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Weichenereignis


Physik


Grundgedanke


Wenn der Mensch einen Freien Willen haben soll, dann muss er die kausalen Abläufe in der Welt ablenken können. Das lassen die Gesetze der Naturwissenschaften in der Welt der sichtbaren größeren Objekte, im Makrokosmos, aber nicht zu. Wohl lassen sie es aber in der Welt der kleinen Ereignisse, zum Beispiel auf atomarer Ebene zu, im Mikrokosmos. Das führt zu der Idee, dass ein Freie Wille im Mikrokosmos wirken könnte. Das wirft dann die Frage nach einer Art Hebelwirkung auf. Man benötigt einen Effekt der Verstärkung von kleinsten Ereignissen der Mikrowelt hin zu gewünschten Effekten im Makrokosmos. Ein solche Mechanismus ist hier unter dem Stichwort Weichenereignis vorgestellt.

Die Weiche als Metapher


Ein großer Zug kann durchaus über tausend Tonnen schwer sein. Stellen wir uns einen solchen Zug auf einer flachen Ebene fahrend vor. Für das Gedankenexperiment soll er zunächst nicht auf Schienen fahren, sondern wie ein Road-Truck mit seinen Rädern auf dem flachen Untergrund. Für einen Menschen wäre es unmöglich, durch anschubsen oder Stoßen mit der Körperkraft alleine die Richtung eines solchen rollenden Zuges wesentlich zu ändern. Die Trägheitskraft des Zuges ist für die Muskelkraft des Menschen (einige wenige hundert Newton) zu groß. Rollt derselbe Zug aber geführt von Schienen auf eine Weiche zu, so kann ein Mensch durch das leichte Umlegen von einem Schalter die Richtung des Zuges deutlich ändern. Hier genügt eine Kraft von weniger als einem Newton (Tafel Schokolade hochhalten) um einen Zug mit einer Masse von über eine Million Kilogramm umzulenken. Die Struktur Hebel und Weiche wirken dann als Verstärker.

Der Anfang im Kopf: der Freie Wille


Als Menschen haben wir den Eindruck, dass wir mit unserem Willen unser Verhalten beeinflussen können. Der Pionier der Psychologie, William James (1842 bis 1910) stellte im Jahr 1890 ein Modell vor, wie wir durch die Steuerung unserer Aufmerksamkeit einen Gedanken etwas länger (vielleicht eine Sekunde) festhalten können oder ihn auch gehen lassen können. Diese minimalste Einflussnahme, so James, ist der Ausgangspunkt für weitere Gedanken bis hin zu vollzogenen Handlungen des ganzen Körpers. Somit verstärkt sich eine ursprünglich kleine Änderung von vielleicht wenigen Molekülen in einem Kopf effektiv bis hin zur Bewegung des ganzen Körpers mit seinen Milliarden von Molekülen. Das Weichenereignis war dann die anfängliche Beeinflussung von mikroskopischen Gehirnzuständen. Im 20ten Jahrhundert griffen dann vor allem (Quanten)Physiker diesen Gedanken von James auf und suchten nach entsprechend effizienten Mechanismen in Übereinstimmung mit dem Gesetzen der Physik. Siehe mehr zum psychologischen Zwei-Stufen-Modell (Freier Wille) ↗

Weichenereignisse in der Meteorologie


Im Jahr 1972 frug der US-amerikanische Meteorologie Edward Lorenz (1917 bis 2008) auf einem Vortrag[8], ob der Schlag eines einzelnen Schmetterlings in Brasilien nicht nur darüber entscheiden kann, ob eine einzelner Tornado in Texas stattfinden wird oder nicht, sondern: kann der einzelne Schlag eines Schmetterlings das gesamte Wettergeschehen an sich verändern, also die Anzahl von Tornados über einen längeren Zeitraum. I dieser Fassung zielt Lorenz' Schmetterlingseffekt auf genau das was hier als Weichenereignis beschrieben wird: eine kleine Ursache (small perturbation), die ein größeres System langfristig auch in seinen statistischen Durchschnittswerten verändert. Siehe mehr unter Schmetterlingseffekt ↗

Weichenereignisse im Alltag: aus klein wird groß


Geht man davon aus, dass ein Mensch einen freien Willen hat, mit dem er zum Beispiel seine Bewegungen und seine gesprochenen Worte steuern kann, dann kann man dem Gedanken der Weichenereignisse hin zu noch größeren makroskopischen Effekten in den Alltag folgen. Werkzeuge, Maschinen, Industrieanlagen sowie auch auch gesellschaftlichen Regeln bis hin Verwaltunsstrukturen können als Verstärker betrachtet werden. Indem man als Baggerführer mit wenigen Newton Kraft einen kleinen Hebel bewegt, kann der Bagger eine Last von zig Zehnertausenden Newton anheben. Und als Chef einer großen Reederei kann das kleine Wörtchen "Ja" dazu führen, dass zig Riesentanker auf den Weltozeanen ihren Kurs ändern und durch den Zusammenbruch von Lieferketten Volkswirtschaften auf- oder absteigen. Die Idee, dass Menschen mit ihren individuellen Handlungen größere Abläufe in ihrem Alltag beeinflussen können betracht zum Beispiel die Psychologie, siehe dazu die Idee von der Selbstwirksamkeit ↗

Weichenereignisse in der Geschichte: aus groß wird sehr groß


Im Jahr 1492 landete der Seefahrer Christoph Kolumbus im Auftrag Spaniens auf einer Insel vor dem amerikanischen Festland. Damit begann eine Zeit der Vernichtung großer Teile der dort ansässigen Bevölkerung, eine Kolonisierung Amerikas durch Europäer und letztendlich die Entstehung der Vereinigten Staaten als Katalysator einer heute als westlich bezeichneten Lebensart, die geprägt ist von Konsumismus, Marktwirtschaft und Vorstellungen individueller Freiheit. Stellen wir uns nun als eine alternative, kontrafaktische Geschichte folgendes vor: im Jahr 1450 macht ein junger Araber bei einem Würfelspiel einen großen Geldgewinn. Damit finanziert er große Entdeckungsfahrten über den Indischen Ozean. Dabei entdeckt er Australien. Australien wird daraufhin arabisch kolonisiert. In Australien wirken progressive Kräfte, die den Kontinenten zu einem mächtigen Vorreiter eines weltweit neuartigen Lebensstiles machen. So wie in der realen Geschichte das 20ten Jahrundert auch das amerikanische Jahrhundert genannt wurde, so wäre es in dieser kontrafaktischen Geschichte vielleicht zu einem arabischen Jahrhundert gekommen. Hier war das Weichenereignis der glückliche Gewinn bei einem Glücksspiel, letztendlich nur der Fall eines einzelnen Würfels. Siehe mehr zu Weichenereignissen in der Geschichte unter dem Stichwort Alternativweltgeschichte ↗

Weichenereignisse in der Realität (Tankerunglück)


30. Dezember, 1958, 2 Uhr morgens auf dem Öltanker "African queen" mit Ladung von Cartagena, Kolumbien Richtung Philadelphia (USA): Nach langer Zeit auf der Brücke zieht sich der Kapitän in seine Koje zurück. Er übergibt dem zweiten Offizier das Ruder. Bei Sichtung eines bestimmten Feuerschiffes stand ein schwieriger Kurswechsel an. Zu diesem wollte der Kapitän zur Sicherheit geweckt werden. Das aber unterließ der zweite Offizier. Die Folge: der Tanker lief auf eine Sandbank auf und zerbrach. eine schwere Ölpest verseuchte den nahen Strand von Ocean City. Kein Tourist sei mehr in die Stdt gekommen, die Immobilienpreise seien "ins Bodenlose" gefallen. "Der Untergang der Ocean Queen wurde zum Untergang einer kleinen Stadt"[7]. Hier war es vielleicht nur ein winziger Moment, ein Spiel weniger Atome oder Moleküle im Kopf eines Menschen, weniger hin und her sich drängender Gedanken, in dem sich der zweite Offizier dafür entschied, den Kurs ohne die Hilfe des Kapitäns zu wählen. Die Stadt, so die Geschichte weiter, sei auf Jahrzehnte wirtschaftlich betroffen gewesen.

Weichenereignisse in der Astronomie: kleine Störung, große Folge


Im 19ten Jahrhundert lobte der schwedische König Oskar II einen Preis aus: wer die ewige Stabilität der Erdbahn beweisen könne, solle den Preis erhalten. Tatsächlich fanden Wissenschaftler wie zum Beispiel der französische Mathematik Henri Poincare (1854 bis 1912) heraus, dass die Bahn der Erde um die Sonne in gewissen Grenzen sehr stabil ist. Man fand aber auch heraus, dass der Einfluss der äußeren Planeten, insbesondere des Mars, zu kleinen Schwankungen in der Erdbahn führt. Bis auf 4 Millionen Jahre in die Zukunft könne man die Positionen der Erde sehr genau vorhersagen. Ab dann aber führt der Einfluss der anderen Planeten zu Unbestimmtheiten, die man mathematisch nicht auflösen könne. Nach 10 Millionen Jahren dann, "verliert sich die Vorhersage über den Aufenthaltsort der Erde im Nebel des Chaos[6, Seite 119]." Schon kleinste Änderungen an der Bahn der Erde könnten langfristig große Änderungen bewirken. Interessant ist hier, dass die Folgen mit zunehmender Zeit immer schwerer voraussagbar werden. Phänomene, bei denen kleinste Änderungen große aber schwer vorhersehbare Wirkungen haben können behandelt man heute im Fachgebiet der Chaostheorie ↗

Unterscheidbare Weltverläufe


Die Idee eines Weichenereignisses ist eng verbunden mit der Idee von unterscheidbaren Verläufen der Geschichte, die man auch als unterschiedlich erstrebenswert erachtet, für die es also (subjektiv oder objektiv) gesehen nicht egal ist, welcher Verlauf eintritt. Diese Weltverläufe kann man weiter unterscheiden nach ihrer räumlichen Tragweite (nur meine Familie, Deutschland, der Kosmos) oder nach ihrer zeitlichen Tragweite (für meine Lebenszeit, für 100 Jahre, für immer).

Zum Weichenereignis verwandte Ideen



Fußnoten