [4] 1811, Sinneserscheinung, Seltsames: "Das Phänomen (a. d. Griech.) – heist eigentlich jede Erscheinung, oder alles, was wir durch unsre Sinne wahrnehmen; dann wird jede merkliche Veränderung in der Atmosphäre, Lufterscheinung, Naturbegebenheit, so benannt; endlich braucht man es im weiteren Sinne von jeder seltenen oder merkwürdigen Veränderung." In: Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 8. Leipzig 1811, S. 237. Online: http://www.zeno.org/nid/20000801542
  • [6] 1837, alles Wahrnehmbar, auch Phänomenologie: "Phänomēn, ein dem Griechischen entlehnter Ausdruck, heißt überhaupt etwas Wahrnehmbares, also jede Erscheinung, die Phänomenologie aber ist die Lehre vom Zusammenhange und dem Übergange der Erscheinungen ineinander." In: Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 3. Leipzig 1839., S. 484. Online: http://www.zeno.org/nid/20000853364
  • [7] 1856, philosophisch: "Phänomen, griech.-deutsch, die Erscheinung, auffallende Naturerscheinung, Begebenheit, auch Person. – In der Philosophie unterschied man das P. als die sinnlich wahrnehmbare Erscheinung eines Dinges vom Noumenon desselben d.h. von dem geistigen Bilde od. dem Begriffe, den wir davon in uns tragen. Kant suchte nachzuweisen, daß das P. jedes Dinges nur in unserm Vorstellungsvermögen vorhanden, also subjectiv, das Noumenon aber, worunter er das Wesen des Dinges, das Ding, wie es an sich ist, verstand, uns durchaus unerkennbar sei. Hegel faßte die Sache ähnlich auf u. seine P.ologie d.h. Lehre von den Erscheinungen der Dinge, ein Theil der Philosophie des Geistes, ist eine Darstellung der verschiedenen Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen des Bewußtseins, die Noumena der Dinge aber glaubte er in seiner Logik zu behandeln." In: Herders Conversations-Lexikon. Freiburg im Breisgau 1856, Band 4, S. 520. Online: http://www.zeno.org/nid/20003468852
  • [9] 1861, das sinnlich Wahrnehmbare: "Phänomen (v. gr.), Erscheinung in wie fern etwas Beobachtetes lediglich nach den Gesetzen unserer sinnlichen Natur sich darstellt." In dieser Definition klingt auch die Idee der Qalia, der Bewusstseinsinhalte, an. In: Pierer's Universal-Lexikon, Band 13. Altenburg 1861, S. 33. Online: http://www.zeno.org/nid/20010628304
  • [10] 1904, als Gegensatz zum Ding an sich "Phänomen (phainomenon, phaenomenon): Erscheinung (s. d.), Erscheinendes, d.h. etwas in der Form der Erscheinung. Phänomene sind die Objecte (s. d.) insofern sie nicht das An-sich (s. d.) der Dinge selbst sind, sondern nur deren Beziehungen zum erkennenden (sinnlichen und denkenden) Subject darstellen. Doch sind von den individuell-subjectiven, sinnlichen Phänomenen die objectiven (allgemeingültigen) durch das wissenschaftliche Denken begrifflich bestimmten Phänomene, die in relativem Sinne schon (erkenntnistheoretische) »Noumena« (s. d.) sind, zu unterscheiden. In den objectiven Phänomenen erfassen wir, auf unsere Weise, aber doch durch das An-sich der Dinge selbst bestimmt, genötigt, die Wirklichkeit außer uns. Das (denkend-wollende) Ich als solches, die Ichheit, ist nicht Phänomen, sondern das die Phänomene erkennende, setzende Subject, Selbstsein. Die objectiven Phänomene sind uns nicht fertig »gegeben« (s. d.), sondern sind schon das Product kategorialer (s. d.) und begrifflicher Verarbeitung des Erfahrungsmaterials (s. Erfahrung, Erkenntnis)." In: Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 93-94. Online: http://www.zeno.org/nid/20001799010
  • [11] 1908, Begriffsgeschicht: "Phänomēn (Phainomenon, griech.), »Erscheinung«, ursprünglich nur für Lufterscheinungen gebraucht, dann aber von den Philosophen, besonders den Skeptikern, auf die Metaphysik übertragen und in bezug auf das, was den Sinnen erscheint, im Gegensatz zu dem nur mit Gedanken Erfaßten (Noumenon) angewendet. Diese Bedeutung des Wortes bestimmte Kant dahin, daß P. die erfahrungsmäßige Erscheinung, d.h. das in Raum und Zeit wahrnehmbare Mannigfaltige, bezeichnet, wie es für unser Wahrnehmungsvermögen sich gestaltet, gegenüber den Dingen an sich, die als solche nicht erscheinen, sondern bloß von uns als das den Phänomenen zugrunde Liegende gedacht werden. Phänomenologie ist die Lehre von den Erscheinungen, wie Hegel eine Phänomenologie des Geistes schrieb als Darstellung von den Erscheinungsweisen des Geistes in seiner stufenweisen Herausbildung, E. v. Hartmann eine Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins etc." In: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 759. Online: http://www.zeno.org/nid/20007244746
  • [12] 1910, nur Lufterscheinung: "Phänomen, s. Lufterscheinung." In: Karl Ernst Georges: Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch. Hannover und Leipzig 71910 (Nachdruck Darmstadt 1999), Sp. 1869. Online: http://www.zeno.org/nid/20002066882
  • [13] 1911, Begriffsgeschichte: "Phänomēn (grch.), jede der innern oder äußern Wahrnehmung sich darbietende Erscheinung, insbes. eine seltene oder schwer erklärbare Naturerscheinung; auch glänzende Erscheinung, hervorragende Persönlichkeit. Phänomenologīe, die Lehre von den Erscheinungen, nach Hegel die Darstellung der verschiedenen Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen des Bewußtseins. Phänomenāl, ungewöhnlich, außerordentlich. Phänomenalismus, philos. System, nach welchem die ganze menschliche Vorstellungswelt nur die Erscheinungen der selbst unbekannt bleibenden »Dinge an sich« umfasse." In: Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 2. Leipzig 1911., S. 396. Online: http://www.zeno.org/nid/20001441779
  • [14] In der Didaktik der Naturwissenschaften steht Phänomen oft in Verbindung mit etwas Überraschendem, einem Moment des Staunens oder auch der Täuschung: "1) phenomenon₁: Eine Sache, die erscheint, oder wahrgenommen oder beobachtet wird; vor allem angewendet auf Fakten oder Ereignisse, deren Ursache in Frage steht („glaciers are interesting natural phenomena“). 2) phenomenon₂: Das, wovon die Sinne oder der Verstand unmittelbar Notiz nehmen; ein(e) unmittelbar gegebene(r) Gegenstand oder Wahrnehmung; in diesem Sinn das Gegenstück oder Gegenteil des Gedachten: Kant verwendet „Phainomenon“ als Gegenbegriff zum „Noumenon“. 3) phenomenon₃: ein außergewöhnliches oder Erstaunen hervorrufendes Faktum oder Ereignis („the band was a pop phenomenon just for their sales figures alone“). Wir ergänzen: oft gebraucht im Sinne von „nicht wirklich“, „nicht tatsächlich“, oder von (Sinnes-)Täuschung" In: Phänomenologische Naturwissenschaftsdidaktik. Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Positionierung und erziehungswissenschaftliche Folgerungen. In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften (ZfDN), 19 (2013), S. 397–416. Online: https://www.pedocs.de/volltexte/2024/31716/pdf/ZfDN_2013_Theilmann_et_al_Phaenomenologische_Naturwissenschaftsdidaktik_Erkenntnis.pdf
  • [15] "Gegenüber den bisher explizierten Varianten von Phänomenologie [sc. licet: Kant, Hegel, Mach] basiert Husserls Phänomenologie auf dem entgegengesetzten Typ von Phänomenverständnis, nämlich jenem, das die Koinzidenz von Etwas und Erscheinungsweise unterstellt und davon ausgeht, dass sich in der Erscheinung die Sache voll und ganz und ohne jede Einschränkung zeigt. Hinter den Phänomenen steht nicht noch irgendein verborgenes Etwas, sondern dieses Etwas entbirgt sich totaliter in der Erscheinung" In: Gloy, K. (2006). Grundlagen der Gegenwartsphilosophie. Paderborn: Wilhelm Fink. Dort die Seiten 42 und 43.
  • [16] George Berkeley: Treatise on the Principles of Human Knowledge. 1710: "It is indeed an opinion strangely prevailing amongst men, that houses, mountains, rivers, and in a word all sensible objects have an existence natural or real, distinct from their being perceived by the understanding. But with how great an assurance and acquiescence soever this principle may be entertained in the world; yet whoever shall find in his heart to call it in question, may, if I mistake not, perceive it to involve a manifest contradiction. For what are the forementioned objects but the things we perceive by sense, and what do we perceive besides our own ideas or sensations; and is it not plainly repugnant that any one of these or any combination of them should exist unperceived?" Siehe auch 👉 Berkeley-Frage
  • [17] Gerhard Grössing: Kontinuum: Die Geschichte einer Verdrängung, mit besonderem Augenmerk auf die Quantentheorie. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 16(1), 137–167. 2005. Online: https://doi.org/10.25365/oezg-2005-16-1-7
  • [18] Die deutsch zitierten Stellen sind eine Rückübersetzung aus einer Übersetzung ins Englisch. Das deutsche Original ist mir leider nicht zugänglich. Zur Kollision von Elektronen mit Atomen schreibt Born: "If one translates this result into the terms of particles, only one interpretation is possible. Φₙₘ(α,β,γ) gives the probablity for the electron, arriving from the z-direction, to be thrown out into the direction designated by the angles α, β, γ, with the phase change δ." Und: "Schrödinger's quantum mechanics therefore gives quite a definite answer to the question of the effect of the collision; but there is no question of any causal description. One gets no answer to the question, 'what is the state after the collision,' but only to the question, 'how probable is a specified outcome of the collision?" Und: "there is no quantity which in any individual case causally fixes the consequence of the collision". In: Born, Max. 1926. “Zur Quantenmechanik der Stoßvorgänge.” Zeitschrift für Physik 37, no. 12 (December): 863-867. English translation, “On the Quantum Mechanics of Collisions,” translated by J. A. Wheeler and W. H. Zurek, in John A. Wheeler und Wojciech H. Zurek, eds. Quantum Theory and Measurement. Princeton, NJ: Princeton University Press, 1983. Siehe auch 👉 Elektronenbahn
  • [23] Die Kopenhagener Deutung nach Anton Zeilinger: "Nach der Kopenhagener Deutung, die besonders von Niels Bohr ausgearbeitet wurde, macht es keinen Sinn, von der Eigenschaft eines Quantenteilchens zu reden, unabhängig von dem Versuchsaufbau, in dem sich diese Eigenschaft manifestiert. Ein Photon oder Neutron besitzt also an sich weder Welleneigenschaft noch Teilcheneigenschaft." In: Anton Zeilinger: Jenseits jeder Gewißheit: Das Rätsel der Quantenwelt. Ausstellung in der Neuen Galerie in Graz (1997) und im Ludwig Museum in Budapest (1996). Katalog im Passagen Verlag, Wien. Hier entnommen aus dem Artikel über die 👉 Kopenhagener Deutung
  • [20] Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff, AA IV, Kritik der reinen Vernunft, Seite 178. Mehr unter 👉 Ding an sich



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