Albertus Magnus lebte von etwa 1200 bis 1280. Er war Verfasser naturphilosophischer Schriften wie De animalibus und De vegetabilibus. Eingebettet in das mittelalterliche Bestreben, die Welt als Ganzes sowohl philosophisch als auch theologisch zu durchdringen, legt er Wert auf die eigene Überprüfung von Aussagen durch Experimente. Damit kann Albertus Magnus als ein früher Wegbereiter der empirischen Naturforschung angesehen werden.
Albertus Magnus trug auch den Titel Doctor universalis. Tatsächlich hatte sich Albert ein breites Wissen angeeignet. Durch seine weitläufigen Reisen hatte er Zugang zu vielen Bibliotheken. Er kannte gut antike Autoren wie Plinius dem Älteren, Augustinus, Aristoteles, Hippokrates, Galen oder Seneca aber auch arabische und jüdisch Gelehrte näher an seiner Zeit wie Avicenna aus Persien (980 bis 1037), Averroes aus Andalusien (1126 bis 1138) oder Maimonides aus Cordoba (1135/1138 bis 1204). Über die brutalen Eroberungskriege der Kreuzzüge in die byzantinische und muslimischen Welt kam die westeuropäische Kultur mit dem damals fortschrittlichen Denken islamischer Intellektueller in Berührung. Über diese wiederum wurden viele Schriften antiker Philosophen, vor allem Aristoteles, in Westeuropa neu entdeckt. Fast Zeitgleich mit Albertus Magnus lebte der Stauferkaiser Friedrich II. Dieser hatte im Süden Italiens (Neapel, Sizilien) eine multikulturelle Herrfschaft intellektueller Neugier aufgebaut, die Wissen auch aus der arabischen Welt aufsog.
Dieser Zusammenfluss neuer Gedanken trat auf eine europäische Intelligenz, die Freude am Diskutieren und Forschen hatte. In dieser Zeit entstanden neue Universitäten in Bologna 1088, Paris 1150, Oxford 1167, Modena 1175, Cambridge 1209, Padua 1222, Salamanca 1218, Siena 1240, Montpellier 1220, Neapel 1224, Toulouse 1229, Orléans 1230, Prag 1348, Heidelberg 1386 und Köln 1388. Albertus wirkte unter anderem als Dozent an einer Schule der Dominikaner in Köln. Die heutige Universität in Köln ist nach ihm benannt.
Vordenker des Empirismus
Kritische Denker
Die intellektuelle Kultur Westeuropas in jener Zeit des 13. Jahrhunderts war geprägt von Debattierfreude. An den neuen Universitäten war der geregelte Disput, ein Art Streitgespräch mit Schiedsrichter, ein fester Teil des Lernens und der Suche nach Wahrheit. [15] Die verfassten Texte waren oft Kommentare zu allgemein bekannten Texten von Autoritäten. Diese wurden dann mit den Mitteln einer scharfen Logik geprüft und nötigenfalls umgeformt. Man kann also keineswegs davon ausgehen, dass mittelalterliche Denker antike Positionen kritiklos übernahmen. Ganz im Gegenteil. Doch die Art der Prüfung war stark auf rein logische Stimmigkeit begrenzt. Was damals fehlte war die Überprüfung von Fakten durch Experimente und Beobachtungen. Und hier tat sich Albertus Magnus als ein früher Verfechter der eigenen Überprüfung von Fakten an der Realität der physikalischen Welt hervor.
Fressen Straußen Eisen?
Straußen-Mythos
Berühmt ist die Episode, von ihm selbst beschrieben, dass er nicht ohne weiteres die damalige Ansicht übernahme, dass ein Strauß Eisen fresse. Um die Behauptung zu testen, suchte er nicht etwas nach Zitaten in der Bibel oder bei Plinius oder Aristoteles. Vielmehr warf er den Vögeln selbst Eisenstücke zum Fressen auf den Boden. Als aber kein Strauß das Eisen fraß, folgerte er gegen die damals vorherrschende Auffassung, dass Straußen kein Eisen fräßen. [16] Eine methodische Wissenschaft, die Aussagen durch Experimente und Beobachtungen prüft nennt man heute 👉 Empirismus
Eckiges Loch, runder Schatten?
Bacons Lichtfleck
Neben Albertus Magnus war auch der Engländer Roger Bacon (1229 bis 1292) ein Wegebereiter des Empirismus. Bacon beschäftigte sich unter anderem intensiv mit der Optik, etwa Brillen und einer Camera obscura. Dabei maß er beobachteten Fakten eine große Bedeutung bei. So fand er es verwunderlich, dass Licht, welches durch eine kleine zackig oder eckige Öffnung in einer Wand geht, keinen zackig-eckigen sondern einen rundlichen Schatten wirft. Indem die Denker des 13. Jahrhunderts begannen, nicht nur Texte und Worte auf ihre logische Stimmigkeit zu prüfen, sondern Fakten aus der physikalischen Welt untersuchten und prüften, legten sie die Grundsteine für die westeuropäische wissenschaftliche Methode. Siehe auch 👉 Roger Bacon
Bescheidenheit früher und heute
Albertus Magnus war zunächst ein Mönch des damals noch jungen Ordens der Dominikaner. Dieser Orden war von Anfang an auf ein Leben in Armut angelegt. Der Gründer war der um das Jahr 1170 in Kastilien geborene Dominikus. Dominikus selbst reiste nicht herrschaftlich mit einem Pferd sondern zu Fuß. Dieser Tradition folgte auch Albertus Magnus.
ZITAT:
"Bis ins hohe Alter blieb Albertus Magnus nicht nur geistig mobil: Ob Rom, Riga, Paris, Antwerpen oder Basel – im Laufe seines Lebens durchquerte er ganz Mitteleuropa. Gemäß den strengen Regeln seines Bettelordens bewältigte er alle Reisen zu Fuß." [13]
Durch Euroa
Man betrachte sich die Entfernungen einmal auf eine großen Karte von Mitteleuropa. Der Weg von Köln nach Paris dauerte gut zwei Wochen. Das war eine vergleichsweise kurze Strecke. Die Stadt Riga liegt von Deutschland aus gesehen weit jenseits von Polen. Und um nach Rom zu gelangen musste man die Alpen überqueren. Dabei galt es die Jahreszeiten zu berücksichtigen. So wurden Reisen schnell zu Angelegenheiten, die für Monate oder sogar Jahre geplant sein wollten.
RANDOTIZ !Gedankenexperiment! Interessant ist es vielleicht auch, der sozialen und moralischen Aussage von Alberts bescheidenem Auftreten nachzuspüren. Dazu kann man ein Gedankenexperiment machen. Man stelle sich einen heutigen Würdenträger einer großen und mächtigen Institution vor. Man denke zum Beispiel an einen Kommissar der Europäischen Union, ein Mitglied des Bundesverfassungsgerichts oder eine Führungskraft der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB). Wie würde es dich als Leser dieser Zeilen wirken, wenn eine solche Person alle Reisen - auch berufliche - ausschließlich zu Fuß oder wahlweise ausschließlich mit dem Öffentlichen Personennahverkehr durchführen würde? Würde man eine solche Figur ernst nehmen?
ANMERKUNG:
Um das Jahr 2003 erzählte ein mit uns befreundeter Immobilienmakler, dass er eine zeitlang mit dem Fahrrad zu seinen Kunden gefahren sei. Das habe er aber bald wieder aufgegeben. Die Kunden hätten ihn nicht ernst genommen. So fuhr er dann wieder mit einem repräsentativen Autor vor. Und als ein Vertreter der Kirche (evangelisch), die Schule unserer Tochter besuchte, ließ er sich mit Fahrer in einem sichtbar teuren Autor vorfahren. Gleichzeitig "bettelte" er in der Schule um Spenden der Eltern, da die Kassenlage knapp sei.
Tatsächlich findet man in der Tradition der Kirche zwei zeitlich parallele Stränge. Während eine Strömung auf die sichtbare Darstellung von Macht und Reichtum drängt (Vatikan), ergeht sich die andere Richtung (Bettelorden) in materieller Entsagung bis hin zum Asketentum. Doch das musste vom Papst erst offiziell erlaubt werden. [14] Eine mögliche Erklärung für den Drang, Reichtum sichtbar nach außen darzustellen ist, dass man so glaubwürdig seinen Erfolg darstellen kann. Wer "mit Geld um sich werfen kann", muss im Umkehrschluss erfolgreich darin sein, Geld zu bekommen. Wer aber gar nicht erst Reichtum anstrebt, oder vorhandenen Reichtum nicht unfälschbar nach außen hin zeigt, ist im Zweifelsfall auch nicht erfolgreich darin, Macht und Geld zu erlangen. Und auf diesem Umweg wird die Forderung von materieller Armut zu der Zumutung gegenüber anderen, ihren eigenen Erfolg nicht zeigen zu dürfen.
Fußnoten
[1] Albertus Magnus: Über die Prinzipien der fortschreitenden Bewegung / Liber de principiis motus processivi. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt von Jürgen Wetzelsberger. Eingeleitet und kommentiert von Henryk Anzulewicz und Jürgen Wetzelsberger, Herder, Freiburg/Basel/Wien 2014, ISBN 978-3-451-34187-8.
[2] Albertus Magnus: Über Logik und Universalienlehre. Auf der Grundlage der Editio Coloniensis übersetzt und neu hrsg. von Uwe Petersen und Manuel Santos Noya. Meiner, Hamburg 2012, ISBN 978-3-7873-2221-3.
[3] Albertus Magnus: Albertus Magnus und sein System der Wissenschaften. Schlüsseltexte in Übersetzung. Lateinisch-Deutsch, hrsg. vom Albertus-Magnus-Institut. Aschendorff, Münster 2011, ISBN 978-3-402-12930-2. Auszug (Zeittafel) als Digitalisat
[4] Albertus Magnus: Über die fünfzehn Streitfragen / De quindecim problematibus. Lateinisch-Deutsch. Nach dem Text der Editio Coloniensis hrsg. von Henryk Anzulewicz und Norbert Winkler, übersetzt von Henryk Anzulewicz, eingeleitet und kommentiert von Norbert Winkler. Herder, Freiburg im Breisgau/Basel/Wien 2010, ISBN 978-3-451-31069-0.
[5] Albertus Magnus: Buch über die Ursachen und den Hervorgang von allem aus der ersten Ursache. Liber de causis et processu universitatis a prima causa. Nach dem Text der Editio Coloniensis übersetzt und hrsg. von Henryk Anzulewicz u. a. Meiner, Hamburg 2006, ISBN 978-3-7873-1784-4.
[6] Albertus Magnus: Über die Natur und den Ursprung der Seele. Liber de natura et origine animae. Übersetzt und eingeleitet von Henryk Anzulewicz. Herder, Freiburg im Breisgau/Basel/Wien 2006, ISBN 3-451-28698-X.
[7] Albertus Magnus: Über den Menschen. De homine. Nach dem kritisch erstellten Text übersetzt und hrsg. von Henryk Anzulewicz. Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1547-0.
[8] Albertus Magnus: Von Falken, Hunden und Pferden. Deutsche Albertus-Magnus-Übersetzung aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Eingeleitet und hrsg. von Kurt Lindner. (Originaltitel: Liber de animalibus). De Gruyter, Berlin 1962 (= Quellen und Studien zur Geschichte der Jagd. Band 7–8).
[9] Albertus Magnus: Albert Fries (Hrsg.): Eine Quaestio des Albertus Magnus „De quiditate et esse“. Schöningh, Paderborn 1983, ISBN 3-506-79431-0.
[11] Albertus Magnus: Albert Fries (Hrsg.): Ausgewählte Texte. Lateinisch-deutsch. Mit einer Kurzbiographie. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1987, ISBN 3-534-07955-8.
[12] Albertus Magnus: Über die mystische Theologie des Dionysius. Lateinisch-deutsch. Eingeleitet und übersetzt von Maria Burger. Herder, Freiburg im Breisgau 2014 (= Fontes Christiani. Band 59), ISBN 978-3-451-30971-7.
[14] Papst Innozenz III. (1198–1216) bestätigte 1210 die franziskanische Armut und erlaubte das Betteln offiziell. Dies geschah in päpstlichen Bullen wie Quo elongati (1215). Papst Honorius III. bestätigte 1216 die offizielle Gründung des Dominikanerordens (Religiosam vitam), einschließlich des Rechts, für den Unterhalt zu betteln.
[15] Für eine Disputation wurde vorab sorgfältig eine Frage ausgewählt, die im Prinzip entscheidbar sein sollte. Eine Person musste Argumente dafür, die andere Argumente dagegen liefern. Am Ende kam es zu einer Abwägung und Einordnung. Die Disputation war anders als heutige Streitgespräche in der Politik kein Wettstreit der Positionen sondern eine Methode der Auffindung von Wahrheit. Siehe mehr dazu unter 👉 Disputation
[16] Albert über Straußen: "De hac [strutio] dicitur quod ferrum comedat et digerat: sed ego non sum hoc expertus quia ferrum saepius a me pluribus strutionibus obiectum comedere noluerunt. Sed ossa magna ad breves partes truncata et arida et lapides avide comederunt." In: Albertus Magnus, De animalibus, lib. 23, tr. 24, cap. 139. Auf Deutsch: "Es wird gesagt, dass dieser Vogel Eisen frisst und verdaut. Aber ich habe das nicht so erfahren, denn ich habe oft Eisen vor mehrere Strauße gelegt, und sie wollten es nicht fressen." Siehe mehr unter 👉 Empirismus