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Nacktmull

Eusozialität

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Basiswissen


Nacktmulle (Heterocephalus glaber) sind unterirdisch lebende Nagetiere. Ihre Heimat ist das östliche Afrika südlich der Sahara. Nacktmulle sind neben dem Menschen die einzigen Säugetiere, die zu einer echten Staatenbildung im Sinne einer Eusozialität neigen. Diese Tiere und die Besonderheit ihrer Staatenbildung sind hier kurz vorgestellt.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Ein Nacktmull im Frankfurter Zoo: man konnte über eine Glasscheibe in die unterirdischen Gänge der Tiere blicken. Oft kuschelten zwei oder drei Tiere aneinander, man sah aber oft auch einzelne Nacktmulle.☛


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Daten und Fakten zum Nacktmull [1]


  • Verwandt mit Nagetieren und Stachelschweinen
  • Trockene Halbwüsten als Lebensraum
  • Man findet sie z. B. in Äthiopien, Kenia, Tansania und 👉 Somalia
  • Je 100 bis 300 Tiere bilden eine unterirdische 👉 Kolonie
  • Wurzeln dienen als Nahrung.
  • Paarungen: etwa 4 bis 5 mal pro Jahr
  • Etwa 70 bis 90 Tage Tragzeit
  • Bis über 25 Tiere pro Wurf einer Mutter

Körper und Verhalten


Anatomie
Ein einzelner Nacktmull ist etwa 5 bis 15 Zentimeter lang und bringt gut 30 bis 50 Gramm auf die Waage. Das auffälligste Merkmal ist die kaum sichtbare (und auch kaum vorhandene) Körperbehaarung. Ein Vorteil der mehr oder minder glatten Körperoberfläche ist, dass die Tiere sich in ihren engen unterirdischen Gängen vorwärts genau so gut bewegen können wie rückwärts. Auch können sich Parasiten schlechter auf der nackten Haut ansiedeln als unter Haaren. Tasthaare findet man um die Grabzähne sowie an den Vorder- und Hinterbeinen. Der Kopf ist konisch geformt. Die Tiere haben auch keine Ohrmuscheln, ihre Körper wirken fast stromlinienförmig und damit gut angepasst an die engen Gänge unter der Erdoberfläche. Die Nagezähne wirken wie Baggerschaufeln. Die Tiere können mit Muskeln die Zähne einzeln bewegen. Die Zähne wachsen lebenslang nach.

Atmung
Die Lungen der Tiere sind recht klein. Unter der Erde gibt es weniger Sauerstoff als über der Erde. Als Anpassung daran haben die Nacktmulle Hämoglobin im Blut, das Sauerstoff besonders gut binden kann. Im Vergleich mit anderen Tieren ihrer Größe haben die Nacktmulle eine niedrige Stoffwechselrate. Das erklärt vielleicht zumindest teilweise auch ihre Langlebigkeit.

Körpertemperatur
Obwohl Nacktmulle zu den gleichwarmen Säugetieren zählen, können Sie ihre Körpertemperatur im Bereich von 12 °C bis 32 °C anpassen. Damit können sie erheblich an Energie sparen, was wiederum heißt, dass sie weniger Nahrung zu sich nehmen müssen. Ein großer Vorteil wechselwarmer Tier, etwa Reptilien, ist ihr geringer Bedarf an Nahrung. Wie in einer Sauna sind auch in der Höhlenwohnung der Nacktmulle die oberen Bereiche wärmer als die unteren. Das können die Tiere zu einer aktiven Steuerung ihrer Körpertemperatur nutzen. Das fehlende Fell und eine nur dünne Schicht aus Fett ermöglichen eine schnelle Angleichung an die Umgebungstemperatur. Mit einem als Gruppenkuscheln bezeichneten Verhalten können die Tiere sich gegenseitig isolieren und Wärme spenden.

Nahrung
Die Nahrung der Tiere besteht vor allem aus schwer verdaulichen faserigen Pflanzenteilen. Um diese für die Verdauung aufspalten zu können, haben die Nacktmulle vor allem im Blinddarm symbiotisch mit ihnen zusammen lebende Bakterien. Die Nahrung der Nacktmulle ist stark salzhaltig. Da die Tiere kein flüssiges Wasser zur Verdünnung trinken, wird ihr Urin stark salzhaltig, bis zu 87,5 Gramm Salz pro Liter Urin sollen nachgewiesen worden sein. Zum Vergleich: das schon sehr salzig schmeckende Wasser der Nordsee kommt auf etwa 35 Gramm pro Liter.

Stallgeruch
Die Nacktmulle wälzen sich in ihre eigenen Körperausscheidungen. Damit erzeugen sie einen speziellen "Stallgeruch", mit dem sie sich geruchlich von Tieren anderer Kolonien unterscheiden können. Auch ein ständiges Zwitschern der Tiere untereinander scheint Mitglieder fremder Gruppen sofort erkennbar zu machen. Stark von der Königin mit geprägt, hat jede Kolonie ihren eigenen "Dialekt". Es ist bemerkenswert, wie auch im Tierreich Mechanismen ausgebildet sind, "fremdrassige", "Ausländer" oder "Migranten" zu erkennen und zurück zu weisen. Treffen Nacktmulle bei ihren Grabarbeiten auf Tiere einer anderen Kolonie, folgen daraus oft blutige Kämpfe. [7]

Schmerzunempfindlichkeit
Die Haut der Nacktmulle scheint recht unempfindlich gegenüber Schmerzen, etwa verursacht durch Stiche, Hitze oder Säure. Verantwortlich dafür scheint eine sogenannte Substanz P zu sein, die auch bei Menschen vorkommt. Schleust man die Substanz in einzelne Tiere ein, steigt deren Schmerzempfindlichkeit deutlich an.

Lebenserwartung
Mit 15 bis über 30 Jahre (in Gefangenschaft) haben Nacktmulle ein Vielfaches der Lebenserwartung anderer kleiner Nagetiere wie Ratten, Mäuse oder Hamster. Neben der oben schon erwähnten geringen Stoffwechselrate scheint vor allem auch ein sehr effizienter Mechanismus zur Reparatur beschädigter Gene die hohe Lebenserwartung zu begünstigen.

Arbeitsteilung
Nacktmulle zeigen in ihren Kolonien eine ausgeprägt und vom Lebensalter bestimmte Arbeitsteilung. Jüngere Tiere kümmern sich vor allem um ihre Geschwister. Etwas älter Tiere werden zu Gräbern. Noch ältere Tiere sind dann Soldaten, die den Bau zum Beispiel gegen den Hauptfeind, eine Natter (Schlange) verteidigen. Die älteren Tiere schaffen auch das abgegrabene Material nach außen, wo man die Auswürfe an vulkanartigen Gebilden erkennt.

Der Nacktmull als staatenbildendes Säugetier


Echte Staaten im Sinne der Biologie bilden vor allem Insekten. Das einzige staatenbildende Säugetier - neben dem Mensch - ist der Nacktmull. Man spricht auch von Eusozialität. In einer Kolonie gibt es nur ein einziges Weibchen, das sich mit Männchen fortpflanzt. Diese Königin verändert ihren Organismus so, dass sie mehr Jungtiere pro Zeit "produzieren" kann. Sie wird zum Beispiel länger, wobei sich auch der Knochenbau ändert.

Durch Aggression gegenüber anderen Weibchen werden diese derart gestresst, dass sie vorübergehend unfruchtbar werden, ihr Eisprung bleibt aus.

Merksatz:

1.0: Nacktmulle leben ähnlich wie manche Insekten ein eusozial und zeigen dabei einen reproduktiven Altruismus.

Den Verzicht auf die eigene Fortpflanzung nennt man reproduktiven Altruismus. [6] Stirbt die Königin, passieren dann zwei Dinge: die Männchen wandern ab und suchen sich eine neue Kolonie. Dadurch wird Inzucht vermieden. Und zum zweiten werden die verbleibenden Weibchen wieder fruchtbar und streiten nun um den Rang der Königin. Diese enge Kanalisierung der Fortpflanzung ist ein wesentliches Merkmal für eine sogenannte 👉 Eusozialität

Was ist die Dawkins-Drossel?


Der englische Zoologe Richard Dawkins (geboren 1941 in Nairobi) betonte eine interessante Parallelität zwischen den Zellen eines Organismus und den Mitgliedern eines Tierstaates: bei beiden Pflanzen sich nur sehr wenige Individuen, auf keinen Fall aber die große Mehrzahl selbst als neuer Organismus fort. In der Biologie spricht man von der sogenannten Keimbahn.

Merksatz:

2.0: Der reproduktive Altruismus unterbindet den sogenannten Genegoismus.

Bei Menschen pflanze sich die Aberbillionen Zellen nur durch Samen- und Eizelle fort. Bei Nacktmullstaaten pflanzen sich alle Individuen nur durch die gemeinsame Königin fort. Dawkins zufolge schaltet dieser Mechanismus den Zwang zum Genegoismus aus und ermöglicht einen echten Altruismus unter den beteiligten Individuen. Siehe mehr zu diesem Gedanken im Artikel zur 👉 Dawkins-Drossel

Fußnoten


  • [1] Erklärungstafel zum Nacktmull im Frankfurter Zoo, 14. April 2023.
  • [2] Richard Dawkins: 1976: Das egoistische Gen. Spektrum, Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin/Oxford, 1994. Originaltitel: The Selfish Gene. ISBN 3-86025-213-5. In der deutschen Ausgabe das Kapitel: Die große Reichweite der Gene. Seite 405.
  • [3] Zur Eusozialität von Nacktmullen: Anderson, M. The evolution of eusociality. Annual Review of Ecology, Evolution and Systematics 15, 165–189 (1984).
  • [4] Zur Eusozialität von Nacktmullen: Ciszek, D. New colony formation in the "highly inbred" eusocial naked mole-rat: outbreeding is preferred. Behavioral Ecology 11, 1–6 (2000).
  • [5] Zur Eusozialität von Nacktmullen: Jacobs, D. & Jarvis, J.: No evidence for the work-conflict hypothesis in the eusocial naked mole-rat (Heterocephalus glaber). Behavioral Ecology and Sociobiology 39, 401–409 (1996). Siehe auch 👉 Eusozialität
  • [6] Zum reproduktiven Altruismus von Nacktmullen (mole rats): "The great majority of mole rats never reproduce or even try to, sacrificing their reproductive potential to a higher good: helping the colony to survive in a very challenging environment - an act that behaviorists call reproductive altruism." In: Jane E. Brody: The Strange Dark World of the Naked Mole Rat. New York Times. April 12th, 1994. Siehe auch 👉 reproduktiver Altruismus
  • [7] "We report evidence that wild colonies of naked mole-rats invade neighbouring colonies and thus expand their territories. Furthermore, as has been observed in laboratory colonies, invading colonies may kidnap un-weaned pups which can subsequently be incorporated into the workforce. This is convergent with the slave-making ants and suggests that intergroup aggression between naked mole-rat colonies may be a strong selective pressure for group living and extreme colony size." In: Braude, S., Hess, J. and Ingram, C. (2021), Inter-colony invasion between wild naked mole-rat colonies. J Zool, 313: 37-42. Online: https://doi.org/10.1111/jzo.12834



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